Eine Lausitzer Sumpflandschaft?

Weil das Wasser in der Lausitz immer knapper wird, droht die Flutung ehemaliger Tagebaue zu scheitern – spätestens dann, wenn die Braunkohleförderung eingestellt wird.


Mit Steinen ausgekleideter Zufluss zum Tagebaurestloch, aus dem einmal ein See werden soll, der aber erst zu einem Viertel gefüllt ist. Aufnahme von Januar 2020.
Zufluss zum Cottbuser Ostsee – wegen Wassermangel gestoppt. (Foto: Jörg Peter Rademacher/​Pixabay)

Wo sich derzeit noch Kohlebagger tief durchs Lausitzer Erdreich graben und Mondlandschaften von der Größe Berlins hinterlassen, soll das Lausitzer Seenland entstehen, Europas größte von Menschenhand geschaffene Wasserlandschaft mit Dutzenden künstlichen Seen und sogar schiffbaren Kanälen.

Das versprechen die Werbebroschüren. Die Website "Lausitzer Seenland" listet derzeit 35 Seen auf, etwa zwei Drittel davon sind durch die Braunkohle entstanden oder sind am Entstehen. Von diesen Ex-Tagebauen steht gegenwärtig aber nur die Hälfte zur touristischen Nutzung offen, die andere Hälfte wird noch geflutet oder ist wegen Böschungsrutschungen oder aus anderen Gründen gar nicht oder nur eingeschränkt nutzbar.

Auf den Lausitzer Nach-der-Kohle-Traum legt sich dabei im Wortsinne immer mehr Staub. Denn es fehlt an Wasser im Revier, um die riesigen Restlöcher zu füllen.

Jüngstes Beispiel ist der Ex-Tagebau Cottbus-Nord. Dessen Flutung mit Flusswasser aus der Spree wurde im April 2019 gestartet – und bald darauf wegen des trockenen Sommers gestoppt.

Dennoch leitet das Braunkohleunternehmen Leag derzeit Wasser ins riesige Restloch, das den großspurigen Namen "Cottbuser Ostsee" verpasst bekam. Genehmigt ist die Einleitung von bis zu 28.800 Kubikmetern Filterbrunnenwasser pro Tag, so ein Leag-Sprecher.

Das Wasser stammt aus Brunnen, mit denen aktive Tagebaue trockengelegt werden, und mit der Einleitung soll das hydraulische Gefälle zwischen Grundwasser und Seewasser ausgeglichen werden, erläutert der Sprecher weiter.

Der Wasserspiegel im See soll höher liegen als der des aufsteigenden Grundwassers. Dann gibt es einen Gegendruck auf das Grundwasser und es wird im sogenannten Kippenkörper eingeschlossen. Täte man das nicht, würde das aufsteigende Grundwasser im sorgsam präparierten Ostsee für unkontrollierbare Rutschungen sorgen.

Flusswasser reicht zur Flutung nicht aus

Das Wasser zu besorgen ist für die Leag im Moment kein Problem. Pro Tonne geförderter Braunkohle müssen im Schnitt 5,5 Kubikmeter Wasser gehoben werden. Bei einer Lausitzer Förderung von rund 50 Millionen Tonnen 2019 kommen rein rechnerisch um die 275 Millionen Kubikmeter Wasser zusammen.

Mit dem Wasser kühlt die Leag unter anderem ihre Kohlekraftwerke. Rund 144 Millionen Kubikmeter werden nach Angaben aus dem sächsischen Energie- und Umweltministerium aber auch dafür genutzt, um die Ex-Tagebaue in der Region zu fluten.

Denn dafür reicht das Oberflächenwasser, das vor allem die Spree als wichtigster Fluss in die Region bringt, seit Jahren nicht mehr aus.

In trockenen Sommern wie 2018 und 2019 führt die Spree nach den sächsischen Ministeriumsangaben ganzjährig rund 150 Millionen Kubikmeter Wasser mit sich – und das ist ziemlich genau die Wassermenge, die zur Versorgung der Region selbst und vor allem auch der Hauptstadt Berlin benötigt wird.

Anders gesagt: In trockenen Sommern, wie sie durch den Klimawandel auch in der Lausitz immer häufiger auftreten, ist eigentlich kein Liter Flusswasser übrig, um noch Tagebaulöcher zu füllen.

Laut Genehmigung soll aber zum Beispiel der 19 Quadratkilometer große Ostsee zu 80 Prozent mit Wasser aus der Spree gefüllt werden. Nur 20 Prozent dürfen aus dem Grundwasseranstieg resultieren.

Klimawandel verschärft Wasserknappheit

Den Wasserbedarf, um allein den Ostsee zu füllen, bezifferte Martin Socher vom Energie- und Umweltministerium Sachsen jüngst bei einer Anhörung im Bundestag auf 500 Millionen Kubikmeter.

Das ist immer noch recht wenig, verglichen mit den Mengen, die künftig für die anderen noch aktiven Lausitzer Tagebaue – Nochten, Reichwalde, Welzow-Süd und Jänschwalde – gebraucht werden. Nach Sochers Angaben werden jeweils zwischen knapp einer Milliarde und 1,8 Milliarden Kubikmeter Wasser nötig sein, damit aus einem solchen Restloch irgendwann ein See wird.

Die Wasserknappheit wird noch dadurch verschärft, dass mit dem Kohleausstieg nach und nach das Filterbrunnenwasser wegfällt. Auch sorgt der Klimawandel für zunehmende Verdunstung.

Die Landesregierung Brandenburg geht davon aus, dass aus bestehenden Tagebauseen in der Lausitz pro Jahr rund 90 Millionen Kubikmeter Wasser verdunsten – in heißen Monaten soll dieser Verlust schon über der Menge an Wasser liegen, die die Spree in die Region bringt.

Wer die Lage mit einer Portion Zynismus betrachtet, könnte im Filterbrunnenwasser inzwischen schon das wichtigere Tagebau-Produkt sehen als den Braunkohlestrom. Während letzteren niemand mehr so recht haben will, sorgt das heraufgepumpte Grundwasser nicht nur dafür, dass die durstigen Kraftwerke überhaupt noch laufen können, sondern auch dafür, dass Flüsse und schon gefüllte Seen nicht trockenfallen.

Jedenfalls vergrößert nach Ansicht von Umweltschützern jeder Tag, den die Kohletagebaue noch laufen, das Wasserdefizit in der Lausitz. Sie fordern deswegen, bei der Rekultivierung die Schaffung künstlicher Verdunstungsflächen wie Tagebauseen auf ein unvermeidbares Minimum zu reduzieren.

Auf eine Minimum-Strategie lässt sich Brandenburgs Wirtschaftsministerium auf Nachfrage nicht festlegen. Es weist nur darauf hin, dass nach der geotechnischen Sicherung der Restlöcher ein Auffüllen durch einen einfachen Anstieg des Grundwassers nicht zugelassen werden kann.

Das Auffüllen würde dann sehr lange andauern und unter Umständen auch zu "Wasserbeschaffenheitsproblemen" im künftigen Tagebausee führen. Deshalb werde eine gezielte Flutung der Seen mit Fremdwasser durchgeführt.

Elbe-Wasser soll beim Tagebaufluten helfen

Auch Martin Socher sieht derzeit zur Flutung der Tagebaue keine richtige Alternative. Der sächsische Experte spricht aber auch von einem "massiven Mengendefizit", das beim Wasser in der Lausitz zu erwarten ist.

Zu allem Überfluss kann die Flutung auch nicht ewig hinausgeschoben werden. Wenn – wie derzeit im Ostsee – keine Gegenkraft aufgebaut wird, würden die Hänge erodieren und in die Ex-Grube abgleiten, warnte Socher in der Anhörung. Mit dem aufsteigenden Grundwasser könnten dann "riesige Trichter und Sumpflandschaften entstehen, die für nichts nutzbar sind".

Von solchen Aussichten will die Brandenburger Landesregierung nichts wissen. Eine "Versumpfung" der Tagebaurestlöcher finde nicht statt, teilt das Wirtschaftsministerium mit.

Dass die Region ein Wasserknappheitsproblem hat, kann aber auch die Landesregierung nicht wegdiskutieren. Laut dem Landesumweltministerium plant das Umweltbundesamt derzeit die Vergabe eines Gutachtens mit dem Titel "Wasserwirtschaftliche Folgen des Braunkohlenausstiegs in der Lausitz".

In dem Projekt, teilt das Umweltministerium weiter mit, würden künftige Abflussverhältnisse unter Berücksichtigung des Braunkohleausstiegs und des Klimas prognostiziert und eine kritische Bedarfsanalyse der Wassernutzungen durchgeführt. Vorgesehen sei, die Empfehlungen des Gutachtens in der künftigen Flussgebietsbewirtschaftung zu berücksichtigen.

Wie auch andere Fachleute plädiert Socher inzwischen dafür, eine alte Idee aus den 1990er Jahren wiederzubeleben – die Überleitung von Elbwasser in die Lausitzer Region: "Die Elbe ist absehbar die einzige Ressource, die wir haben, um den Klimawandel auszugleichen und das fehlende Grundwasser und Spreewasser zu kompensieren."

Ob aber die Elbe, die selbst mit Niedrigwasser zu kämpfen hat, die dafür nötigen Wassermengen hergibt und was der Bau künstlicher Überleiter kostet, ist noch völlig unklar.

Mehr und mehr zeichnet sich stattdessen ab, dass die Renaturierung der Lausitz nur über sehr viel längere Zeiträume möglich sein wird. Experten rechnen schon damit, dass die Lausitzer und ihre Gäste auf das versprochene Urlaubsparadies noch bis zum Ende des Jahrhunderts warten müssen.

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