Fünf Jahre eher klimaneutral?

Deutschland könnte schon im Jahr 2045 netto null CO2-Emissionen erreichen, sagen drei Stiftungen. Dafür müssten aber "Beamtenmentalität" und "Bedenkenträgerei" abgebaut werden.


Ein Kran legt Kabeltrommeln neben der ausgeschachteten Fläche einer Erdkabelbaustelle ab.
Erdkabelbaustelle im Westmünsterland: Maßgebliche Energiewende-Thinktanks wollen das Tempo beschleunigen. (Foto: Lutz Kampert/​Amprion)

Wer sich fragt, wie Deutschland bis 2050 klimaneutral werden kann, führt möglicherweise schon eine Debatte von gestern. Zur neuen Zielmarke könnte das Jahr 2045 werden – dafür plädiert jedenfalls eine heute vorgestellte Studie der drei Thinktanks Stiftung Klimaneutralität, Agora Energiewende und Agora Verkehrswende. Erarbeitet wurde die Untersuchung von Forschern von Prognos, dem Öko-Institut und dem Wuppertal-Institut.

Schon innerhalb des nächsten Vierteljahrhunderts netto null CO2-Emissionen zu erreichen sei "machbar", fasste Rainer Baake, Chef der Stiftung Klimaneutralität, das erwartungsgemäße Ergebnis der Studie zusammen. Dafür, dass der Zeitpunkt um fünf Jahre vorgezogen werden kann, seien zwei Gründe ausschlaggebend.

Der erste ist ein klimapolitischer. Klimaschutz sei "ein Rennen gegen die Zeit" – da liege die Frage nahe, ob das Tempo nicht beschleunigt werden kann, sagte Baake am Montag bei der Online-Präsentation der Studie.

Mit der Netto-Null 2045 würde Deutschland gegenüber der Zielmarke 2050 rund eine Milliarde Tonnen CO2 zusätzlich einsparen – das sei eine erhebliche Menge angesichts von etwa neun Milliarden Tonnen CO2, die die Bundesrepublik nach heutigen Erwartungen im Zeitraum von 2020 bis 2050 insgesamt noch emittieren wird, wobei Landnutzungsänderungen unberücksichtigt bleiben.

Ab 2045 könnte Deutschland laut der Studie sogar "Negativemissionen" zugunsten des Klimas "erzeugen". Die Studie selbst beziffert die mögliche Einsparung aufgrund der "vorzeitigen" Klimaneutralität auf 900 Millionen Tonnen CO2.

Der zweite Grund für das zeitigere Ziel ist ein klar ökonomischer. Wer nur "im Geleitzug läuft, gewinnt keinen Vorsprung", betonte Baake. Nur diejenigen Volkswirtschaften, die sich mit Klimatechnologien an die Spitze setzten, könnten sich auf den "Märkten von morgen" behaupten.

Zwar müsse Deutschland beim Kohleausstieg, beim Ausbau erneuerbarer Energien, bei Gebäudesanierung und Verkehrswende das Tempo erhöhen, allerdings lasse sich die "Umbaugeschwindigkeit nicht ins Unendliche steigern", räumte Baake ein.

"Investitionen first – Bedenken second"

Das kommende Vierteljahrhundert unterteilen die Thinktanks deswegen grob in drei Abschnitte: Bis 2025 müssten, vor allem durch die neue Bundesregierung, die rechtlichen Grundlagen für eine "Klimaschutz-Beschleunigung" geschaffen werden.

Danach müsse das höhere Tempo dann gehalten werden, betonte der Chef von Agora Energiewende, Patrick Graichen. Deutschland starte hier mit einer Hypothek in die neue Legislaturperiode.

Graichen wie auch Baake klagten in dem Zusammenhang vielfach über die "Beamtenmentalität" und die "Bedenkenträger", die der nötigen Beschleunigung im Wege stünden. Es gehe beispielsweise nicht, dass eine nordrhein-westfälische Landesregierung festlege, Windräder müssten 1.000 Meter Abstand zu Wohnbauten halten und dürften auch nicht in Landschaftsschutzgebieten stehen.

Graichen: "Wir brauchen Investitionen first und Bedenken second." Es gehe darum, eine "komplett neue Investitionswelle in die Infrastruktur zu erzeugen", ähnlich den Wirtschaftswunderjahren in der alten Bundesrepublik.

An vielen Stellen sei Deutschland eine "blockierte" Gesellschaft, so Graichen. Genehmigungen für neue Windräder dauerten "locker" fünf Jahre, bei Strom- und Bahntrassen sei man schnell bei Zehn-Jahres-Fristen. Diese Art Bedenkenträgerei hemme das Land und müsse weg.

Wegen des politischen Anlaufs bis 2025 behält die aktuelle Studie das Ziel aus ihrer Vorläuferstudie "Klimaneutrales Deutschland" bei, bis 2030 die CO2-Emissionen in Deutschland um 65 Prozent zu senken.

Das geltende Ziel der Bundesregierung liegt noch bei minus 55 Prozent, wird aber im Laufe des Sommers aufgrund des inzwischen verschärften EU-Ziels für 2030 heraufgesetzt werden müssen.

Instrumente sollen nachgeliefert werden

Für 2030 bleibt es deswegen auch bei den bisherigen Umbauzielen: Abschluss des Kohleausstiegs (statt wie bisher 2038), ein Erneuerbaren-Anteil am Strom von rund 70 Prozent bei deutlich höherem Strombedarf, 14 Millionen E-Autos auf den Straßen, sechs Millionen Wärmepumpen sowie 60 Milliarden Kilowattstunden sauberen Wasserstoffs.

Ab 2032 sollen keine neuen Verbrenner-Autos mehr neu zugelassen und die Lkw-Flotte auf synthetische Kraftstoffe, Oberleitung oder Batterie umgestellt werden. Alle diese Ziele liegen teilweise über dem Drei- oder Vierfachen dessen, was die Bundesregierung derzeit in ihrem Klimaprogramm für 2030 anstrebt.

Nach 2030 sollen dann in einem dritten Schritt die Emissionen um 95 Prozent bis 2045 sinken. Der verbleibende Fünf-Prozent-Anteil soll nach den Vorstellungen der Studie aus der Luft geholt werden – per Biomasse-Verbrennung mit CO2-Speicherung (BECCS), durch direkte Abscheidung von CO2 aus der Luft (DAC) sowie durch eine langfristige Bindung des Klimagases in einer Kreislaufwirtschaft.

Baakes Ankündigung, die Studie zeige auch den Weg, wie Deutschland bis 2045 klimaneutral werden kann, löst das Papier allerdings auf den 32 Seiten nicht ein. Im Kern ist die Studie eher ein Rechenexempel, was technisch-technologisch für die vorgezogene Netto-Null passieren muss.

Mit welchen Instrumenten – zum Beispiel welchem CO2-Preis oder welchen rechtlichen Maßnahmen – das Klimaziel erreicht werden kann, dazu wollen die Stiftungen in den nächsten Wochen weitere Studien veröffentlichen. Die Frage, wie Deutschland fünf Jahre eher klimaneutral werden kann, ist damit noch ziemlich offen.

Der Beitrag wurde um 22 Uhr ergänzt (Angabe der möglichen CO2-Einsparung in der Studie). Auf Nachfrage wurde am 27. April die Angabe von neun Milliarden Tonnen möglicher künftiger CO2-Emissionen Deutschlands präzisiert.

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