Hitzewelle in Sibirien ohne Klimakrise "nahezu unmöglich"

Klimawissenschaftler:innen haben ermittelt, wie viel Klimawandel in dem außergewöhnlichen Wetter steckt, das Sibirien im ersten Halbjahr erlebt hat.


Karge Tundra-Landschaft mit Pfützen
Sibirien war im ersten Halbjahr dieses Jahres außergewöhnlich warm. (Foto: Andreas Hugentobler/​Wikimedia Commons)

Am 20. Juni kletterten die Temperaturen in Werchowjansk auf 38 Grad. Mitten in Sibirien. "Eine neue Rekordtemperatur für die Arktis", meint die Klimawissenschaftlerin Olga Solina vom Schirschow-Institut für Meereskunde in Moskau. Aber nicht nur an diesem Junitag war Sibirien außergewöhnlich warm.

Das ganze erste Halbjahr war 2020 die absolute Ausnahme: Im Schnitt waren die sechs Monate von Januar bis Juni mehr als fünf Grad wärmer als in der Vergleichsperiode von 1981 bis 2010. Die Differenz zu vorindustriellen Zeiten ist entsprechend noch höher.

Ist das Zufall? Das wollte das Projekt World Weather Attribution herausfinden, ein Zusammenschluss führender Klimaforscher:innen auf dem Feld der sogenannten Attributionsforschung. Der Forschungszweig versucht zu ermitteln, wie viel Klimawandel in einem Wetterereignis steckt. An der Studie wirkten auch verschiedene internationale Wetterbehörden mit.

Für den Fall der sibirischen Hitzewelle sind die Wissenschaftler:innen zu einem deutlichen Ergebnis gekommen: Ohne die Klimakrise wäre sie "nahezu unmöglich" gewesen, heißt es in der Studie, die World Weather Attribution im Selbstverlag publiziert hat.

Durch Erderwärmung 600-mal wahrscheinlicher

Die Ergebnisse zeigen, dass der menschengemachte Klimawandel die Temperaturen im ersten Halbjahr mindestens 600-mal wahrscheinlicher gemacht hat. Ohne ihn würde ein solches Wetterereignis sie weniger als einmal in 80.000 Jahren aufgetreten.

"Das ist das deutlichste Ergebnis, das unsere Arbeitsgruppe jemals erlebt hat", sagt die Klimatologin Friederike Otto, Leiterin des Environmental Change Institute der Universität Oxford und führender Kopf bei World Weather Attribution.

Bei der Untersuchung der nordeuropäischen Hitzewelle vor zwei Jahren hatte die Gruppe ermittelt, dass der Klimawandel sie doppelt so wahrscheinlich gemacht hat. Auch ohne Klimawandel hätte es sie also noch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit geben können.

Wetter ist nicht gleich Klima – und lange hieß es in der Klimaforschung, ein einzelnes Wetterereignis wie eine Hitzewelle oder auch einen Sturm könne man nicht auf den Klimawandel zurückführen. Schon rein physikalisch ist aber klar, dass der Klimawandel heute bereits Folgen hat. Schließlich hat sich die Luft an der Erdoberfläche seit der Industrialisierung im Durchschnitt schon um mehr als ein Grad Celsius erwärmt.

Diesen Effekt versucht die Attributionswissenschaft in Zahlen zu fassen. Die grundlegende Idee: Man untersucht die Eigenschaften des aufgetretenen Wetterereignisses und lässt diese Beobachtungsdaten am Computer in komplexe Klimamodelle einfließen.

Dann errechnen die Forscher:innen, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Wetterereignis in einer hypothetischen Welt ohne erhitzte Erde aufgetreten wäre. Und dann noch einmal, wie wahrscheinlich es mit den realen Klimadaten war. Im Anschluss wird verglichen.

Die aktuellen Ergebnisse zu Sibirien sind, wie bei Attributionsstudien üblich, (noch) nicht in einem Fachmagazin mit Peer-Review-Verfahren erschienen. Den Wissenschaftler:innen bei World Weather Attribution ist es wichtiger, die Öffentlichkeit aktuell mit Informationen zum Wetter zu versorgen.

Die langwierige Veröffentlichung in Magazinen lassen sie normalerweise folgen. Die angewandten Methoden haben den Peer Review aber alle durchlaufen.

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