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Physik-Nobelpreis, CDU‑averse Wähler und zentrale Ampel-Aufgaben

Kalenderwoche 49: Die neue Ampel-Regierung hat glücklicherweise einen Klima-Schwerpunkt, doch eine integrale ökologische Politik ist nicht zu erkennen, sagt Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Auf einem begrenzten Planeten darf Wirtschaftswachstum für die schon teils luxuriös ausgestatteten reichen Länder nicht das übergeordnete Ziel sein.


Porträtaufnahme von Hartmut Graßl.
Hartmut Graßl. (Foto: Christoph Mischke/​VDW)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, am Mittwoch wurde die neue Bundesregierung vereidigt – erstmals in Deutschland eine aus drei Parteien, die so noch nie zusammen auf Bundesebene regierten: SPD, Grüne und FDP. Sie haben schon viele Regierungen in diesem Land kommen und gehen sehen. Was erwarten Sie von der neuen rot-grün-gelben?

Hartmut Graßl: Vor 42 Jahren, 1979, fand in Genf die erste Weltklimakonferenz statt. Dort haben – eingeladen von der Weltorganisation für Meteorologie WMO – viele Nationen, wesentlich auf der Basis eines Berichts der Akademie der Wissenschaften der USA, wegen der vermuteten globalen Klimaänderungen durch den Menschen das Weltklimaprogramm aus der Taufe hoben.

In dessen Forschungsteil wurde untersucht, ob die Menschheit das globale Klima nachweislich ändert. Dieses Forschungsprogramm war sehr erfolgreich und hat die Hauptrolle des Menschen bei der globalen Erwärmung zweifelsfrei klargestellt. Das führte sogar in diesem Jahr zur Vergabe des Physik-Nobelpreises an zwei Klimaforscher, einer davon mein Kollege Klaus Hasselmann, der Gründungsdirektor unseres Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg.

Jetzt hat die Bundesrepublik eine neue rot-grün-gelbe Koalitionsregierung, die das völkerrechtlich verbindliche globale Paris-Abkommen zum Klimaschutz für Deutschland umsetzen muss. Die neue Regierung hat glücklicherweise einen Klimapolitik-Schwerpunkt, und sie möchte sogar das 1,5-Grad-Ziel – eigentlich nicht das verbindliche Ziel, das nur "deutlich unter zwei Grad" fordert – erreichen helfen.

Die Klima-Pläne der neuen Regierung, soweit sie aus dem Koalitionsvertrag erkennbar sind, enthalten viel, was die große Mehrheit der Bürger wünscht, aber eine integrale ökologische Politik ist das für mich nicht. Denn auf einem begrenzten Planeten darf weiteres Wirtschaftswachstum für die schon in Teilen luxuriös ausgestatteten reichen Länder nicht das übergeordnete langfristige Ziel sein.

Ich hätte mir zum Beispiel Aussagen gewünscht, durch welche sozialen Innovationen die unsere Zukunft untergrabende Übernutzung der nicht erneuerbaren und auch der erneuerbaren Ressourcen eingedämmt werden soll.

Ein Beispiel: Wenn in Zukunft die erneuerbaren Energieformen, allen voran die Sonne und mit Abstrichen der Wind, die volle Versorgung stemmen, dann geht das nur bei verstärkter Nutzung der prinzipiell nicht erneuerbaren Metalle, oft auch der ziemlich seltenen. Ein zentrales Ziel einer nachhaltigen Energiepolitik müsste also eine fast komplette Wiederverwertung der Metalle und die starke Effizienzsteigerung der Energienutzung sein.

Im Koalitionsvertrag heißt es dazu im Abschnitt Rohstoffe: "Wir wollen unsere Wirtschaft bei der Sicherung einer nachhaltigen Rohstoffversorgung unterstützen, den heimischen Rohstoffabbau erleichtern und ökologisch ausrichten. ... Wir wollen das ökonomische und ökologische Potenzial des Recyclings umfassend nutzen, den Ressourcenverbrauch senken und damit Arbeitsplätze schaffen".

Das erlaubt zwar die angesprochene wesentliche Verstärkung der Wiederverwertung, ist aber viel zu vage formuliert und spricht nicht von der Effizienzsteigerung. Dass daraus stringente Politik wird, ist wenig wahrscheinlich.

Trotzdem entdecke ich im Koalitionsvertrag vieles, was uns voranbringen wird, und ich hoffe, dass die globale Debatte zu den vagen Teilen des Koalitionsvertrages unserer Regierung auch Beine macht und das Notwendige nicht verzögert.

Die neue Regierung hat den Klimaschutz auf verschiedene Ministerien verteilt: Die nationale Klimapolitik wird jetzt im Wirtschaftsministerium gemacht, die internationale im Außenministerium, und der profilierteste Klimabeamte des Landes, Jochen Flasbarth, geht aus dem Umwelt- ins Entwicklungsministerium. Das einst so stolze Umweltministerium wurde kräftig zurechtgestutzt. Wie bewerten Sie dieses Aufsplittern von Klimapolitik?

Die beiden größten globalen ökologischen Krisen, nämlich die Klimaänderungen und der Verlust biologischer Vielfalt, die eine Transformation mindestens aller Industriegesellschaften erzwingen, können nicht mehr von nur einem kleinen Ministerium behandelt werden.

Das bisher wesentlichste völkerrechtlich verbindliche Abkommen zur Klimapolitik, das Paris-Abkommen zur UN-Klimarahmenkonvention, ist vor genau sechs Jahren, am 12. Dezember 2015, vor allem durch das Geschick des französischen Außenministers Laurent Fabius zustande gekommen.

Deshalb sollte Klimapolitik nicht allein in einem der kleinsten Ministerien, dem Umweltministerium, residieren. Mindestens das Außen- und das Wirtschaftsministerium müssen sich damit befassen, und immer stärker wird es zur Chefsache werden müssen.

Aber auch der Schutz der biologischen Vielfalt braucht entsprechende Politik in mehreren Ministerien. In unserem Land müssen das Umweltministerium, das Landwirtschaftsministerium und das Verkehrsministerium den Schutz der biologischen Vielfalt als eines der Hauptthemen ihrer Politik sehen.

Mit jeder neuen Straße, Parkplatzfläche oder Eisenbahntrasse mindern wir biologische Vielfalt. Ein Land ohne Bevölkerungszuwachs muss als ein zentrales Ziel den bisher viel zu hohen Flächenverbrauch für neue Infrastruktur rasch mindern und alte, ungenutzte Infrastruktur an die Natur zurückgeben.

Zusammengefasst: Die sozial-ökologische Marktwirtschaft muss Klima- und Biodiversitätspolitik immer gemeinsam mitdenken.

Die CDU-Vorsitz-Kandidaten Braun, Merz und Röttgen haben auf einen Fragenkatalog der "Klima-Union" geantwortet, einer relativ neuen Gruppierung in der Partei. Alle drei stehen demnach für eine Politik, die Deutschland zum 1,5-Grad-Ziel führt – und die auch das noch zulässige "Restbudget" beim CO2-Ausstoß einhält, wie es der Sachverständigenrat für Umweltfragen definiert hat. Sehen Sie die CDU schon auf dem Weg zu einer Klimapartei?

Es ist ein Privileg der Oppositionsparteien im Bundestag, mehr zu fordern, als sie beschließen würden, wenn sie selbst an der Regierung wären. Das gilt sehr wahrscheinlich auch für die Klimapolitik der CDU-Kandidaten zum Parteivorsitz.

Die Bürger, die rasche Klimaänderungen als zentrale Bedrohung sehen, litten seit 2005 unter der erfolgreichen Bremserpolitik der bisherigen CDU-Minister beim Ausbau der erneuerbaren Energien: Deckel für den Photovoltaik-Zubau, Abstandsregeln für Windkraftanlagen, fast völlige Befreiung vieler Firmen von der Umlage der Zusatzkosten – bis zu fast acht Cent pro Kilowattstunde – aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Wenn allerdings vor allem die jungen Wähler fast völlig CDU-avers sind, muss man reagieren: mit einer "Klima-Union" – im April als Verein gegründet – und progressiven Antworten auf ihre Steilvorlagen.

Ich hoffe, dass davon genug übrigbleibt, um die neue Koalitionsregierung zu kräftigeren Akzenten beim Umbau der bisher sehr stark von fossilen Brennstoffen abhängigen Industrie anzutreiben. Denn der zögerliche Teil dieser Industrie verlöre so die bisherige Stütze durch die CDU.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Heute möchte ich nichts Überraschendes aus der Klimapolitik oder der aktuellen Klimaforschung berichten, sondern etwas zur Verleihung des diesjährigen Physik-Nobelpreises an meinen Kollegen Klaus Hasselmann sagen. Er erhielt den Preis am Dienstag dieser Woche im Harnack-Haus der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin aus der Hand des schwedischen Botschafters.

Schon im März 1995 war mir die wissenschaftliche Bedeutung der damaligen Pressekonferenz im Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie in Anwesenheit des damaligen Bundesforschungsministers klar. Hasselmann stellte dort seine jetzt mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Veröffentlichung vor, die ich damals so zusammengefasst habe: "Das Signal ist entdeckt."

Mit dem gekoppelten Atmosphäre-Ozean-Land-Modell aus seiner Abteilung, seiner neuen mathematischen Fingerabdruck-Methode zur Entdeckung des Einflusses des Menschen und anderer Faktoren auf die beobachtete, auch höhen- und breitenabhängige Temperaturänderung sowie die zugehörige CO2-Konzentration in der Atmosphäre, war folgende Aussage möglich: Die Erwärmung der unteren Atmosphäre ist bei weniger als fünf Prozent Irrtumswahrscheinlichkeit anthropogen.

Rasch veröffentlichten andere Gruppen bis Sommer 1995 mit anderen Nachweismethoden ähnliche Aussagen, sodass bei der Sitzung der Arbeitsgruppe 1 des "Weltklimarates" IPCC Ende Juli 1995 in Asheville in North Carolina die Kurzzusammenfassung des vollständigen zweiten IPCC-Berichts die Überschrift bekam: "Alles deutet darauf hin, dass der Mensch einen erkennbaren Einfluss auf das globale Klima hat."

Um Mitternacht nach der Sitzung der zwölfköpfigen Gruppe, die vom Vorsitzenden John Houghton mit der Kurzfassung betraut war, war uns Wissenschaftlern klar, dass diese Schlagzeile die Politik bewegen würde.

Das Kyoto-Protokoll von 1997 war dann die politische Antwort. Allerdings musste ich bis 2021 auf die Erfüllung meiner damaligen Vorhersage warten: "Dafür wird Klaus Hasselmann nach einem völkerrechtlich bindenden Vertrag zur Klimapolitik den Nobelpreis bekommen."

Fragen: Jörg Staude

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