Der Klimawandel – ein planetarisches Virus

Das Coronavirus ist ein Warnschuss vor den Bug der Selbstgewissheit moderner Gesellschaften. Wir stehen vor der Wahl: Entweder kommt es schnell zu einer sozial-ökologischen Gestaltung der Transformation oder die weitere Entwicklung steuert unsere Zukunft chaotisch, schmerzhaft und unerbittlich.


Grafische Darstellung der Erde, die gleichzeitig wie ein Coronavirus aussieht.
Stark vereinfachte Ursache-Wirkungs-Beziehungen prägen ein Weltbild, das zur Zerstörung der Lebensgrundlagen führt. (Grafik: Miroslava Chrienová/​Pixabay)

Die globale Ausbreitung des Coronavirus zeigt die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens. Die Pandemie verändert die Wirklichkeit radikal. Während früher die Folgen derartiger Krankheitserreger meist regional begrenzt blieben, trifft es diesmal alle Länder und damit unseren Planeten insgesamt.

Mit der Globalisierung der Märkte ist unsere Welt zu einem einzigen Ort verschmolzen – der sich nun, um globale Prozesse zu verlangsamen, mit geschlossenen Grenzen temporär abzuschotten sucht. Doch das ist keine Lösung.

Eine Assoziation zum Coronavirus bietet sich beim anthropogenen Treibhauseffekt an. Bereits 1992 deutete der damalige US-Vizepräsident Al Gore den Klimawandel als ein planetarisches Virus, der Gaia, die Mutter Erde, unfähig macht, ihr Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

In dieser Lesart zerstört die Anreicherung der Treibhausgase die Immunität der Erdatmosphäre als eine wesentliche Voraussetzung menschlichen Lebens.

In dem Bild ist die globale Erwärmung das Fieber, das die Krankheit hochtreibt. Je schneller das Virus die Stoffwechselprozesse der Erde durcheinanderbringt, desto verzweifelter werden die Anstrengungen der Menschen, das eindringende Virus zu bekämpfen.

Ökonomischer Verwertungszwang

Heute werden die neuen strategischen Bedrohungen der schnell zusammenwachsenden Welt deutlich. Sie sind eine Folge der Modernisierungsprozesse, die – vorangetrieben vom ökonomischen Verwertungszwang – zu einer permanent zunehmenden Arbeitsteilung, Ausdifferenzierung, Beschleunigung, Rationalisierung und Internationalisierung führen. Dadurch werden Zeit und Raum entgrenzt.

Michael Müller

ist Bundes­vorsitzender der Natur­freunde Deutsch­lands. Der umwelt­politische SPD-Vordenker war Bundes­tags­abgeordneter und von 2005 bis 2009 Parlamentarischer Staats­sekretär im Bundes­umwelt­ministerium. Er ist Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

Deshalb können wir nicht länger der Erkenntnis ausweichen, dass die moderne Zivilisation in einer tiefen Krise steckt, denn diese Prozesse machen die Erde verletzlich.

Das zu verhindern, erfordert mehr als eine Erweiterung oder Ergänzung des bisherigen Modells von Wirtschaft und Gesellschaft. Und auch viel mehr als den Versuch, die Auswirkungen nachträglich zu begrenzen.

Tatsächlich ist das Coronavirus ein Warnschuss vor den Bug der Selbstgewissheit moderner Gesellschaften.

Wir stehen vor der Wahl: Entweder kommt es schnell zu einer sozial-ökologischen Gestaltung der Transformation, die nach dem Leitbild der Nachhaltigkeit eine gemeinsame Zukunft formt.

Oder die weitere Entwicklung steuert unsere Zukunft chaotisch, schmerzhaft und unerbittlich. Tiefe Brüche und schwere Verwerfungen würden die Folgen sein.

Mechanistisches Weltbild

Um in der globalen Welt zu mehr politischer Handlungsfähigkeit zu kommen, ist die Regionalisierung der Globalisierung notwendig: die Regionen stärken und ein demokratisches Gleichgewicht zwischen den großen Wirtschaftsräumen und Kontinenten aufbauen. Dann können neue soziale und ökologische Schutzschichten geschaffen werden.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrates in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

In dieser schwierigen Situation wäre demokratische Führungslosigkeit eine der größten Bedrohungen. So wie das beim anthropogenen Klimawandel schon viel zu lange der Fall ist. Auch jetzt wächst die Gefahr, das planetarische Klimavirus wieder zu verdrängen.

Die Politik darf sich nicht den globalen Märkten unterordnen – die wahrscheinlich das mächtigste Werkzeug sind, das die menschliche Zivilisation geschaffen hat, die aber ohne politische Kontrolle zum Treiber für die Destabilisierung der Welt werden.

Der cartesianische Zugang zur menschlichen Geschichte lässt uns glauben, wir könnten die Natur nach Belieben nutzen. Das ist eine fundamentale Fehleinschätzung, die uns in die Krise geführt hat.

Diesen Fehler zu korrigieren, ist die wichtigste Aufgabe für eine friedliche, gerechte und gesunde Welt. Und es ist eine Lehre aus Corona.

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