Keine Daten – keine Hilfe

Subsahara-Afrika wird unverhältnismäßig stark von Hitzewellen getroffen – aber offizielle Aufzeichnungen spiegeln das nicht wider. Wenn die Auswirkungen der Erderhitzung in einer der am stärksten betroffenen Regionen nicht bekannt sind, haben auch die anderen ein Problem.


Menschen mit Kanistern warten an einem Wassertankwagen.
Warten am Wassertank: Eine heftige Dürre traf die Menschen in Äthiopien 2011 und ließ lokale Wasserquellen trockenfallen.  (Foto: Oxfam East Africa/​Flickr)

Afrika südlich der Sahara gilt unter Klimawissenschaftler:innen als Hotspot für Hitzewellen – und künftig dürfte sich die Situation noch verschlechtern.

"Bei den prognostizierten Temperaturextremen besteht große Wahrscheinlichkeit, dass Hitzewellen und die Dauer von Hitzeperioden zunehmen werden, was auf ein erhöhtes Fortbestehen von heißen Tagen gegen Ende des Jahrhunderts hindeutet", heißt es im jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC über die erwarteten Klimawandelfolgen in Afrika. Die Menschen auf dem Kontinent müssen sich also auf noch längere und mehr Hitzewellen einstellen.

"Subsahara-Afrika wird unverhältnismäßig stark von den sich aufgrund des Klimawandels verschlimmernden Hitzewellen betroffen sein", bestätigt auch die Klimaforscherin Friederike Otto vom Environmental Change Institute an der Universität Oxford.

Allerdings lassen sich die Hitzewellen nicht in offiziellen Statistiken nachweisen. Das geht aus einer Studie hervor, die heute im Fachmagazin Nature Climate Change veröffentlicht wurde und an der Otto mitgewirkt hat. Demnach zeigen offizielle Aufzeichnungen seit 100 Jahren keine signifikanten Auswirkungen von Hitzewellen in Subsahara-Afrika.

Es ist gewissermaßen so, als ob die Hitzewellen nicht stattgefunden hätten. Es fehlt schlicht an Daten.

Zusammenbrechende Messnetze

Beobachtungsdaten von Wetterstationen weisen zwar auf Hitzewellen hin. "Wetterdaten gibt es – wenn auch deutlich weniger und in schlechterer Qualität als im globalen Norden", sagt Klimaforscherin Otto gegenüber Klimareporter°. "Aufgrund der Wetterdaten wissen wir, dass Hitze deutlich zugenommen hat."

Aber um damit gute Frühwarnsysteme aufzubauen, müsste man auch wissen, welche Aspekte extremer Temperaturen – wie Dauer oder Intensität – zu Schäden und Verlusten führen.

Zudem reicht es nicht, nur Wetterdaten zu betrachten, um Hitzewellen wissenschaftlich zu auszuwerten. "Die Daten, die fehlen beziehungsweise nicht mit extremen Temperaturen in Zusammenhang gebracht werden, sind die Daten zu den Auswirkungen extremer Hitze, wie Übersterblichkeit oder Auswirkungen auf Infrastruktur", sagt Otto.

Gründe für den Datenmangel sind schwach aufgestellte Verwaltungen, fehlende institutionelle Ressourcen und lückenhafte Wetterdaten. Letztere werden in Messstationen oder auch mit Flugzeugen vor Ort ("in situ") gesammelt.

"Subsahara-Afrika hat zusammenbrechende In-situ-Messnetze", sagt der Klimaforscher Hartmut Graßl. Das heißt, die Datenlage wird schlechter statt besser und die Qualität der wenigen Beobachtungen sinkt. "Wenn ein wesentlicher Teil der Bevölkerung schlecht ernährt ist und bei Dürre und Hitze hungert, hat es keine Priorität, die Hitzetoten zu zählen", meint Graßl.

Klimaforschung auf einem Auge blind

In dem weltweit umfassendsten Katalog über Auswirkungen extremer Wetterereignisse, der Emergency Events Database, sind laut der Studie für die vergangenen 120 Jahre lediglich zwei Hitzewellen im subsaharischen Afrika verzeichnet. Allerdings schätzen die Datenbank-Verantwortlichen, dass Subsahara-Afrika seit 1900 von über 300 Dürreereignissen getroffen wurde – mit insgesamt mindestens 700.000 Toten.

Ganz anders sieht die Datenlage für Europa aus. Für die vergangenen 40 Jahre werden 83 Hitzewellen aufgelistet. Sie forderten zusammen mehr als 140.000 Todesopfer und verursachten Schäden in Höhe von rund zwölf Milliarden Dollar. Während für den globalen Norden umfassende Daten vorliegen, lässt sich so etwas für den Süden nicht präzise genug sagen.

Das ist ein Problem, denn der afrikanische Kontinent gehört zu den Regionen der Erde, die schon heute stark von klimawandelbedingten Schäden und Verlusten gebeutelt sind. Doch fehlende Daten führen zu einem schiefen Bild und erschweren es den Forscher:innen möglichst präzise Abschätzungen vorzulegen.

Das Fachgebiet von Friederike Otto ist eigentlich die Attributionsforschung. Dabei versucht man zu beziffern, wie stark ein extremes Wetterereignis durch den Klimawandel bedingt wurde. "Wir können deutlich sehen, dass der Klimawandel zu mehr extrem hohen Temperaturen führt, aber Attributionsstudien zu konkreten Ereignissen sind deutlich schwieriger, und Attribution von Hitzeschäden und -verlusten ohne die beschriebenen Daten ist fast unmöglich", erläutert die Forscherin.

Die Klimaforscher:innen können den Beitrag des Klimawandels an Extremwetter-Ereignissen in Subsahara-Afrika nicht ermitteln – obwohl in der Region "die größten Schäden und sozioökonomischen Verluste auftreten", wie es in einer weiteren Studie heißt, an der Otto beteiligt war.

Die Klimawissenschaft ist quasi auf einem Auge blind, wenn sie nicht auf Daten aus einkommensschwachen Ländernzurückgreifen kann.

"Das trifft auch den Rest der Welt"

Das hat auch weitreichende Konsequenzen für die internationale Klimadiplomatie. "Obwohl Afrika der am stärksten von der Klimakrise betroffene Kontinent ist, werden afrikanische Stimmen bereits an den Rand gedrängt", sagt Mohamed Adow, Direktor des Klima-Thinktanks Power Shift Africa. Der Mangel an wissenschaftlichen Daten über das Leiden in Afrika unterstreiche dies nur noch.

"Es ist von entscheidender Bedeutung, dass afrikanische Hitzewellen aufgezeichnet werden, um Maßnahmen der afrikanischen Regierungen wie auch internationaler Organisationen voranzutreiben", fordert Adow. Es sei weder für Afrika noch für den Rest der Welt gut, wenn nicht bekannt sei, wie es tatsächlich um den Klimawandel auf dem am stärksten betroffenen Kontinent bestellt ist.

Heißere, längere und ausgedehntere Hitzewellen treffen Afrika schon heute. Das belegten Forscher:innen bereits 2016. Ab 2045 könnten ungewöhnlich starke Hitzewellen den Kontinent sogar jedes Jahr treffen – und wenn es nicht gelingt, die Erhitzung des Planeten auf 1,5 Grad zu begrenzen, sogar noch öfter.

"Zusammen mit der zu erwartenden Bevölkerungsentwicklung bedeutet das, dass 20- bis 50-mal so viele Menschen wie heute gefährlich hohen Temperaturen in afrikanischen Städten ausgesetzt sein werden", warnt Friederike Otto.

Afrikanische Länder stoßen mit Anpassungsmaßnahmen an extreme Hitze bereits heute an ihre Grenzen. Intensivere und heißere Hitzewellen in der Zukunft könnten humanitäre Krisen von unbekannten Ausmaßen auslösen.

Europäische Satelliten sollen aushelfen

Dabei gäbe es aus Sicht von Hartmut Graßl durchaus eine Lösung für das Problem mit den Wetterdaten. Der Klimaforscher verweist auf Fernerkundungsdaten.

"Wer selbst keine guten Daten hat, glaubt den Befunden derjenigen mit guten Daten zunächst nicht. Deshalb muss der Umgang mit frei zur Verfügung stehenden Satelliten-Daten an den afrikanischen Universitäten gelehrt und in afrikanischen Wetterdiensten eingeführt und auch finanziell unterstützt werden", sagt Graßl gegenüber Klimareporter°. Die europäischen Meteosat-Wettersatelliten seien hier ein Vorreiter.

Satellitenmessungen hält Graßl für weit preiswerter, als ein In-situ-Messnetz aufzubauen und es womöglich wieder zusammenbrechen zu sehen. "Meteosat-Daten haben eine sehr hohe Qualität und sind eine wesentliche Stütze für die Wettervorhersage in ganz Afrika", erklärt der Forscher.

So liefere das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage im englischen Reading nicht nur deterministische Wetterprognosen für bis zu zehn Tage, sondern auch Klimaanomalie-Vorhersagen für mehr als ein halbes Jahr. Allerdings fehle den meisten Wetterdiensten in afrikanischen Ländern bisher die Infrastruktur zur Nutzung dieser Angebote.

Redaktioneller Hinweis: Hartmut Graßl ist Mitglied des Herausgeberrates von Klimareporter°.

Der Beitrag wurde am 15. Juli ergänzt.

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