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Beim Einkauf das E-Auto kostenlos laden

Verborgen von der Öffentlichkeit wächst in Deutschland eine Ladeinfrastruktur für E-Autos: auf den Parkplätzen großer Einzelhändler. Was die Branche über eine grüne Imagepflege hinaus langfristig mit der E-Mobilität anfangen soll, ist ihr aber noch nicht so klar.


Blaues Schild mit Hinweis auf Parkplatz mit Lademöglichkeit für Elektroautos in Form eines weißen Autos mit einem blauen Stecker darin.
Auf jedem Ikea-Parkplatz gibt es jetzt Ladepunkte für Elektroautos. (Foto: Ikea)

"Haben Sie eine Kundenkarte?" – "Ja."– "Dann kostet Sie das Laden Ihres E-Autos nichts." So oder ähnlich könnten künftig Dialoge an deutschen Supermarktkassen klingen. Nahezu im Wochentakt verkünden die Handelsketten hierzulande die Installation neuer E-Ladesäulen.

So nahm kürzlich Kaufland, zum Schwarz-Konzern gehörend, die hundertste Ladesäule auf einem Filial-Parkplatz in Betrieb. Die Jubiläums-Säule steht im schwäbischen Bietigheim-Bissingen.

Bei Kaufland "tanken" die Kunden Ökostrom, der, so die Auskunft des Unternehmens, das Label "Grüner Strom" trägt. Wer allerdings den Grünstrom liefert, das will Kaufland auch auf Nachfrage nicht mitteilen.

Zu erfahren ist nur, dass mehr als 90 Prozent der E-Ladestationen bei Kaufland über eine von der Filiale unabhängige Stromversorgung verfügen. Das ist nicht unwichtig. So stellt die Kette sicher, dass die Ladestationen wirklich nur den gelabelten Ökostrom abgeben.

Die Kaufland-Filialen als Ganzes tun das nämlich nicht. Dort, wo die Ladestationen auch den Strom der Filiale nutzen müssen, werde über den Kauf entsprechender Zertifikate gesichert, dass Ökostrom in die Batterien der E-Autos fließt, so das Unternehmen.

Den Aufwand treibt Kaufland nicht ganz freiwillig. Er ist dem Umstand geschuldet, dass die Kette für den Bau der ersten hundert Ladesäulen die laufende Förderung des Bundeswirtschaftsministeriums in Anspruch nahm. Da ist der Einsatz von Ökostrom Bedingung.

Auf große Händler zugeschnitten

Einfacher hat es da der Möbelriese Ikea. Der versorgt auch seine Filialen mit Ökostrom, vom TÜV Rheinland zertifiziert. Ein separater Anschluss für die Ladesäulen entfällt. Anfang März stattete das schwedische Möbelhaus seine 53. und damit letzte deutsche Filiale mit einer Ladesäule aus. Insgesamt bietet Ikea hierzulande auf den firmeneigenen Parkplätzen seinen Kunden 115 Ladesäulen mit jeweils zwei Ladepunkten an, hauptsächlich mit 20 oder 22 Kilowatt Leistung.

Das sind keine Schnelllader. Bei Ikea soll man sich mit dem Einkaufsbummel ja auch Zeit lassen. Im Schnitt stehen die E-Autos dort nach Unternehmensangaben knapp 50 Minuiten an der Säule. Andere große Einzelhändler wie Edeka und Aldi Süd – die beiden gelten in der Branche als Vorreiter beim E-Autostrom – rechnen mit Ladezeiten von einer halben Stunde bei täglich fünf bis sieben Ladevorgängen pro Filiale.

Ikea zählt in der Regel 30 Ladevorgänge pro Tag und Standort. Kaufland gibt sich auch bei den Nutzungszahlen zugeknöpft und spricht nur davon, dass die Lademöglichkeit "sehr gut" angenommen" werde. Ob das alles viel oder wenig ist, lässt sich mangels vergleichbarer Daten schwer beurteilen, zumal die Handels-Ladesäulen – verständlicherweise – nur während der Öffnungszeiten zugänglich sind.

Das Potenzial des Einzelhandels für E-Ladesäulen ist allerdings riesig. Nach Angaben des Branchenverbandes HDE verfügen die etwa 38.000 Einzelhandelsmärkte in Deutschland zusammen über rund 1,9 Millionen Parkplätze. "Alle großen Marken kümmern sich um das Thema E-Ladesäulen", sagt Lars Reimann, beim HDE für Energie und Umweltpolitik zuständig.

Bei einer Anfang 2018 veröffentlichten Umfrage gaben 70 Prozent der befragten Händler an, sie würden ihren Kunden Parkplätze mit Ladesäulen zur Verfügung stellen, davon bieten wiederum zwei Drittel den Strom kostenlos an. Das seien vor allem Lebensmitteleinzelhändler, Baumärkte, Elektrofachgeschäfte und Möbelhäuser.

Für innerstädtische Händler wie Bekleidungs-, Schuh- und kleinere Einrichtungshäuser ist, wie die Umfrage ergab, die Änderung der Gebäudeeffizienzrichtlinie nicht relevant. Solche Händler sind demnach größtenteils Mieter und besitzen die Immobilie nicht.

Die Gebäudeeffizienzrichtlinie schreibt vor: Ab März 2020 muss ein neu errichteter Markt bei mehr als zehn Parkplätzen einen Ladepunkt anbieten. Ab 2026 müssen auch bestehende Filialen, sofern sie über mehr als 30 Parkplätze verfügen, mit Ladesäulen nachgerüstet werden. So könnten langfristig in Deutschland zehntausende neuer Ladesäulen zusammenkommen. Bislang gibt es davon bundesweit nur knapp 14.000.

Die Fördersumme reicht gerade für die Roaming-Anmeldung

Das Laden ist zurzeit in vielen Filialen kostenlos – doch das würden die Händler über kurz oder lang wieder zurücknehmen, sagt HDE-Mann Reimann voraus. Noch stünden die Kundenbindung, der Servicegedanke und die Imagepflege im Vordergrund. Diese Faktoren würden aber mit dem Fortschreiten der E-Mobilität an Bedeutung verlieren, meint Reimann. Also dann, wenn das E-Auto zum Normalfall wird und täglich hunderte Tankwillige die Parkplätze füllen.

Wird der E-Autostrom den Kunden nicht berechnet, kostet das den Händler pro Jahr und Filiale im Schnitt 3.000 Euro, gibt Reimann an. Dies sei aber nicht der entscheidende Punkt, der das E-Laden für den Handel derzeit noch zu teuer macht, betont er. Vor allem die Installation der Ladesäule schlägt ins Kontor. Mit den üblichen zwei Anschlüssen koste dies alles in allem bis zu 30.000 Euro, so der HDE-Experte.

Für den Aufwand sorgt vor allem der Umstand, dass die Ladesäule, auch wenn ihr Strom den Kunden nichts kostet, dennoch für das sogenannte E-Roaming freigeschaltet werden muss. Dahinter steht die gesetzliche Vorschrift, dass E-Fahrzeug-Nutzer an jeder Ladestation einen Zugang zu verschiedenen Stromanbietern haben sollen. Über das Roaming erfolgt auch die – vielleicht später einmal nötige – Verrechnung der Ladekosten zwischen dem Kunden, dem E-Auto-Anbieter und dem Betreiber der Ladestation.

"Die bereitgestellte Fördersumme brauchen die Märkte rechnerisch allein für die Anmeldung der Ladesäulen zum Roaming", kritisiert Reimann die gesetzliche Vorgabe. Dazu kommen dann noch die bürokratischen Kosten durch Abrechnungs- und Berichtspflichten, wenn ein Supermarkt zum Beispiel mehr als 100 Kilowatt Solarstrom auf seinem Dach installiert hat und dadurch in den Augen des Gesetzgebers zu einem Stromerzeuger wird.

"Um bei den ganzen Melde- und Berichtspflichten sicherzugehen, bildet man am besten gleich eine Rückstellung in Höhe der kompletten EEG-Umlage eines Jahres", ärgert sich der HDE-Experte über die Hindernisse. Solange diese Risiken in Deutschland so groß sind, müsse E-Mobilität einfach scheitern, meint er.

Viele denkbare Konzepte bleiben deswegen auch in der Schublade. So wäre vorstellbar, dass Händler auf den Dächern der Filialen Solarstrom gewinnen und diesen imageträchtig an ihre E-Auto-Kunden weiterreichen. Oder dass die Leute ihre Elektromobile während des Einkaufs aufladen und den Strom bequem zusammen mit den anderen Erwerbungen an der Kasse bezahlen – oder als Bonus sogar erlassen bekommen. Auf Dialoge wie eingangs aufgeführt werden die Kunden noch einige Jahre warten müssen.

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