Zinsen für den Klimaschutz

Der Weg zur Klimaneutralität ist lang und schwierig. Ein Forschungsteam hat nun einen Vorschlag vorgelegt, um die Dekarbonisierung zu beschleunigen: Wer sein CO2-Budget überzieht, soll darauf echte Zinsen zahlen.


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Wenn die Zinsen drücken, werden die Emittenten handeln, so das Kalkül. (Foto: Steve Buissinne/​Pixabay)

Wer in diesen Wochen die Nachrichten verfolgt, hat allen Grund, beunruhigt zu sein. Schwere Unwetter mit Starkregen und Überflutungen verwüsteten viele Regionen Deutschlands, der Westen Nordamerikas wurde von einer Hitzewelle mit Rekordtemperaturen und verheerenden Waldbränden förmlich überrollt.

Selbst bei größtem Optimismus muss man damit rechnen, dass solche Extreme bei weiter fortschreitendem Klimawandel noch häufiger auftreten, noch heftiger ausfallen und noch mehr Schäden verursachen. Wird die Erderwärmung nicht gebremst, wird mit großer Wahrscheinlichkeit schon in naher Zukunft Normalität, was wir heute als nie dagewesene Katastrophe empfinden.

Die gute Nachricht ist, dass es beim Klimaschutz zuletzt deutliche Fortschritte gab. Die USA sind wieder dem Paris-Abkommen beigetreten und wollen 2050 klimaneutral sein – wie auch eine wachsende Zahl von Staaten. Selbst China peilt Null-Emissionen an, wenngleich erst 2060.

Die EU hat gerade ihr CO2-Ziel für 2030 auf minus 55 Prozent (gegenüber 1990) angehoben und ein ganzes Bündel von Maßnahmen vorgestellt, damit es mit der Reduktion auch tatsächlich klappt. Deutschland hat auf Druck des Bundesverfassungsgerichts seine Ambitionen erhöht und als neues Enddatum für den CO2-Ausstoß das Jahr 2045 festgelegt.

All das sind gute und wichtige Schritte, um das Schreckensszenario eines überhitzten Planeten doch noch abzuwenden. Allerdings, das ist die schlechte Nachricht, reicht das bei Weitem nicht aus. Für das Klima sind nicht Reduktionsziele entscheidend, sondern – und das ist der Kern des Verfassungsgerichtsurteils – Temperaturziele und damit Gesamt-Emissionsziele.

Das Paris-Abkommen selbst formuliert ein Temperaturziel: Die Staaten sollen Anstrengungen unternehmen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dafür aber darf nur noch eine bestimmte Menge an Treibhausgasen in die Atmosphäre gebracht werden.

Auf "CO2-Entnahme-Verpflichtungen" sollen Zinsen anfallen

Dieses Budget an noch tolerablen Emissionen ist jedoch bereits weitgehend verbraucht. Der Temperaturanstieg liegt schon heute bei mindestens 1,2 Grad. Noch in diesem Jahrzehnt könnte das Emissionsbudget vollständig ausgeschöpft sein.

Alle Treibhausgase, die danach noch ausgestoßen werden, müssten dann aufwendig und mit erheblichen Kosten zurückgeholt werden, soweit das überhaupt funktioniert.

Für diese sogenannten negativen Emissionen gibt es verschiedene Methoden. Sie reichen von Aufforstung über den Einsatz von Pflanzenkohle oder auch Bioenergie mit CO2-Abscheidung und -Speicherung bis zu beschleunigter Gesteinsverwitterung.

Bislang gibt es keinen Plan, wie man dies im großen Maßstab organisieren, finanzieren und umsetzen könnte. Dazu hat nun ein internationales Forschungsteam in der Fachzeitschrift Nature einen Vorschlag vorgelegt, der, wenn er realisiert werden könnte, ein echter Gamechanger sein soll.

"Aus unserer Sicht", sagt der Systemanalytiker Johannes Bednar vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien gegenüber Klimareporter°, "ist es wichtig, die Verantwortungsfrage für Netto-negativ-Emissionen schon heute zu klären." Bednar ist Hauptautor des Fachartikels.

Die Grundidee ist einfach: Jede Tonne CO2, die über das Budget hinaus emittiert wird, wird als Kohlenstoffschuld angesehen und mit einer Verpflichtung belegt, sie wieder aus der Atmosphäre zu entnehmen. Wie im Finanzsystem würden auf die neu zu schaffenden "Carbon Removal Obligations" Zinsen anfallen.

Auf diese Weise hätten die Emittenten einen starken Anreiz, das ausgestoßene CO2 wieder zu entfernen, da es durch die Verzinsung mit der Zeit immer teurer für sie wird.

"Das müsste global umgesetzt werden"

"Der Vorschlag müsste natürlich global umgesetzt werden", sagt Bednar. "Die EU würde sich jedoch als Labor eignen, um das System später zu exportieren."

Konkret könnte das so aussehen: Die EU reformiert ihren Emissionshandel. Dort werden derzeit Zertifikate gehandelt, die eine permanente Einlagerung von CO2 in die Atmosphäre erlauben. Die Gesamtmenge an diesen Verschmutzungsrechten ist gedeckelt und wird nach und nach reduziert. In gewisser Weise gibt es also bereits ein Budget.

Im neuen System würde der Deckel so weit gesenkt, dass es dem 1,5-Grad-kompatiblen CO2-Budget der EU entspricht. Zugleich führt man verzinste Schuldscheine mit Entnahmepflichten ein. "Die CO2-Einlagerung ist dann temporär, für die Zeit der Einlagerung fallen Gebühren – also Zinsen – an, und die Entfernung obliegt den Emittenten", erläutert Bednar.

Für Regulierungsbehörden und Finanzinstitutionen wäre dies Neuland, räumen die Forschenden ein. Ein reibungsloser Betrieb werde erst nach einigen Jahren der Piloterprobung möglich sein.

Allerdings könne das neue System einen schnelleren Weg zu Netto-Null-Emissionen ermöglichen – und damit für mehr Generationengerechtigkeit und eine gerechtere Verteilung der Kosten sorgen, die die künftig notwendige Rückholung von CO2-Emissionen aus der Atmosphäre mit sich bringen wird.

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