Versagen die "Denkfabriken" im Umbruch?

Klimaschutz und Denkfabriken – Teil 1: Im gegenwärtigen Epochenbruch lautet die Frage: Wer hat die politische und kulturelle Kraft, neue Pfade zu gehen? Wer hat eine ganzheitliche Vision des Fortschritts? Thinktanks gehören heute zu den Meinungsmachern, spielen aber eine zweischneidige Rolle.


Grafischer Schnitt durch Meer und Land mit schematischer Darstellung verschiedener Geoengineering-Technologien.
Geoengineering in allen Variationen: Klimaschutz darf nicht als alleinige Aufgabe für Ingenieure missverstanden werden. (Grafik: Rita Erven/​IFM Geomar/​Kiel Earth Institute)

"Wir sind die Bürger einer Welt voller Unruhe, in der wir neu zu begreifen suchen, wohin es uns treibt und welche anderen Wege wir gehen sollen, die wir auch unseren Nachfahren überlassen können". So beschrieb Aurelio Peccei, der Gründer des Club of Rome, den Epochenwechsel, der sich mit der Klimakrise beschleunigt.

Die große Pandemie, die das Immunsystem der Erde zerstört, kommt auf uns zu. Das Wachstum von Wirtschaft und Konsum missachtet planetarische Grenzen, verletzt die Tragfähigkeit der Erde und verschärft soziale Ungleichheiten. Die Welt, wie wir Menschen sie kennengelernt haben, hört auf zu existieren.

Die Tragweite der ökologischen Zerstörungen konnten sich die Vordenker der Moderne, der wir sehr viel zu verdanken haben, vor 200 und mehr Jahren nicht vorstellen. Doch ökonomische Wertvermehrung wurde immer mehr auch ökologische Wertvernichtung. Schon die schiere Quantität der Eingriffe in die Natur wurde zur Achillesferse der modernen Gesellschaft.

Denn seit der industriellen Revolution verzehnfachte sich die Weltbevölkerung, nahm die Beanspruchung der Natur um das Hundertfache zu, veränderte sich grundlegend von traditionellen Wirtschaftsweisen die Eingriffstiefe in die Öko-Systeme, stieg die Ressourcennutzung in den Industriestaaten pro Kopf um das Zwanzigfache. Aber unser Planet ist endlich, zumindest für menschliches Leben.

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist die Welt im Krisenmodus, erst die Finanzkrise von 2008, dann die des Euros, danach die globalen Migrationsbewegungen, nun die Corona-Pandemie und immer schneller die Klimakrise. Die globalen Erschütterungen sind nicht vom Himmel gefallen, denn sie haben sich über einen längeren Zeitraum aufgebaut. Die sozialen und ökologischen Schutzschichten sind dünn geworden. Doch die ökologischen Grenzen des Wachstums werden noch immer verdrängt.

Das sind keine starren Grenzen, an denen ein Schlagbaum steht. Doch die Grenzen sind da. Ihr Überschreiten trifft zuerst die ärmeren Gesellschaftsschichten, die sich am wenigsten wehren können. Die Industriestaaten sind von den Folgen erst wenig betroffen, aber die Krise wird mit einer zeitlichen Verzögerung über die Peripherie auch zu den Hauptverursachern zurückkehren.

Was ist unter der Oberfläche?

Die entscheidende Frage ist, ob es eine Mehrheit dafür geben wird, die globale Transformation sozial und ökologisch zu gestalten. Wer hat die politische und kulturelle Kraft, neue Pfade zu gehen? Denn selbst ein Teil der "Klimaleugner" kann die Fakten der anthropogenen Erderwärmung nicht ernsthaft bezweifeln. Vielmehr scheint sie die Angst umzutreiben, dass tiefgreifende gesellschaftliche Reformen die Folge sein müssen, die ihre Interessen bedrohen. Mit der Klima- und Biodiversitätskrise brechen gefestigte Kategorien weg. Die notwendige Konsequenz sind ein anderes Weltbild und eine solidarische Verantwortungsethik.

Der italienische Kulturphilosoph Antonio Gramsci war der Vordenker einer "kulturellen Hegemonie", um die es auch heute wieder geht. Gemeint ist das Ringen um Mehrheiten für das Erlangen oder Bewahren einer weltanschaulichen Dominanz, welche die gesellschaftliche und politische Vormacht sichert oder neu erkämpft. Gramsci sprach von einem "historischen Block" durch die Verknüpfung einer sozialen Schicht mit Institutionen, Beziehungen und Ideen.

Michael Müller

ist Bundes­vorsitzender der Natur­freunde Deutsch­lands. Der umwelt­politische SPD-Vordenker war Bundes­tags­abgeordneter und von 2005 bis 2009 Parlamentarischer Staats­sekretär im Bundes­umwelt­ministerium. Er ist Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

 

In der Klima- und Umweltkrise ist eine aufgeklärte Solidarität in einem bisher unbekannten Ausmaß notwendig. Tatsächlich gewinnt jedoch eine konservativ-libertäre Ideologie an Boden.

Zygmunt Bauman benutzte für unsere Zeit die Metapher von der "flüchtigen Moderne", in der sich das Bekannte auflöst, während sich das Neue erst bilden muss. Er sprach vom "Ende der Eindeutigkeit". Der polnische Philosoph verglich die Entwicklung mit einer Flüssigkeit, die ohne festen Rahmen ihre äußere Gestalt nur einen kurzen Augenblick behalten kann.

Angesichts von deregulierten Märkten, Klimakrise, globaler Pandemie, virtuellen Realitäten und unerfüllten Sehnsüchten droht die weitere Entwicklung zu einem rigiden Wettbewerb von "Einzelkämpfern" zu werden. Die Orientierungskrise wird so lange anhalten, bis es zu einer Rückbindung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung an die soziale und natürliche Mitwelt kommt. Die aber erfordert eine ganzheitliche Vision des menschlichen Fortschritts. Ihr Fehlen ist auch die Schwäche der Umweltpolitik.

"Das Bedürfnis im Denken will aber, dass gedacht werde." Dieser zentrale Imperativ aus der "Negativen Dialektik" von Theodor Adorno gilt mehr denn je. Wir müssen unter die Oberfläche schauen und Zusammenhänge verstehen. Ist der Prozess der Industrialisierung in der globalen Verwertungsökonomie auf Überdehnung und Zusammenbruch angelegt? Oder spitzt sich die ökologische Krise zu, weil Wirtschaft und Gesellschaft in überholten Denkweisen befangen sind?

Die Klimakrise braucht die kompromisslose Bereitschaft, über den neoliberalen Kapitalismus hinauszublicken für tiefgreifende Strukturreformen statt einer Technokratie der Macht. Andernfalls werden wir mitschuldig an einem beispiellosen Versagen.

Die Rolle der "Denkfabriken"

Zu den Meinungsmachern unserer Zeit gehören sogenannte Denkfabriken oder Thinktanks. Sie fordern in einem advokatorischen Stil ein bestimmtes Handeln. Beim Klimawandel und in der Energiepolitik gehören dazu beispielsweise die Agora Energiewende, die von der Stiftung Mercator gefördert wird, oder die mit Geld aus den USA finanzierte Stiftung Klimaneutralität.

Beide Thinktanks sind inhaltlich und personell eng miteinander vernetzt, sie promoten sich wechselseitig bei der Vermarktung oder Neuverpackung von Ideen und Interessen. Wie bei anderen Denkfabriken auch ist es notwendig, genauer hinzuschauen.

Der Begriff Thinktank geht zurück auf abhörsichere Räume im Zweiten Weltkrieg, in denen Experten mit militärstrategischen Aufträgen zu tun hatten. Das Strategische ist geblieben, vornehmlich in wirtschaftlichen und politischen Fragen.

Denkfabriken sind auch in unserem Land Mode geworden. Ihre Zahl nimmt zu, ihr Einfluss im politisch-öffentlichen Raum ebenfalls. Kaum eine Talkshow, wo sie nicht mit der Aura sachlicher Neutralität gefragt sind, kaum ein Nachrichtenthema, das ihre Thesen nicht aufgreift, und kaum eine politische Debatte, bei der sie nicht eine Rolle zu spielen suchen.

Der Soziologe Niklas Luhmann charakterisierte sie als "Organisationen, die sich um die Feststellung von Wahrheiten beziehungsweise Unwahrheiten mehr oder minder erfolgreich bemühen. Mutatis mutandis ergibt sich eine ähnliche Situation wie bei der Konversation von Eigentum und Geld in Macht."

Ein Überblicks-Report von Alex Molnar und Kevin Welner, der 59 Studien aus Denkfabriken untersucht hat, kam 2010 zu dem Ergebnis, dass es weniger um neue wissenschaftliche Erkenntnisse geht als um die Interessen alter und neuer Machteliten.

Für ihr Agenda Setting nutzen Thinktanks oft den "Drehtüreffekt" (revolving door effect), den Seitenwechsel zwischen Politik/​Ministerien und Wirtschaft, von der einen auf die andere Seite des Verhandlungstisches und zurück. Direktor der Stiftung Klimaneutralität ist der frühere Umwelt- und Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Baake, Direktor der Agora Energiewende ist Baakes früherer persönlicher Referent, der spätere Referatsleiter für Energie im Bundesumweltministerium Patrick Graichen.

Atomkraft, CCS und Geoengineering

Die Klimakrise ist ein Thema von zentraler gesellschaftspolitischer Bedeutung, das es endlich an die Spitze der öffentlichen Aufmerksamkeit geschafft hat. Wichtige Punkte bleiben jedoch unklar, werden verwässert oder greifen zu kurz.

Ein Beispiel finden wir im Namen von Baakes Stiftung Klimaneutralität. Klimaneutralität ist ein Begriff, der heute überall, vor allem in der Werbung, gebraucht wird – ohne dass eine Debatte stattfindet, was damit gemeint ist. Das erinnert fatal an den Begriff der Nachhaltigkeit, der zu einem inhaltsleeren Plastikwort verkümmert ist.

Während in Entwürfen für die Pariser Klimaverhandlungen wie auch in der Erklärung des G7-Gipfels von 2015 noch der "Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen" zum Ziel erklärt wurde, war im Schlussdokument von Paris nur noch von Klimaneutralität die Rede. Eine nicht unwichtige, zumindest interpretierbare Verschiebung.

Sind mit "klimaneutral" die Treibhausgasemissionen insgesamt oder nur das Kohlendioxid aus Schornsteinen und Auspuffrohren gemeint? Geht es beim CO2 um die reinen Emissionen aus der Erzeugung von Strom, Wärme und Mobilität oder um alle Kohlendioxidemissionen, die über die gesamte Abbau-, Wandlungs- und Nutzungskette verursacht werden, so wie im Ökobilanzierungsmodell Gemis? Ein wahrlich nicht geringer Unterschied.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrats in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Und was ist mit den anderen Treibhausgasen wie Methan, Lachgas oder Chlorverbindungen? Wie werden die einbezogen und berechnet?

Klimaschutz ist eine globale Aufgabe, die Berechnungen und Kriterien müssen weltweit gelten. Was ist zum Beispiel mit der Atomenergie, die unter anderem in Frankreich als klimaneutral gilt, weshalb die dortige Regierung in der EU auch eine CO2-Steuer unterstützt, die aus ihrer Sicht die Atomenergie nicht betrifft?

Dabei ist auch der Nuklearstrom über die gesamte Kette vom Abbau der Ressourcen über die Wandlung in Elektrizität bis zur Nutzung von Strom nicht CO2-frei. In der Gesamtbilanz steht er sogar schlechter da als ein modernes GuD-Gaskraftwerk. Noch wichtiger ist, dass im Verbund effizienter Technologien die Möglichkeiten, Treibhausgasemissionen zu vermeiden, deutlich größer sind als mit Atomkraftwerken, die als reine Stromproduzenten über einen geringen Wirkungsgrad verfügen.

Schließlich: Wie wird die CCS-Technologie bewertet, also das Abscheiden und die unterirdische Lagerung von Kohlendioxid? Von Klaus Töpfer als umweltschädlich kritisiert, wird sie von Graichen als notwendig hingestellt. Was ist mit einer chemischen Manipulation der Atmosphäre mithilfe von Sulfat-Injektionen, um CO2 zu binden? Gilt die Menge des manipulierten Kohlendioxids als klimaneutral?

Die Klimakrise ist eine Menschheitsherausforderung. Seit über einem Vierteljahrhundert wird über den Schutz des Patienten Erde mühsam verhandelt, doch so recht voran kommen die Konferenzen nicht. Viel Zeit ist bereits verloren gegangen.

Umso wichtiger ist eine aufgeklärte und wachsame Öffentlichkeit mit klaren Begriffen und Zielen. Entscheidend ist nämlich, unter die Oberfläche zu schauen und Zusammenhänge zu verstehen.

Es folgt Teil 2: Rainer Baake verspricht die Quadratur des Kreises

Alle drei Teile finden Sie hier.

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