Das Fahrrad im Mittelpunkt

Breite, klar gekennzeichnete Radspuren, Fahrradbrücken und Leitstreifen: Was deutsche Städte von Kopenhagen für eine klima- und menschenfreundliche Verkehrspolitik lernen können.


Fahrradfahrer in Kopenhagen überqueren eine Straßenkreuzung
Blaue Streifen leiten Radfahrer über Straßenkreuzungen: Kopenhagen hat dem gesamtwirtschaftlich kostengünstigsten Verkehrsmittel zum Durchbruch verholfen. (Foto: Mikael Colville-Andersen/​Flickr)

Das Fahrrad ist der bislang am meisten unterschätzte Schlüssel zu einem nachhaltigen, klimafreundlichen Stadtverkehr. In Kopenhagen wurde die zentrale Rolle des Fahrrads für einen nachhaltigen Stadtverkehr früh erkannt und die gesamte Verkehrspolitik entsprechend ausgerichtet. So war die Stadt, in der 62 Prozent aller Bürger mit dem Fahrrad zur Arbeit, zur Uni oder zur Schule fahren, im Jahr 2017 die Nummer eins im weltweiten Ranking der fahrradfreundlichsten Städte.

"Copenhagenize" ist heute der Begriff für eine nachhaltige Verkehrspolitik, bei der das Fahrrad im Mittelpunkt steht. Und siehe da – Radeln kann sogar in der Großstadt Freude machen.

Woher kommt die Freude? Zunächst liegt es daran, dass die Standardbreite der gegenüber der Straße und den Gehwegen abgegrenzten Fahrradwege in Kopenhagen 2,50 Meter beträgt – mehr als doppelt so viel wie die meisten Fahrradstreifen in Deutschland.

Darüber hinaus sind die Fahrradstraßen in einem sehr guten und sauberen Zustand. Über den glatten Asphalt scheint das Fahrrad wie von selbst zu rollen – wenn nicht gerade der Wind von vorne kommt. Ein Vergleich mit den vielen kümmerlichen, holprigen und schmalen Radwegen, die einen Großteil der Fahrradnetze in deutschen Städten ausmachen, verbietet sich fast.

Als Fahrradfahrer wird man in der dänischen Hauptstadt über gut sichtbare und für die Autofahrer nicht zu übersehende blaue Leitstreifen über Kreuzungen und querende Straßen geleitet – sofern nicht eine Fahrradbrücke eine kreuzungsfreie Querung erlaubt. Absenkungen oder Erhebungen bei seitlichen Einfahrten gibt es für die Radler nicht. Stattdessen müssen die Autos über eine kleine Rampe den Höhenunterschied zwischen Straße und Fahrradweg sowie zwischen Fahrradweg und Bürgersteig überwinden.

Foto: Ö-quadrat

Zur Person

Dieter Seifried studierte Energie- und Kraftwerks­technik in München und Volkswirtschafts­lehre in Freiburg. 1999 gründete er Ö-quadrat und ist dort seitdem Geschäftsführer. Zuvor war er Projektleiter beim Freiburger Öko-Institut.

Freude am Radfahren

Einige neue Brücken über die Kopenhagener Meeresarme und Kanäle wurden speziell für Radfahrer und Fußgänger gebaut. Dadurch konnten Wege verkürzt und das Radfahren zusätzlich sicherer und attraktiver gemacht werden.

Die 300 Meter lange Cykelslangen ist vielleicht die bekannteste und schönste, aber nur eine von 16 Brücken, die neu errichtet wurden oder kurz vor der Fertigstellung stehen. Hier kommt richtig Freude auf – man spürt die Energie, die für einen besseren Radverkehr eingesetzt wird.

Die Erkundungsfahrt führt auch an die Kopenhagener Universität. Ein Genuss, mit dem Fahrrad auf einem sanft geschwungenen, leicht abschüssigen Fahrradweg direkt unterhalb der Empfangshalle im freundlichen und sauberen Fahrradspeicher anzukommen und ein Stockwerk höher stilvoll empfangen zu werden.

Im Einkaufszentrum Fisketorvet bietet sich ein ähnliches Bild: auf breitem Fahrradstreifen geht es direkt hinein ins Einkaufszentrum, wo sich mit dem zur Verfügung gestellten Werkzeug selbst Hand anlegen oder die Radwerkstatt nutzen lässt.

Portrait Ritter
Foto: privat

Zur Person

Roman Ritter hat einen Abschluss als Volkswirt an der Uni Freiburg. Seit 2001 arbeitet er zu erneuerbaren Energien, seit 2010 als selbständiger Berater in der Entwicklungs­zusammen­arbeit. Mit Blick auf das Klima beschäftigt ihn neben der Energiewende zunehmend auch die Verkehrswende.

Fahrradfahren in Kopenhagen ist entspannend: keine Autos, die hinter einem drängeln oder mit wenigen Zentimetern Abstand an einem vorbeifahren. Es gibt keinen Kampf um die knapp bemessene Straßenbreite in Einbahnstraßen mit gegenläufiger Fahrradnutzung. Es gibt selten Ärger zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern, weil die Wege klar getrennt sind – nicht durch eine Linie, sondern durch einen Bordstein, der das unterschiedliche Fahrbahnniveau trennt.

Urlaubsgefühle stellen sich ein, wenn die Fahrradwege getrennt vom Autoverkehr durch Parks, am Meer oder an Kanälen entlangführen und wunderschöne Blicke auf historische Gebäude oder interessante Architektur zulassen.

Doch auch auf Fahrradwegen entlang der Hauptstraßen kommt Fahrspaß auf, wenn man auf der grünen Welle reiten kann. Die Ampeln sind so geschaltet, dass man bei einer Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern grünes Licht hat.

Doch der ehemalige Umweltbürgermeister Morten Kabell erklärt, dass die Kopenhagener nicht zum Spaß Fahrrad fahren. Sie radeln, weil es die schnellste und bequemste Möglichkeit ist, in der Stadt ans Ziel zu kommen.

Autofahrer steigen um, wenn die Alternative überzeugt

Die Kopenhagener hatten die Nase voll von den Blechstaus und davon, dass ihre Kinder nicht mehr allein zur Schule gehen konnten. So begannen sie vor rund 25 Jahren systematisch dafür zu sorgen, dass nichts praktischer ist als zu radeln.

Eine zukunftsfähige Verkehrspolitik erfordert Mut, denn sie ist nicht möglich, ohne dem Autoverkehr etwas wegzunehmen. Doch das Beispiel Kopenhagen zeigt, dass sich die Menschen überzeugen lassen, wenn das Ergebnis ein schnelles, sicheres, zuverlässiges und auch kostengünstiges Fortkommen in der Stadt ist.

Kopenhagen hat seit Beginn der Fahrradoffensive rund 280 Millionen Euro in Fahrradwege investiert. Das hört sich mächtig an, entspricht aber lediglich dem Betrag, der für eine drei Kilometer lange Umgehungsstraße im Norden Kopenhagens investiert wurde.

Im Vergleich liegen viele deutsche Städte weit zurück. Selbst im Haushaltsplan der deutschen "Öko-Hauptstadt" Freiburg für die beiden vergangenen Jahre waren für den Ausbau des Radverkehrs jährlich nur eine halbe Million Euro, also rund zwei Euro pro Kopf vorgesehen.

Um dem gesamtwirtschaftlich kostengünstigsten Verkehrsmittel auch in deutschen Städten zum Durchbruch zu verhelfen, hat das Fahrrad deutlich mehr verdient. Zumal die Heimat der in Karlsruhe erfundenen Draisine nicht nur Autoland ist – sondern seit 200 Jahren auch Fahrradland.

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