Industrielandschaft am Horizont mit qualmenden Schloten vor dunkelblau bewölktem Himmel.
Trotz jahrzehntelanger Warnungen aus der Wissenschaft entlassen die Schornsteine noch immer klimaschädliche Emissionen im großen Stil. (Foto/​Ausschnitt: Alexander Droeger/​Pixabay)

Die Weltgemeinschaft hat 2015 bei der Verabschiedung des Pariser Klimavertrages beschlossen, das Aufheizen des Planeten bei maximal zwei Grad zu stoppen, besser aber bei 1,5 Grad. Aktuelle Bilanzen der UN und der Internationalen Energieagentur IEA zu den nationalen CO2-Plänen – Fachkürzel: NDCs – und zur Energiepolitik der Regierungen weltweit zeigen: Dieses Ziel wird weit verfehlt, wenn die Länder nicht radikal nachsteuern.

Klar ist: Die Einhaltung des 1,5-Grad-Limits ist schon fast außer Reichweite. Allerdings könnte Putins Energiekrieg dem klimafreundlichen Umbau des Energiesystems einen Push geben.

Das UN-Umweltprogramm Unep in Nairobi warnte am heutigen Donnerstag mit drastischen Worten vor einer Fortsetzung des unzureichenden Klimaschutzes: "Das Fenster schließt sich" – so der Titel des "Emissions Gap Report 2022".

Unep-Chefin Inger Andersen sagte: "Wir hatten unsere Chance, schrittweise Änderungen vorzunehmen, aber diese Zeit ist vorbei. Nur eine tiefgreifende Umgestaltung unserer Wirtschaft und Gesellschaft kann uns vor einer sich beschleunigenden Klimakatastrophe bewahren."

Der Report zeigt, dass die bisherigen Klimaschutzpläne der knapp 200 Unterzeichnerstaaten des Paris-Vertrags darauf hinauslaufen, dass sich die Erde bis 2100 um 2,4 bis 2,6 Grad erwärmt. Zum prinzipiell gleichen Ergebnis – 2,5 Grad – war der am Mittwoch vorgelegte Bericht des UN-Klimasekretariats in Bonn gekommen. Würden nur die bereits zu aktueller Politik gewordenen Pläne fortgesetzt, wären es sogar 2,8 Grad.

Zwar könnten laut Unep theoretisch auch 1,8 Grad erreicht werden, dann nämlich, wenn auch die (zumeist noch unverbindlichen) Ankündigungen von Staaten wie den USA, China und der EU umgesetzt werden, bis 2050 oder 2060 Klimaneutralität zu erreichen. Es gebe also "noch Hoffnung", so die Organisation.

Sie schränkt aber ein: "Allerdings ist dieses Szenario aufgrund der Diskrepanz zwischen den derzeitigen Emissionen, den kurzfristigen NDC-Zielen und den langfristigen Netto-Null-Zielen derzeit nicht glaubwürdig."

Nur wenige Länder wollen mehr tun

Das 1,5-Grad-Limit gilt als Sicherheitslinie, um wichtige Kipppunkte des Weltklimasystems zu vermeiden. Um diese Grenze zu halten, müssten die globalen Treibhausgas-Emissionen bis 2030 gegenüber dem Stand von 2010 halbiert werden, so der Weltklimarat IPCC. Bisher hat sich die Erde bereits um rund 1,2 Grad erwärmt, mit schon jetzt katastrophalen Folgen in vielen Weltregionen.

Das Unep betont denn auch nun: Um auf den 1,5-Grad-Pfad zu kommen, müssten die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent gegenüber dem Wert gesenkt werden, der bei Fortsetzung der derzeitigen Politik zu erwarten ist. Um das Zwei-Grad-Limit halten zu können, ist laut dem Report eine Senkung um 30 Prozent nötig.

Beides wäre eine echte Kehrtwende. Das UN-Klimasekretariat erwartet nämlich, dass die Emissionen bis 2030 tatsächlich um 10,6 Prozent im Vergleich zu 2010 ansteigen werden. Das ist zwar etwas moderater als bei der Bewertung im vorigen Jahr erwartet (13,7), aber immer noch weit entfernt von den nötigen Minderungspfaden. Die UN-Experten erwarten, dass die Emissionen erst nach 2030 sinken werden.

Beide Analysen erschienen im Vorfeld des UN-Klimagipfels, der im November im ägyptischen Sharm el-Sheikh stattfindet. Sie fallen so pessimistisch aus, weil seit der letzten Klimakonferenz in Glasgow im vorigen Jahr nur 24 Länder verbesserte Klimapläne vorgelegt haben – obwohl sich doch alle einig gezeigt hätten, dass dies nun geschehen müsse, wie das Klimasekretariat anmerkte. In Ägypten müsse deshalb unbedingt nachgelegt werden, forderte der neue UN-Klimachef Simon Stiell.

IEA sieht Ende des fossilen Zeitalters kommen

Ob das während einer noch nicht überstandenen Corona-Pandemie und inmitten der vom Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise geschehen wird, ist sehr fraglich. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat die Erwartungen an den Gipfel zum Beispiel schon deutlich heruntergedimmt. Sie sagte, es könne passieren, dass die Konferenz noch nicht einmal eine gemeinsame Abschlussvereinbarung hinbekomme.

Auf die Frage, welches Minimalziel die Bundesregierung bei der Konferenz verfolge, sagte Baerbock: "Dass sie stattfindet. Das weiß man in dieser Weltlage nie."

Für etwas Hoffnung in dieser tristen Lage sorgt ausgerechnet die Internationale Energieagentur, die in früheren Jahren oft als Apologetin der fossilen Energien auftrat. Ihr am Donnerstag vorgelegter "World Energy Outlook" erwartet in allen Szenarien erstmals überhaupt für alle fossilen Brennstoffe – Kohle, Erdgas, Erdöl – einen Höchststand oder ein Plateau, ab dem die Nutzung absinkt.

"Die durch den Einmarsch Russlands in die Ukraine ausgelöste globale Energiekrise führt zu tiefgreifenden und langfristigen Veränderungen, die den Übergang zu einem nachhaltigeren und sichereren Energiesystem beschleunigen können", so die Bewertung der Agentur. Die IEA erwartet daher den "Höhepunkt der globalen Emissionen im Jahr 2025". Sie ist damit optimistischer als die UN-Organisationen, die von 2030 als Umkehrpunkt ausgehen, weil sie den Putin-Effekt noch nicht einrechnen.

Allerdings betont auch die IEA, dass dies allein nicht ausreichen werde, um "schwerwiegende Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden". Die Investitionen in saubere Energien müssten von derzeit 1,3 Billionen US-Dollar jährlich bis 2030 auf rund vier Billionen verdreifacht werden, um weltweite Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts zu erreichen und so das 1,5-Grad-Limit halten zu können. Es sei daher notwendig, "neue Investoren für den Energiesektor zu gewinnen".

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