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Die Zwillingskrise

Zwei hochrangige UN-Fachgremien fordern ein Umdenken in der Umwelt- und Klimapolitik: IPCC und IPBES veröffentlichen ihren ersten gemeinsamen Bericht. Schafft es die Politik, umfassende, integrierte Konzepte zu entwickeln, statt nur auf CO2 oder nur auf Schutzgebiete zu schauen?


Luftaufnahme eines Maisfeldes.
Der Anbau von Mais für Biogas soll dem Klima helfen. Doch Monokulturen mit starkem Dünger- und Pestizideinsatz sind ein Problem für die Vielfalt der Arten. (Foto: Pomme Grenade/​Pixabay)

Eigentlich zieht es sich über Jahre, wenn der Weltbiodiversitätsrat IPBES oder der Weltklimarat IPCC einen neuen Bericht vorlegen. In einem aufwendigen Prozess tragen Hunderte Wissenschaftler:innen den aktuellen Forschungsstand zusammen, begutachten und bewerten Studien und arbeiten gemeinsamen an umfassenden Berichten.

Für ihren ersten gemeinsamen Bericht haben die beiden Fachgremien der Vereinten Nationen dagegen Tempo gemacht. Im vergangenen Dezember trafen sich 50 Forscher:innen zu einem virtuellen Workshop, um den Sachstand zu Klimawandel und Artensterben zusammenzutragen.

Ein halbes Jahr später steht jetzt das Ergebnis des Treffens fest: Die Erhitzung des Planeten und der voranschreitende Verlust der Arten hängen zusammen und verstärken sich wechselseitig. Sie haben ähnlich negative Auswirkungen auf das menschliche Wohlergehen und müssen dringend gemeinsam bewältigt werden. Das fordern nun Vertreter:innen von IPBES und IPCC.

Es ist das erste Mal, dass die beiden renommierten Gremien für internationale Politikberatung einen gemeinsamen Bericht veröffentlichen. Seit 1988 publiziert der Weltklimarat den Forschungsstand zur sich verschärfenden Klimakrise. Der später etablierte Weltbiodiversitätsrat trägt wissenschaftliche Erkenntnisse zum Artensterben zusammen. 

Wenn diese Gremien sich zusammentun, hat das einiges Gewicht. Aus Sicht der Forschenden ist in der Öffentlichkeit und in der Politik noch zu wenig bekannt, wie die Biodiversitäts- und Klimakrise verknüpft sind. Das soll der gemeinsame Bericht ändern.

Höhere Temperaturen sowie stärkere und häufiger auftretende Wetterextreme infolge der Klimakrise zerstören Ökosysteme und Lebensräume, so IPBES und IPCC. Geschädigte Ökosysteme sind weniger gut in der Lage, CO2 aufzunehmen, als das etwa bei Bäumen in stabilen Ökosystemen der Fall ist. Bei starker Schädigung kann diese Fähigkeit verloren gehen, dann könnten die Ökosysteme, die eigentlich CO2 binden, dieses Treibhausgas sogar freisetzen.

Konflikte zwischen Klimaschutz und Artenerhalt

Auch warnen die Forscher:innen, dass sich verschiedene Maßnahmen für den Klimaschutz nachteilig auf die Artenvielfalt auswirken könnten. So kann das Anpflanzen von Wäldern in Monokulturen zwar CO2 aus der Atmosphäre binden, aber in diesen Monokulturen sind weniger Arten zu finden als in Mischwäldern.

Oder: Der Einsatz von Elektroautos kann die klimaschädlichen Emissionen des Verkehrs senken, allerdings kommt es beim Rohstoffabbau für die Batterien oft zu massiven Umweltschädigungen.

Auch in Deutschland gibt es Maßnahmen, die sinnvoll für das Klima, aber schlecht für die Biodiversität sind. So wird seit dem Jahr 2000 immer mehr Mais für Biogasanlagen angebaut – zum Teil sogar auf Grün- und Brachflächen, die eigentlich für den Naturschutz vorgesehen sind. In der Folge ist die Zahl der Insekten und Wiesenvögel zurückgegangen.

"Viel zu lange haben die politischen Entscheidungsträger den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt als getrennte Themen betrachtet, sodass die Lösungen der Politik nur auf eine der Krisen ausgerichtet waren", sagte die Ökologin Pamela McElwee von der Rutgers University in den USA, eine Mitautorin des Berichts. Wegen der Zusammenhänge und Wechselwirkungen beider Krisen müsse die Politik sie zusammen betrachten und lösen.

Viele Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt sind aus Sicht der Forscher aber auch sinnvoll für den Klimaschutz, sie verstärken sich sogar wechselseitig. Wenn beispielsweise Moore stärker geschützt oder renaturiert werden, ist das gut für das Klima, aber auch für die Arten, die sich an Moore angepasst haben.

Auch der Schutz naturnaher Wälder, von Feuchtgebieten, Savannen oder Mangroven stabilisiert die Artenvielfalt und das Klima.

Menschliches Handeln ist entscheidend

Die Wissenschaftler:innen fordern auch, dass mehr Agrarflächen und Forste nachhaltig bewirtschaftet werden müssen. Weltweit sollten mehr Schutzgebiete ausgewiesen werden. Diskutiert wird, zwischen 30 und 50 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen.

Allerdings soll das abhängig von der Region entschieden werden. Eine Forderung ist, 70 bis 80 Prozent des Amazonas-Regenwaldes unter Schutz zu stellen, weil das Gebiet nicht nur eine hohe Artenvielfalt aufweist, sondern auch ein eigenes Klimasystem bildet, das zusammenzubrechen droht, wenn es auch nur in Teilen geschädigt ist.

Sowohl der Verlust der Arten als auch die zunehmende Klimakrise wurden durch menschliches Handeln ausgelöst.

Das Verbrennen fossiler Energieträger wie Kohle, Erdgas und Erdöl hat bis heute so viel CO2 freigesetzt, dass die weltweiten Durchschnittstemperaturen schon um ein Grad gegenüber vorindustrieller Zeit gestiegen sind. Die Folgen sind gravierend: An den Polen schmelzen die Gletscher, Wetterextreme oder Dürren werden in vielen Regionen häufiger.

Beim Verlust der Arten sieht es nicht viel besser aus. Zwischen 500.000 und einer Million Arten sind vom Aussterben bedroht, warnte der Biodiversitätsrat vor zwei Jahren in einer globalen Bestandsaufnahme. Treiber für das Artensterben sind vor allem die intensive Landnutzung, das Übernutzen von Ressourcen, Umweltverschmutzung und der Klimawandel.

Die Forscher:innen sind aber zuversichtlich, dass die Zwillingskrise noch gebremst werden kann. Dafür braucht es rasches Handeln innerhalb der nächsten zehn Jahre.

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