Als wir den Planeten noch retten konnten

In den 1980er Jahren war die Klimawissenschaft etabliert und die Regierungen waren bereit zu handeln. Diese These stellt der US-Journalist Nathaniel Rich in einem Artikel im New York Times Magazine auf, der derzeit für Furore sorgt. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum nichts passiert ist.


Die Erde vom Weltall aus gesehen.
Die Erde vom Weltall aus gesehen. (Foto: NASA)

Die Situation ist alles andere als rosig: Inzwischen zeigt der Klimawandel überall auf der Welt sein Gesicht. Trotz jahrzehntelanger Klimaverhandlungen stoßen die Menschen immer mehr Kohlendioxid aus. Das Restbudget an CO2, das wir noch in die Luft entlassen dürfen, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten, ist verschwindend gering. Und möglicherweise, so sagen es Klimaforscher in einer aktuellen Studie, haben wir den Kipppunkt eines unumkehrbaren Aufheizens des Planeten schon überschritten.

Hätte es auch anders laufen können?

Ja, sagt der Journalist Nathaniel Rich, der gerade im New York Times Magazine einen heftfüllenden Essay veröffentlicht hat, der für Furore sorgt.

Die These von "Losing the Earth – The Decade We Almost Stopped Climate Change": Schon vor 30 Jahren hätten wir den Klimawandel in den Griff kriegen können. Die Klimawissenschaft war damals schon etabliert, die Welt war bereit zu handeln und in den USA gab es noch nicht die Grabenkämpfe zwischen Republikanern und Demokraten von heute, zwischen hochgerüsteten Klimaleugnern und Umweltschützern. Selbst die Ölkonzerne seien bereit gewesen sich zu wandeln, schreibt Rich. "So gut wie nichts stand uns im Weg – nichts, abgesehen von uns selbst."

Wer war der Schuldige?

Wie ein Thriller liest sich die Geschichte. Das liegt vor allem an der Frage, die einen bis zum Ende des Artikels begleitet: Wenn wir vor 30 Jahren schon den Grundstein legen konnten, die Welt zu retten, warum um Himmels willen haben wir es nicht getan?

Rich hat eineinhalb Jahre für den Artikel recherchiert und über Hundert Experten und Zeitzeugen interviewt, was man seiner Rekonstruktion der "entscheidenden Dekade" von 1979 bis 1989 auch anmerkt, mit der er ein Stück Zeitgeschichte auf erzählerisch hervorragende Weise einfängt. Eine Periode, über die vergleichsweise wenig bekannt ist, was die Klimapolitik betrifft – im Gegensatz zur Zeit ab Anfang der neunziger Jahre, als der Weltklimarat IPCC eingerichtet und die ersten UN-Klimakonferenzen ausgetragen wurden.

Allerdings bleibt Rich am Ende eine Antwort auf seine Ursprungsfrage mehr oder weniger schuldig. Am ehesten gibt er John Sununu, dem damaligen Stabschef von US-Präsident George Bush senior, die Schuld. Der habe mit dafür gesorgt, dass die World Conference on the Changing Atmosphere im Jahr 1989 scheiterte. Dort wollten sich Umweltminister der wichtigsten Staaten zu einer Verringerung der CO2-Emissionen bis zum Jahr 2000 bekennen und damit die Grundlage für einen Klimavertrag legen. Die USA machten dann aber doch einen Rückzieher.

Rich hatte Sununu im Zuge seiner Recherchen gefragt, ob er sich im Nachhinein dafür verantwortlich fühle, "die beste Chance für ein effektives Abkommen zur Erderwärmung gekillt zu haben".

Dessen Antwort: Es hätte ohnehin kein Abkommen gegeben. "Denn ehrlicherweise waren die Führer in der Welt damals in einer Situation, in der sie alle versuchten, es so aussehen zu lassen, dass sie die Politik unterstützen, ohne harte Verpflichtungen eingehen zu müssen, die ihre Nationen ernsthafte Ressourcen kosten würde."

In der gleichen Situation sei man heute wieder, so Sununu.

Ölkonzerne planten die Neuorientierung – und ließen es dann doch

Es bleibt die Frage: Wer hat in den USA dafür gesorgt, dass das kleine Zeitfenster nicht genutzt wurde, das es womöglich gab, um die Energieversorgung des Landes umzustellen und international auf ein Klimaabkommen mit anspruchsvollen Klimazielen zu dringen, wenn es – so Rich – weder die Republikaner noch die Erdölkonzerne gewesen sind?

Rich tut ein wenig so, als sei die Zeit vor 1990 in Sachen Klimapolitik noch ein mehr oder weniger luftleerer Raum gewesen, in dem alles möglich gewesen wäre. Das stimmt vielleicht für ein sehr kleines Zeitfenster und im Hinblick auf die Öl- und Gaskonzerne wie Exxon Mobil oder BP. Es gab damals eine kurze Periode, als auch Exxon massiv in Solartechnologie investierte.

Richs Chronik deutet an, dass die Konzerne kurz davor gewesen waren, ihr gesamtes Geschäftsmodell umzustellen – in Erwartung von gesellschaftlichem und politischem Druck in Richtung einer starken Klimaregulierung. Allerdings änderte sich das sofort, als sie merkten, dass sie von der Politik nichts zu befürchten hatten.

Also nichts von der Regierung unter Ronald Reagan und nichts von der Regierung unter George W. Bush. Was Rich hier unterschätzen mag, sind die Einflüsse der konservativen Bewegung auf die Regierung, die sich seit den 1960er Jahren in den USA immer besser organisierte und gegen Regulierungen aller Art mobil machte, auch gegen Klimavorgaben. So kürzte Präsident Reagan das Budget für die US-Umweltbehörde um ein Viertel und versuchte sogar das US-Energieministerium abzuschaffen.

Richtig ist: Erst als James Hansen 1988 vor dem Senat vor den Folgen des Klimawandels warnte und sich Anfang der neunziger Jahre der Weltklimarat konstituierte, löste das eine wahre Alarmstimmung etwa bei Erdölkonzernen wie Exxon Mobil aus, die ab Anfang der neunziger Jahre viele Millionen Dollar in den Aufbau eines perfekt organisierten Netzes an Klimaleugner-Organisationen steckten, um das Ansehen der Klimawissenschaft zu untergraben und Klimaregulierung systematisch zu verhindern.

Schlechtes Timing

Das heißt allerdings nicht, dass Erdölkonzerne in der Zeit davor lammfromm waren und die konservativen Netzwerke Freunde von Klimaschutzgesetzen. Sie hatten es einfach nicht nötig.

Der Politikwissenschaftler Peter Jacques von der Florida Central University wies in seiner Studie "The organisation of denial" auf einen Strategiewechsel in den achtziger Jahren hin: Zunächst habe Reagan ganz offen versucht, Umweltregulierung einzudämmen. Nach heftigen Protesten in der Bevölkerung hätten die Konservativen aber gelernt, "dass es sicherer ist, die Wichtigkeit von Umweltproblemen in Zweifel zu ziehen und Umweltschützer als 'Radikale' darzustellen", die übertreiben und Fakten verzerren.

Rich hat viel Kritik einstecken müssen für seine zentrale These, dass Ende der achtziger Jahre die Bedingungen für einen Durchbruch im Klimaschutz so gut wie nie gewesen seien und dass letztlich "die Menschheit" oder "wir alle" dafür verantwortlich seien, die Chance nicht ergriffen zu haben.

"Ganz im Gegenteil kann man sich kaum einen unpassenderen Moment in der menschlichen Evolution vorstellen, in dem unsere Spezies mit der harten Wahrheit konfrontiert wird, dass die Annehmlichkeiten unseres modernen Konsumkapitalismus die Bewohnbarkeit des Planeten stetig untergraben", schreibt die kanadische Aktivistin und Journalistin Naomi Klein in einem Kommentar.

Klein liefert folgende Erklärung: "Die späten achtziger Jahre waren der absolute Zenit des neoliberalen Feldzugs, ein Moment größter ideologischer Überlegenheit für das wirtschaftliche und soziale Projekt, das gemeinschaftliches Handeln bewusst schlechtgeredet hat – im Namen der Entfesselung 'freier Märkte' in allen Lebensbereichen."

Mit anderen Worten: Es war schlechtes Timing, das den Durchbruch beim Klimaschutz verhinderte.

Wer ist schuld? Der Mensch oder das System?

Wäre "die menschliche Natur" schuld, wie Rich mutmaßt, dann hätten wir wenig Hoffnung. Gerade ist ein Buch des Astrophysikers Adam Frank erschienen, in dem er die These aufstellt, dass Zivilisationen im gesamten Weltall an der Schwelle zum "Erwachsenwerden" in den meisten Fällen scheitern und sich selbst auslöschen könnten – wie wir an der Sollbruchstelle des Klimawandels.

Klein wehrt sich gegen die fatalistische Sicht, "der Mensch" sei schuld gewesen für das Versagen in den achtziger Jahren. Sie sieht vielmehr die Verantwortung beim Neoliberalismus. Diese Interpretation habe den Vorteil, dass wir doch etwas ändern können, so Klein. "Wir können dieser Wirtschaftsordnung entgegentreten und versuchen, sie durch etwas zu ersetzen, das sich gleichermaßen auf menschliche wie auf planetare Sicherheit gründet und das Streben nach Wachstum und Profit um jeden Preis nicht in den Mittelpunkt stellt."

Richs Artikel bietet leider keine zufriedenstellenden Erklärungen für seine berechtigte Frage an, warum in den achtziger Jahren nichts passiert ist. Allerdings lohnt sich die Lektüre trotzdem, auch um der Geschichte der frühen Klimaschützer um James Hansen und Rafe Pomerance nachzuspüren. Und vor Augen geführt zu bekommen, wie wenig sich seit der Zeit von Ronald Reagan verändert hat und dass Regierungen und fossile Industrie auch 30 Jahre später noch immer versuchen, die notwendigen Veränderungen zu verzögern.

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