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HYDROGEN DIALOGUE 2021

Deutschland überzieht sein CO₂-Budget immer noch

Das Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts scheint einen politischen Kipppunkt zu markieren. Plötzlich sind Klimaziele möglich, die noch vor zwei Wochen undenkbar waren, etwa Klimaneutralität 2045. Das bringt Deutschland näher an einen Paris-kompatiblen Emissionspfad – aber eine Differenz bleibt.


Aktivisten unter dem Eiffelturm halten Transparent
Klimagruppen demonstrieren beim 2015 Paris-Gipfel für das 1,5-Grad-Ziel – kurz bevor das berühmte Abkommen beschlossen wird, in dem es drinsteht. (Foto: Susanne Schwarz)

Deutschland wird gerade von schweren politischen Erdbeben erschüttert. Das erste war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Klimapolitik letzte Woche.

Und gestern gab es ein schweres Nachbeben: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat beim Petersberger Klimadialog angekündigt, dass Deutschland seine Klimaziele verschärft. Statt um 55 Prozent sollen die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken. Außerdem soll Deutschland schon 2045 und nicht erst 2050 klimaneutral wirtschaften.

Natürliche Erdbeben entstehen, wenn sich Spannungen zwischen tektonischen Platten aufbauen und diese sich dann ruckartig verschieben. Und politische Erdbeben geschehen, wenn die Widersprüche zwischen der aktuellen Politik und der Wirklichkeit so groß werden, dass sie untragbar sind.

Genau darauf sind das Karlsruher Urteil und die plötzliche, ruckartige Verbesserung des deutschen Klimaziels zurückzuführen. Das Verfassungsgericht hat festgestellt, dass sich mit der bisherigen Klimapolitik die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht erreichen lassen – es sei denn, die Menschen würden ab 2030 eine "radikale Reduktionslast" ertragen.

Im Paris-Abkommen hat sich Deutschland verpflichtet, die Klimaerwärmung "deutlich unter zwei Grad" zu halten und "Anstrengungen zu unternehmen", dass dies schon bei 1,5 Grad gelingt.

Ob die deutsche Klimapolitik diesem "verfassungsrechtlich maßgeblichen Temperaturziel" genügt, lasse sich allerdings nicht direkt überprüfen, so das Bundesverfassungsgericht. "Um dieses als Maßgabe für die Begrenzung von CO2-Emissionen anwenden zu können, ist eine Übersetzung der Temperaturmaßgabe in eine Emissionsmaßgabe erforderlich." Oder anders: Die Klimapolitik muss auf einem deutschen CO2-Budget beruhen.

Das vielleicht wichtigste Klimapapier der letzten Jahre

Wie hoch dieses Budget ist, hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung letztes Jahr ausgerechnet, ausgehend vom Gesamtbudget für die ganze Welt, wenn die Erwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln bei 1,75 Grad gestoppt werden soll. Dieses vom Weltklimarat IPCC errechnete Budget verteilt der SRU auf die Staaten gemäß ihrem Anteil an der Weltbevölkerung am 1. Januar 2016, wenige Tage nach Abschluss des Paris-Abkommens.

Damit steht Deutschland ein Anteil von 1,1 Prozent am globalen CO2-Budget zu. Davon waren am 1. Januar letzten Jahres noch 6,7 Milliarden Tonnen übrig.

Mit der herkömmlichen Klimapolitik hätte Deutschland bis 2050 aber 12,8 Milliarden Tonnen an Treibhausgasen produziert, zum größten Teil CO2. Damit zeigt die "Übersetzung" des Temperaturziels in ein CO2-Budget, dass Deutschlands Klimapolitik dem "verfassungsrechtlich maßgeblichen Temperaturziel" offensichtlich nicht genügt.

Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts war nun allen klar, dass der Widerspruch zwischen Politik und Wirklichkeit nicht länger tragbar ist, und Politiker aus nahezu allen Parteien begrüßten das "epochale" Urteil (Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier). In Anbetracht des Wahlkampfs muss nun alles sehr schnell gehen: In wenigen Tagen soll ein neues Klimaziel vereinbart werden.

Balkendiagramm: Die Treibhausgasemissionen sollen bis 2045 nahezu linear sinken.
Der Plan: Die Netto-Null soll 2045 erreicht werden, danach soll es "negative Emissionen" geben. (Grafik: Agora Energiewende)

Der Ökonom Milton Friedman hat einmal gesagt: "Nur eine Krise – tatsächlich oder gefühlt – erzeugt echten Wandel. Wenn diese Krise eintritt, hängen die Maßnahmen, die ergriffen werden, von den Ideen ab, die herumliegen."

Eine solche Idee hat der Thinktank Agora Energiewende geliefert. Wenige Tage nach dem Urteil legte er "Eckpunkte" für ein neues Klimagesetz vor, die zeigen, wie Deutschland schon im Jahr 2045 klimaneutral werden kann. Dazu müssen die Emissionen bis 2030 um 65 Prozent und bis 2040 um 90 Prozent sinken (siehe Grafik).

Fast genau diese Zahlen greifen die Politiker nun auf. Agora Energiewende hat es geschafft, das vielleicht wichtigste Papier zur deutschen Klimapolitik der letzten Jahre zu schreiben.

Budget zu kaufen gesucht

Aber selbst der darin vorgeschlagene Emissionspfad kann nicht verhindern, dass Deutschland sein CO2-Budget überzieht. Mit dem Agora-Vorschlag kommt Deutschland auf Emissionen von 8,8 Milliarden Tonnen Treibhausgasen. Das sind immer noch rund zwei Milliarden Tonnen oder knapp ein Drittel zu viel.

Möglicherweise würde das Bundesverfassungsgericht daher auch ein Klimagesetz, das auf dem Agora-Vorschlag beruht, für verfassungswidrig erklären.

Deutschland könnte deshalb versuchen, sein Budget zu vergrößern, etwa über den Ausbau von CO2-Senken. Doch das Potenzial ist hier begrenzt, schließlich lässt sich nicht das ganze Land in Wald verwandeln.

Bleibt noch die Möglichkeit, anderen Ländern einen Teil ihres Budgets "abzukaufen". Beim aktuellen CO2-Kurs im europäischen Emissionshandelssystem von rund 50 Euro pro Tonne sind zwei Milliarden Tonnen rechnerisch etwa 100 Milliarden Euro wert. Gestreckt über 25 Jahre wären das ungefähr vier Milliarden Euro pro Jahr.

Genau so viel Geld investiert Deutschland heute bereits in Klimahilfen für ärmere Länder, damit diese ihre Emissionen senken und sich an die Erwärmung anpassen können. Wenn Deutschland also ärmeren Ländern einen Teil ihres Budgets "abkaufen" will, müsste es seine Klimafinanzierung verdoppeln.

Viele haben erwartet, dass Merkel eine Erhöhung der Klimagelder beim Petersberger Klimatreffen ankündigen würde. Doch das hat sie nicht getan. Selbst wenn der Agora-Vorschlag tatsächlich Gesetz wird, wäre Deutschland in diesem Rechenbeispiel also noch immer nicht auf einem Emissionspfad, der mit einer Erwärmung von 1,75 Grad vereinbar ist.

Bisher keine "Anstrengungen" für 1,5 Grad

Doch gibt es überhaupt Länder, denen man einen Teil ihres Budgets abkaufen kann? Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: Nein. Der Grund dafür ist allerdings technischer Natur. Noch haben die Länder die "Bedienungsanleitung" für das Paris-Abkommen nicht fertig ausgehandelt. Es fehlt just das Kapitel zum Handel mit CO2-Zertifikaten. Folglich kann kein Land Emissionsrechte kaufen oder verkaufen.

Praktisch sieht die Sache aber anders aus. Viele arme Länder könnten ihr heutiges Emissionsniveau noch für mehrere hundert Jahre beibehalten, ohne ihr Budget zu überziehen. Agora-Chef Patrick Graichen schlägt daher vor, dass Deutschland diesen Ländern dabei hilft, die fossile Entwicklungsstufe zu überspringen und gleich auf Wind und Sonne zu setzen. Damit würde ein Teil des Budgets dieser Länder "frei" werden.

Dann wäre da aber noch die Frage nach dem 1,5-Grad-Ziel. Deutschland hat schließlich wie alle Länder versprochen, "Anstrengungen zu unternehmen", die Erwärmung bei dieser Marke zu stoppen. Wenn dieses Ziel auch nur mit Fifty-fifty-Wahrscheinlichkeit erreicht werden soll, betrüge das deutsche Budget nur 4,2 Milliarden Tonnen, wie der SRU ausgerechnet hat.

Wenn Deutschland seine Klimapolitik an einem Budget von 6,7 Milliarden Tonnen ausrichtet, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Erwärmung mehr als 1,5 Grad beträgt, deutlich über 50 Prozent. Deutschland plant also das 1,5-Grad-Ziel zu verfehlen, was schwerlich als "Anstrengung" bezeichnet werden kann.

Trotz der klimapolitischen Erdbeben der letzten zwei Wochen ist Deutschland also noch nicht am Ziel und nach der Wahl wird die neue Bundesregierung noch eine Schippe drauflegen müssen.

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