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Extreme Hitzewellen, das Forschungsfeld Attribution und der Mangel an gutem Klimajournalismus

Kalenderwoche 13: Heute ist jede Hitzewelle aufgrund des menschengemachten Klimawandels heißer, als sie es ohne Klimawandel wäre, sagt Friederike Otto, geschäftsführende Direktorin des Environmental Change Institute an der Universität Oxford und neues Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°. In Deutschland trage die Politik eine große Verantwortung, denn der Klimawandel war auch vor 30 Jahren schon kein Geheimnis.


Porträtaufnahme von Friederike Otto.
Friederike Otto. (Foto: David Fisher)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Friederike Otto, Professorin im Climate Research Programme der Universität Oxford und geschäftsführende Direktorin des dortigen Environmental Change Institute.

Klimareporter°: Frau Otto, die Klimareporter°-Redaktion freut sich sehr, dass wir Sie als führende Klimaforscherin als neues Mitglied für den Herausgeberrat gewinnen konnten. Wieso finden Sie unser Portal wichtig?

Friederike Otto: Der Klimawandel ist ein Problem, das hat sich inzwischen herumgesprochen, nicht zuletzt dank der Fridays-for-Future-Bewegung. Aber für die meisten Menschen ist er trotzdem ein sehr abstraktes Problem, und es gibt nach wie vor in den meisten Medien eher wenig Berichterstattung – und die ist auch nicht immer korrekt. Das muss sich ändern.

Einerseits sind die Fakten seit Jahrzehnten bekannt: Solange wir fossile Energieträger verbrennen und die Emissionen in die Atmosphäre gelangen, wird sich die Atmosphäre weiter aufheizen. Was die konkreten Auswirkungen der erhöhten globalen Mitteltemperatur betrifft, gibt es aber nach wie vor viele offene Fragen, und die Wissenschaft entwickelt sich hier sehr schnell weiter.

Es ist deshalb wichtig, dass es gute, sehr regelmäßige journalistische Berichterstattung über diese Fortschritte gibt. Denn jeder Entscheidungsträger muss diese Fortschritte kennen, um in Zeiten des Klimawandels sinnvoll zu handeln.

Das heißt: Eine Plattform wie Klimareporter° muss noch deutlich bekannter werden, und die journalistische Einordnung der Forschungsergebnisse muss konstant auf hohem Niveau stattfinden. Dazu will ich gerne einen Beitrag leisten.

Ihr Fachgebiet ist die sogenannte Attributionsforschung. Das heißt: Sie und Ihre Kolleg:innen haben den Anspruch herauszuarbeiten, welchen Anteil der Klimawandel bereits am Zustandekommen von extremen Wetterereignissen hat – Hitzewellen, Stürme, Überschwemmungen. Wie weit sind Sie damit?

Wir wissen, dass heutzutage keine Hitzewelle stattfindet, die nicht aufgrund des menschengemachten Klimawandels heißer ist, als es ohne Klimawandel der Fall wäre. Für viele dieser Hitzewellen können wir auch quantifizieren, um wie viel heißer sie ausfallen.

Bei Stürmen, Dürren und Überschwemmungen hingegen ist die Rolle des Klimawandels deutlich geringer und nicht in allen Teilen der Erde und zu allen Jahreszeiten signifikant.

Generell gilt: Die Zahl der Extremereignisse, für die wir dies berechnen können, nimmt stetig zu. Allerdings müssen wir gerade in den ärmeren Ländern der Erde, wo die Auswirkungen von Extremereignissen oft dramatisch sind, Teilhabemöglichkeiten und Datenlage verbessern. Das heißt: Es gibt noch viel zu tun.

Wie kann man überhaupt feststellen, ob die globale Erwärmung das Wetter "wütender" macht, wie sie in Ihrem viel beachteten Buch schreiben?

Friederike Otto

ist geschäfts­führende Direktorin des Environmental Change Institute an der Universität Oxford in Großbritannien und Professorin im Climate Research Programme der Universität. Die Physikerin und Philosophin ist Mitbegründerin der Zuordnungs­forschung (attribution science), die den Anteil des Klima­wandels an Extrem­wetter­ereignissen berechnet. Otto wurde 1982 in Kiel geboren, sie hat an der Freien Universität Berlin promoviert.

Ein Wetterereignis hat immer viele Ursachen. Eine davon kann der menschengemachte Klimawandel sein, andere sind, neben der natürlichen chaotischen Variabilität des Wetters, zum Beispiel Landnutzungsänderungen.

Wir können mithilfe von Wetter- und Klimamodellen berechnen, wie oft eine bestimmte Hitzewelle oder Dürre im heutigen Klima auftritt, zum Beispiel im Schnitt alle zehn Jahre. Das heißt: Jedes Jahr gibt es eine zehnprozentige Chance, dass es dazu kommt.

In unseren Modellen können wir dann zum Beispiel ermitteln, wie häufig solch ein Ereignis in einer Atmosphäre ohne erhöhte Treibhausgaskonzentration wäre – in diesem Fall vielleicht nur halb so oft. Da wir nur die Klimagase verändert haben, können wir die Veränderung in der Wahrscheinlichkeit dann auf diese zurückführen, also attributieren.

Wie schnell können Sie diese Bewertungen liefern?

Das kommt darauf an, ob es sich um einen Typ von Ereignis handelt, den wir in der Vergangenheit schon analysiert haben, und ob wir über Beobachtungsdaten und Klimamodelle verfügen, die gut genug sind. Ist das der Fall, dann geht es in ein bis zwei Wochen.

Beeindruckt das die Politiker?

Das können Sie besser beurteilen als ich. Sie nehmen es immerhin teilweise zur Kenntnis.

Konkretes Beispiel: Deutschland hat zuletzt drei ungewöhnlich trockene Jahre erlebt. Besonders 2018 war hart, mit vertrockneten Feldern und einem beschleunigten Waldsterben. Wie ist Ihre Einschätzung dazu? Noch normal oder nicht mehr?

Wir haben keine Studie für die kompletten drei Jahre gemacht, aber wir haben uns die Trockenheit 2018 und auch die extremen Hitzewellen 2018 und 2019 angeschaut. Hier zeigte sich: Der Klimawandel ist ein echter Gamechanger, was die Hitze angeht – und damit auch in Bezug auf das schnellere Austrocknen der Böden.

Also: Die Auswirkungen von Dürren sind mit Klimawandel schlimmer als ohne. Andererseits: Auf die Regenhäufigkeit hatte der Klimawandel geringe Auswirkungen – zumindest in dem von uns analysierten Jahr 2018.

Frau Otto, Sie hoffen, dass dank Ihrer Arbeit "die Schuldigen am neuen Wetter" zur Rechenschaft gezogen werden können. Wer ist da in Deutschland vor allem zu nennen?

Es geht weniger um Schuldzuweisung als um das Aufzeigen von Verantwortung. In Deutschland trägt natürlich die Politik eine große Verantwortung, denn der Klimawandel war auch vor 30 Jahren schon kein Geheimnis. Sie muss schneller umsteuern.

Um unsere Gesellschaft so umzubauen, dass sie nicht mehr systematisch vom Verbrennen von Kohle, Erdgas und Erdöl abhängt, müssen aber auch die Energiekonzerne ihr Wirtschaftsmodell ändern, und zwar komplett.

Im Moment haben viele ihre Unternehmen aufgeteilt. Es gibt einen modernen Teil, der dann "XYZ Renewables" oder ähnlich heißt und das öffentliche Gesicht des Gesamtkonzerns ist, und dann gibt es den Rest, der weiterhin auf fossile Energien setzt. Das ist Greenwashing, kein zukunftsgerichtetes Management.

Können die Daten eine Basis dafür sein, dass sich die Hauptemittenten aufgrund der "Zuordnung" dann auch vor Gericht verantworten müssen? Und wie realistisch ist das?

Sehr realistisch. Im Prozess des peruanischen Kleinbauern Saúl Luciano Lliuya gegen den Stromkonzern RWE läuft gerade die Beweisaufnahme am Oberlandesgericht Hamm, und das ist nur ein Beispiel. Es gibt viele Klimaklagen.

Eine zentrale Klimaklage ist gerade gescheitert. Zehn Familien aus verschiedenen Ländern hatten die EU wegen mangelndem Klimaschutz verklagt. Der Europäische Gerichtshof hat das abgebügelt. Ein Rückschlag für Ihren Ansatz?

Nein, ein Ansporn. Bei der Abweisung ging es auch gar nicht um die Sache selbst, sondern um formale Fragen.

Im Moment gibt es noch eine große Diskrepanz zwischen dem, was wissenschaftlich seriös nachzuweisen ist, und dem, was vor Gericht landet. Das heißt vor allem: Ein realistisches Bild davon, wie stark der Klimawandel bereits in das Leben der Menschen eingreift, ist in der Öffentlichkeit noch nicht wirklich angekommen – und Richter sind natürlich Teil der Öffentlichkeit.

Daher braucht es mehr guten Klimajournalismus. Im Vergleich zu Großbritannien, wo ich lebe und arbeite, gibt es in Deutschland davon noch eindeutig zu wenig.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass es nun doch so aussieht, als ob der neue große Bericht des Weltklimarats IPCC trotz Corona Ende Juli verabschiedet werden kann, zur Not eben online, und sich der Zeitplan nicht noch weiter verschiebt.

Damit wird der Report mit all den neuen Erkenntnissen, die es gerade zu den Klimafolgen auf regionaler Ebene gibt, vor dem nächsten UN-Klimagipfel im Herbst in Glasgow vorliegen. Das ist politisch extrem wichtig und für uns Autoren des Berichts auch eine große Erleichterung.

Fragen: Joachim Wille

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