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An der Schnellstraße zur Hölle wird weiter betoniert

Die Welt befindet sich auf dem Highway in die Klimahölle, warnte der UN-Generalsekretär zu Beginn des Klimagipfels COP 27. Panikmache oder reale Lagebeschreibung? Versuch einer Antwort nach zwei Wochen Sharm el‑Sheikh.


Evakuierung Waldbrand
Auch in einigen reichen Regionen wird die Klimahölle langsam greifbar, doch das Herstellen von Zusammenhängen geht noch langsamer. (Foto: Darren RD/​Wikimedia Commons)

Mit dem Flugzeug zum Klimagipfel? Die freundliche Airport-Mitarbeiterin am Berlin-Brandenburger BER hatte mich als COP‑27-Reisenden ausgemacht. Die Ironie war unüberhörbar. Aber was soll man machen? Selbst die Klimabewegten von Fridays for Future mussten ab Istanbul das Flugzeug nach Sharm el‑Sheikh nehmen.

Anders zum Konferenzort am Roten Meer zu kommen, ist praktisch unmöglich. Daran wurden die rund 35.000 Gipfelbeteiligten auch jeden Tag erinnert – wenn die Jets, das Fahrwerk schon ausgefahren, im Landeanflug übers Konferenzgelände donnern.

Wenigstens wackeln die Piloten nicht grüßend mit den Flügeln. Sie hätten allen Grund dazu. Das Flugwesen befindet sich nach dem Pandemieknick im Aufwind. Das sorgt wesentlich mit dafür, dass 2022 weltweit mehr als 40 Milliarden Tonnen CO2 emittiert werden – ein Rekordjahr, nur noch übertroffen von 2015.

Natürlich will auch der Flugverkehr – wie inzwischen jede Branche – bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral werden. Bei einem sogenannten Side Event, einer der zahlreichen Nebenveranstaltungen auf dem Gipfel, rief die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO eine "neue Ära grüner Innovationen" aus.

Klimaneutral nur dank Kompensation

Die Ära sieht bei der Luftfahrtlobby so aus: effizientere Flugzeuge und "grünes" Kerosin, letzteres vor allem aus Biomasse und Abfall. Ein bisschen Flugsprit soll auch aus E-Fuels kommen. Für "Net Zero", also netto null Emissionen, reicht das nicht. Der Luftverkehr könnte laut ICAO-Szenario im Jahr 2050 noch bis zu 900 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen.

Dieser "Rest" soll dann irgendwo anders ausgeglichen werden – durch Wälder oder durch CO2-Abscheidung und -Speicherung. Darüber redet die Luftfahrt aber nicht so gern. Es ist ja auch noch lange hin bis zur Mitte des Jahrhunderts. Wer weiß schon, was dann sein wird.

Das weiß auch Ken Ofori-Atta nicht. Ghanas Finanzminister weiß aber, was heute schon ist: "Wir sind auf einem Highway in die Klimahölle", zitierte Ofori-Atta bei einem Pressetermin in Sharm el-Sheikh den Erfinder des Höllen-Bildes. Das ist UN-Generalsekretär António Guterres. Der hatte sich bildlich beim Rockkracher "Highway to Hell" der Band AC/DC bedient.

Wer mehr über die Klimahölle auf Erden wissen wollte, ging erstmal zu einem Side Event der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN.

"Soziale Kipp-Punkte" kommen zuerst

Noch bei keinem Gipfel stand die Ernährung so im Fokus. Derzeit haben mehr als 800 Millionen Menschen auf der Welt nicht genug zu essen. Hauptgründe sind die Klimakrise und ihre Folgen wie Dürren, aber auch monatelange Überflutungen.

27 der 35 am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder leiden schon heute unter extremer Ernährungsunsicherheit, sagen die Statistiken. Und das bei einer Erderwärmung von erst 1,2 Grad.

"Denken Sie daran, die Klimaänderungen betreffen die Menschen nicht nur physisch", redete Johan Rockström, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, auf dem FAO-Event dem Publikum ins Gewissen. Der Bauer in Burkina Faso werde schon nervös, wenn sich die Regenzeit um zwei bis drei Wochen verzögere, er mache sich Sorgen, dass ihm künftig die Mittel für Saatgut und Dünger fehlen.

Bevor klimatische Kipppunkte überschritten werden, sind schon "soziale Kipppunkte" erreicht, warnte Rockström. Anders gesagt: Noch bevor Hitze oder Dürre das Leben für die Menschen unmöglich machen, sind ihre sozialen Möglichkeiten, auf den Klimawandel zu reagieren, längst erschöpft.

2.400 Milliarden gegen die Klimakrise

Zuerst gehen für die Menschen Gerechtigkeit, Sicherheit und die Möglichkeit verloren, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sagte Rockström. Damit wiederum steigen die Risiken für Vertreibung und Konflikte. "Und dann stelle man sich vor, die Erderwärmung beträgt nicht wie heute 1,2 Grad, sondern 2,4 bis 2,8 Grad am Ende dieses Jahrhunderts."

Das will man sich nicht vorstellen. Noch befinden wir uns im Vorhof zur Klimahölle. Aber schon jetzt, das zeigt ein aktueller Bericht des bekannten britischen Ökonomen Nicholas Stern, würde der globale Süden 2,4 Billionen, also 2.400 Milliarden Dollar pro Jahr für Energiewende, die Anpassung an Dürren, Stürme und Starkregen und die Folgen klimabedingter Naturkatastrophen benötigen.

Zurück zum ghanaischen Finanzminister. Für Ken Ofori-Atta braucht es einen "Marshallplan gegen die Klimakrise". Und warum die Industrieländer den nicht finanzieren wollen, findet er schwer verständlich. In der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise habe jedes der wirtschaftsstarken G7-Länder Dutzende Milliarden Dollar lockergemacht – aber zum Ausgleich der Klimaschäden soll nichts da sein?

Deutschlands Brückenbau-Idee

Ofori-Atta richtete den Vorwurf in Sharm el-Sheikh direkt an die deutsche Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze anlässlich einer Präsentation des sogenannten "Global Shield", des von Deutschland ins Leben gerufenen Schutzschirms gegen die Klimakrise.

Für das Finanzinstrument stellt Deutschland 170 Millionen Euro als eine Art Startgeld bereit. Bei der Summe gerät man angesichts der höllischen Schäden, die die Klimakrise mit sich bringt, als deutsche Ministerin und Sozialdemokratin ein bisschen in Erklärungsnot.

Also deutete Schulze das Bild von der Klimahölle um. Statt auf dem "Highway" dorthin zu rasen, wolle sie lieber eine "Bridge Over Troubled Water" bauen, entgegnete sie dem ghanaischen Minister, einen Folkrock-Hit von Simon and Garfunkel zitierend. Sie, Schulze, wolle eine Brücke zwischen Industrieländern und den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern.

Auf dem Klimagipfel fragt man sich aber ein ums andere Mal: An welcher Brücke baut Deutschland tatsächlich? Führt der jetzige Weg nicht eher zurück in die Zeiten, als fossiles Erdgas, das jetzt LNG heißt, noch als Brückentechnologie galt?

Deutschland wird, Stand heute, das eigene Klimaziel für 2030 verfehlen und hat praktisch keine Chance mehr, seinen gerechten Teil beizutragen, um das globale 1,5-Grad-Ziel einzuhalten.

Deutschland gehört, ob man das wahrhaben will oder nicht, zu den Ländern, die weiterhin an einer Schnellstraße in die Klimahölle bauen – oder besser gesagt betonieren.

Kohleproblem bleibt ungelöst

Denn am Entscheidenden fehlt es auch hier, und das ist der konsequente Ausstieg aus den fossilen Energien, allen voran der Kohle. "Über 95 Prozent des weltweiten Kohleverbrauchs findet in Ländern statt, die sich verpflichtet haben, ihre Emissionen auf netto null zu reduzieren", sagte Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur IEA, diese Woche bei der Präsentation des "Coal Transition Exposure Index", der die Fortschritte beim Kohleausstieg anzeigt.

Es gebe zwar ermutigende Impulse für den Ausbau sauberer Energien, so Birol. Ein großes ungelöstes Problem sei aber, wie mit den riesigen weltweiten Kohlevorräten umgegangen werden soll.

"Kohle ist sowohl die größte Einzelquelle für CO2-Emissionen aus dem Energiesektor als auch die größte Einzelquelle für die Stromerzeugung weltweit", widersprach Birol der landläufigen Meinung, der Klimakiller habe die beste Zeit schon hinter sich. Kohle ist derzeit die schnellste Spur auf dem Highway in die Klimahölle. Das war schon einmal anders.

Experten erklären das so: Seit dem Pariser Klimagipfel 2015 ist der Klimawandel stets schneller gewesen als die Klimapolitik. Beim letztjährigen Gipfel in Glasgow hatte die internationale Gemeinschaft den Rückstand verkürzt, vor allem mit den beschlossenen Zielen für einen weltweiten Kohleausstieg. Doch davon ist in Sharm el-Sheikh bislang wenig die Rede, ob es der Kohleausstieg in die Abschlusserklärung schafft, ist ungewiss.

Einziger Lichtblick sind die 20 Milliarden Dollar, die Indonesien bekommen soll, damit es keine neuen Kohlekraftwerke mehr baut. Abbauen und exportieren darf das Land die Kohle aber weiterhin. Die Einigung wurde auch nicht auf dem Weltklimagipfel erreicht, sondern beim gleichzeitig stattfindenden G20-Gipfel auf der indonesischen Insel Bali. Das zeigt, wer derzeit entscheidet, wo es weltpolitisch langgeht.

Lula als Star des Klimagipfels

Auf dem Konferenzgelände in Sharm el-Sheikh wuselt es wie bei jedem Klimagipfel. Von morgens bis abends werden Initiativen, Projekte und Konzepte vorgestellt, wird debattiert und gestritten, wie die Welt klimaneutral werden kann: mehr Erneuerbare, mehr CO2-Senken, andere Ernährung. Niemand sagt mehr, der Klimawandel sei nicht so schlimm oder nicht so wichtig.

Diese Woche "testete" ein Dutzend Fridays-for-Future-Aktiver das offizielle Demonstrationsgelände in Sharm el-Sheikh – weit weg vom Konferenzzentrum und dem Ort selbst. Um auf diesen undemokratischen Zustand aufmerksam zu machen, erklärte die Gruppe, habe sie ihr Privileg nutzen müssen: europäische Pässe. Ägyptische und andere besonders gefährdete Aktivistinnen und Aktivisten hätten nicht einfach an der Demonstration teilnehmen können.

Menschenrechte und Klimaschutz sind unteilbar – selten ist dieser Zusammenhang so augenfällig wie in Sharm el-Sheikh. Als neuer Star der Klimabewegten des globalen Südens erweist sich dabei der neugewählte Präsident Brasiliens, Luiz Inácio Lula da Silva.

COP 27 in Sharm el-Sheikh

Bei der 27. UN-Klimakonferenz in Sharm el-Sheikh geht es um die Zukunft des globalen Klimaschutzes. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Ägypten und berichtet mehrmals täglich.

Lula machte der COP 27 am Mittwoch seine Aufwartung – und sorgte für den ersten Flashmob des Klimagipfels. Stundenlang standen Klimagruppen vor dem Saal, in dem Lula auftrat, und versuchten noch hineinzugelangen, initiierten Sprechchöre und tanzten sogar.

Auch für Adrián Martínez aus Costa Rica ist Lulas künftige Führungsrolle beim Klimaschutz sehr wichtig. Zu oft hätten die Industrieländer die Spaltung des globalen Südens für ihre Interessen ausgenutzt, sagte der Direktor von "Ruta al Clima", einer Organisation, die die Bürgerbeteiligung in der Klimapolitik fördert.

Lula schlug für 2025 Brasilien als Gastgeber der Weltklimakonferenz vor. Stattfinden soll sie im Amazonasgebiet.

Wie wird ein Europäer da wohl am besten hinkommen?

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