Anzeige
Wir suchen Dich.

Erdgas-Boom gefährdet Paris-Ziel

Auf der Suche nach Ersatz für die Gaslieferungen aus Russland schießen die Staaten weit über die Notwendigkeiten hinaus, zeigt eine neue Analyse der Forschungsinitiative "Climate Action Tracker". Das 1,5-Grad-Ziel gerät dadurch noch mehr in Gefahr.


Eine kleine Erdkugel-Nachbildung aus Metall befindet sich direkt über einer Gasflamme, wie sie bei Gasherden üblich ist.
Die massenhafte Nachfrage nach Gas gefährdet das Pariser Klimaziel. (Foto: Gerd Altmann/​Pixabay)

Putins Energiekrieg und der Stopp der Erdgaslieferungen haben weltweit eine Vielzahl neuer Gasprojekte ausgelöst, ob in Australien, Asien, USA, Kanada, Nahost oder Afrika. Der Erdgasmangel in Europa soll so kompensiert werden – mit LNG-Schiffen anstelle russischer Pipelines.

Der fossile Energieträger könnte damit allerdings einen neuen Boom erleben, der die Einhaltung des 1,5-Grad-Limits der Erderwärmung zusätzlich gefährdet, so eine neue Analyse des "Climate Action Tracker" (CAT), die jetzt auf dem UN‑Klimagipfel in Ägypten vorgestellt wurde.

Die Forschungsinitiative hat die CO2-Emissionen errechnet, die durch alle im Bau befindlichen, genehmigten und vorgeschlagenen Projekte zur Förderung von verflüssigtem Erdgas (LNG) zwischen 2021 und 2050 entstehen würden.

Ergebnis: Allein diese Projekte könnten sich bis 2050 auf rund zehn Prozent des noch verbleibenden globalen CO2-Budgets für die 1,5-Grad-Erwärmung summieren. Bereits 2030 droht ein Überangebot an LNG von 500 Milliarden Tonnen, was laut Climate Action Tracker fast dem Fünffachen der russischen Gaseinfuhren der EU im Jahr 2021 und dem Doppelten der gesamten russischen Exporte weltweit entspricht.

"Die Energiekrise hat die Klimakrise übernommen", sagte CAT-Experte Bill Hare. Die vorgelegte Analyse zeige, dass das neue LNG‑Volumen weit über das hinausgehe, was benötigt wird, um russisches Gas zu ersetzen. Eine zunehmende Abhängigkeit von fossilem Gas könne aber nicht die Lösung für die heutigen Klima- und Energiekrisen sein.

Umrüsten auf Wasserstoff schwierig

Klimaschützer kritisieren in diesem Zusammenhang gerade auch die Erdgas- und LNG-Pläne der deutschen Bundesregierung. Deutschland will sich unter anderem am Neuaufschluss von Gasquellen in Senegal beteiligen und plant Gaslieferverträge mit dem Emirat Katar.

Außerdem sollen an den Nord- und Ostseeküsten bis zu zwölf LNG-Terminals gebaut werden. Die Kritiker halten dies für überdimensioniert, dadurch werde eine zu hohe Erdgas-Nutzung für die Zukunft vorprogrammiert.

Unterstützung erhalten die Klimaschützer jetzt durch eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. Die Hoffnung, die Terminals könnten später auch für klimaneutral erzeugte Energieträger umgerüstet werden, sei "mit großen Unsicherheiten" behaftet, heißt es darin.

Selbst wenn die technischen Probleme gelöst werden könnten, seien etwa für eine Umrüstung auf Wasserstoff noch einmal 50 Prozent der ursprünglichen Investitionskosten nötig. Für "nicht möglich" halten es die Studienautor:innen außerdem, ein Terminal gleichzeitig für verschiedene Energieträger zu nutzen oder flexibel vom einen zum anderen zu wechseln.

Die Bundesregierung hingegen hatte mitgeteilt, man plane "von Anfang an, diese Infrastruktur in Zukunft auch für Wasserstoff nutzen zu können". "Die Terminals, die Leitungen, die Verdichterstationen – alles wird auch auf Wasserstoff ausgelegt", sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Ende September im Bundestag.

"In den Notfallmodus schalten"

Die ebenfalls auf dem Klimagipfel vorgelegte Erwärmungsprognose des Climate Action Tracker zeigt derweil, dass die Staaten, die das Paris-Abkommen unterschrieben haben, insgesamt praktisch keine Fortschritte in Richtung auf das 1,5-Grad-Ziel gemacht haben.

Die Erderwärmung im Jahr 2100 würde danach beim derzeitigen Politikpfad, der die tatsächlich ergriffenen Klimaschutzmaßnahmen widerspiegelt, bei 2,7 Grad liegen. Werden die nationalen Ziele für 2030 eingerechnet, drückt das diesen Wert auf 2,4 Grad.

Unter Einbeziehung der langfristigen Netto-Null-Ansagen, die Staaten wie die EU-Gruppe, die USA und China abgegeben haben, könnten 1,8 Grad erreicht werden – allerdings sind diese Ziele noch unverbindlich.

CAT-Experte Niklas Höhne warnte erneut, dass der globale Treibhausgas-Ausstoß im Jahr 2030 nach dem aktuellen Stand trotz aller vorgeschlagenen Maßnahmen immer noch doppelt so hoch sein werde, wie er für die Begrenzung auf 1,5 Grad sein sollte.

Es gebe zwar positive Nachrichten, so das in diesem Jahr beschlossene massive Klimapaket der USA, die Aussagen zum Klimaschutz in Chinas neuem Fünfjahresplan sowie eine mögliche Übererfüllung des EU-Klimaziels. Doch das reiche nicht aus, sagte Höhne. "Um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssen die Länder in der Klimapolitik in den Notfallmodus schalten, so wie sie es bei der Energiekrise tun."

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier