Nicht mehr ganz normal

Vor einem Jahr die Megabrände, nun die Überschwemmungen – Australien kämpft erneut mit extremem Wetter. Die Rolle des Klimawandels bei der Hochwasserkatastrophe ist nicht einfach zu bestimmen. Die Prognosen sind freilich dramatisch, und die australische Politik reagiert weiterhin kaum.


Straßensperrung nach Flut in Queensland
Hochwasser gibt es in Australien öfter. Die Häufung extremer Wetterereignisse setzt dem Land aber stark zu. (Foto: Sandid/​Pixabay)

Die verheerenden Überschwemmungen im Südosten Australiens haben am Mittwoch zwei Todesopfer gefordert. Die Autofahrer waren nach Polizeiangaben von den Fluten überrascht worden und wurden tot in ihren Fahrzeugen entdeckt.

Die Premierministerin des Bundesstaates New South Wales, Gladys Berejiklian, sagte, angesichts der katastrophalen Lage sei es "schlicht ein Wunder", dass es nicht mehr Opfer gegeben habe.

In den letzten Tagen waren ganze Ortschaften und insgesamt 24.000 Menschen wegen des Starkregens evakuiert worden, der Häuser, Straßen und Felder in den Fluten versinken ließ. Viele Menschen verloren dabei ihren Besitz. Die Pegelstände vieler Flüsse stiegen trotz einer Wetterbesserung am Mittwoch weiter an, weitere Evakuierungen wurden erwogen.

Ist es der Klima-Turbo – oder noch im Bereich des Normalen? Die Frage drängt sich auf. Denn die Flutkatastrophe in Australien trifft mit dem im Südosten gelegenen Bundesstaat New South Wales ausgerechnet eine Region, die vor gut einem Jahr von beispiellosen Buschbränden heimgesucht wurde.

Es war eine Katastrophe, die die Welt in Atem hielt: Feuer von extremer Intensität verbrannten mehr als elf Millionen Hektar Wald praktisch komplett, tausende Häuser wurden zerstört, mindestens 34 Menschen und eine etwa Milliarde Säugetiere, Vögel und Reptilien starben.

Damals konnten Wissenschaftler schnell nachweisen, dass der Klimawandel die Feuer zusätzlich angefacht hat. Laut einer Studie der internationalen Forschungsinitiative World Weather Attribution, die diese Zusammenhänge für Extremwetter-Ereignisse analysiert, waren die Brände durch den Klimawandel um mindestens 30 Prozent wahrscheinlicher als in einer Welt ohne erhöhtes Treibhausgas-Level in der Atmosphäre geworden.

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre hat gegenüber vorindustrieller Zeit um 1850 bereits um knapp die Hälfte zugenommen – von 280 ppm (parts per million, Millionstel) auf über 415 ppm. Ursachen sind vor allem die Nutzung von fossilen Brennstoffen und die Abholzung der Wälder.

Dass Extremwetter-Ereignisse in der wärmeren Atmosphäre häufiger werden, ist von Klimaforschern vielfach nachgewiesen worden. Die Temperatur liegt heute im weltweiten Schnitt 1,2 Grad höher als Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Landmassen erwärmen sich dabei schneller.

"Das ist zu fünf bis zehn Prozent Klimawandel"

So klar wie bei den Bränden in Australien 2019/2020 ist die Bewertung bei den aktuellen Überflutungen allerdings nicht, obwohl die Bilder im TV ähnlich dramatisch rüberkommen. Ein Hochwasser dieses Ausmaßes habe der Bundesstaat "seit 50 Jahren und in manchen Teilen seit 100 Jahren nicht erlebt", sagte immerhin Premierministerin Berejiklian am Mittwoch.

Die extremen Regenfälle bildeten sich laut der australischen Wetterbehörde aufgrund des Zusammenspiels von drei Wettersystemen: Ein tropisches Tief über der Küste Westaustraliens trieb Feuchtigkeit über den Kontinent, die auf einen Trog mit niedrigem Luftdruck an der Ostküste traf. Weiter östlich, zwischen Tasmanien und Neuseeland, hielt ein stationäres Hochdruckgebiet das Regenereignis aufrecht.

Normalerweise zögen die Wettersysteme von Westen nach Osten, so ein Experte der Behörde. Das Hochdruckgebiet sei aber "hartnäckig da" und wirke wie eine Blockade.

Das ist zwar ungewöhnlich, kann aber noch normal sein. Eine der führenden Vertreter:innen der sogenannten Attributionsforschung, Friederike Otto von der Universität Oxford, gibt hier jedenfalls etwas Entwarnung. Nach den bisher vorliegenden Daten gebe es "keine Änderung der Wahrscheinlichkeit" für solch extreme Regenfälle aufgrund des Klimawandels, sagte sie gegenüber Klimareporter°.

Das decke sich auch mit den bisher gemachten Attributionsstudien für diese Region Australiens. In keiner davon sei ein "signifikantes Klimawandelsignal" gefunden worden. "Was aber natürlich nicht heißt, dass der Klimawandel in Australien nicht schon deutlich seine Spuren hinterlässt", sagte Otto.

Zumindest bis Mitte der Woche brachte der Regen tatsächlich keine neuen absoluten Rekordwerte. Orte mit sehr hohen Tages-Niederschlagswerten seien nicht ungewöhnlich, erläuterte der leitende Klimatologe der Wetterbehörde, Blair Trewin. Er merkte aber an, dass es diesmal ungewöhnlich viele Orte mit solch extremen Werten in einem sehr großen Gebiet gewesen seien.

Eine Rolle könnte dabei spielen, dass eine wärmere Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann und diese bei Regenereignissen auch wieder auf die Erde "ablädt". Pro Grad Erwärmung sind es etwa sieben Prozent mehr Wasser.

Der Klimaforscher Steve Sherwood von der Universität von New South Wales schätzt, dass die aktuellen Regenmengen zu fünf bis zehn Prozent von der globalen Erwärmung rühren, "der Rest wäre sowieso passiert". Was man sehe, sei kein "Gamechanger", sagte Sherwood dem britischen Guardian, also keine völlig neue Situation, aber "es macht die Dinge schlimmer, und das wird noch zunehmen, wenn die Treibhausgasemissionen weiter steigen".

Australiens Kurs bleibt fossil

Tatsächlich belegt der jüngste Klimareport ("State of the Climate") der australischen Wissenschaftsbehörde aus dem vergangenen Jahr, dass die Intensität von Starkregen-Ereignissen auf dem Kontinent bereits zugenommen hat. Eine weitere Erwärmung werde diesen Trend weiter verstärken, heißt es in dem der Bericht.

Bislang hat sich das Klima in Australien nach den Angaben um 1,44 Grad im Vergleich zu 1910 erwärmt. Eine Studie, an der auch Steve Sherwood mitgewirkt hat, lässt wiederum erwarten, dass eine Erwärmung um zwei Grad die stärksten täglichen Regenfälle im Australien um elf bis 30 Prozent verstärken wird.

Die Prognosen für den Klimawandel in Australien sind denn auch dramatisch. Simon Bradshaw vom unabhängigen Climate Council in Sydney zum Beispiel erwartet, dass die schnelle Abfolge von Naturkatastrophen in Australien in Zukunft immer mehr zur Normalität wird.

"Mit dem Klimawandel wird unser natürliches Wetter mit Bränden und Flutereignissen extremer", sagte der Wissenschaftler. "Wir können in Zukunft noch häufiger heiße, trockene Sommer mit riesigen Bränden und katastrophale Überschwemmungen erwarten."

Der australischen Bundesregierung hingegen ist der Ernst der Lage offenbar noch immer nicht klar. Die Bekämpfung des Klimawandels hat keine Priorität. Kohle und Erdgas sollen die wichtigsten Energieträger bleiben, obwohl die reichlich vorhandene Sonnenenergie oder auch Windkraft sich als Alternative anbieten. Gas soll "Übergangsenergie" sein, und der Kohlebergbau wird – auch für den Export – weiter ausgebaut.

Ein festes Ziel für Klimaneutralität, also netto null Emissionen, hat Regierungschef Scott Morrison von der konservativen Liberal Party bisher vermieden. Während andere Industrieländer wie die EU-Staaten, Kanada und nach dem Willen von US-Präsident Joe Biden auch die USA dafür das Jahr 2050 fixieren, versucht sich der australische Premier herauszuwinden.

Er hoffe, dass sein Land dieses Ziel "so schnell wie möglich" schaffe, sagte Morrison, "idealerweise bis 2050".

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