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Die Klimaschutz-Lücke ist gewachsen

Die Klimapolitik nimmt endlich Fahrt auf: Neue Gesetze, neue Ziele, neue Regierung. Scheinbar haben alle ihre Klimalektion gelernt. Schaut man auf die nüchternen Zahlen, sieht es jedoch gar nicht gut aus. Den wahren Kraftakt haben wir noch vor uns.


Porträtaufnahme von Ralf Schmidt-Pleschka.
Ralf Schmidt-Pleschka. (Foto: Lichtblick)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir die Mitglieder unseres Herausgeberrats im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Ralf Schmidt-Pleschka, Koordinator für Energie- und Klimapolitik beim Hamburger Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

Klimaschutz war dieses Jahr in aller Munde. Trotz des Überthemas Corona wurde unentwegt über neue Ziele und Maßnahmen zum Schutz des Klimas gestritten.

Auch und gerade über den Sommer, als eine gigantische Überschwemmungskatastrophe das Thema wieder vorne auf die Wahlkampfagenda setzte. Trotz der erschreckenden Bilder und Berichte – wie die Debatte geführt wurde, machte Hoffnung.

Und auch mit der neuen Bundesregierung gibt es Licht am Ende des Tunnels. Aber genügt das noch? Anspruch und Wirklichkeit passen am Ende dieses Jahres wahrlich nicht zusammen. Das gilt erst recht für die krude Idee der EU-Kommission, Atomkraft künftig als nachhaltig einzustufen.

Tempo, Tempo?

Die Klimapolitik hat in Deutschland Fahrt aufgenommen. Spätestens mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den Klimaschutz zu einer Frage der Generationengerechtigkeit und der Grundrechte machte. Neues Klimaschutzgesetz, Korrekturen bei der Energiewende und im Wahlkampf fast täglich neue Forderungen für das klimapolitische Hausaufgabenheft der nächsten Regierungskoalition.

Die hat inzwischen einen ambitionierten Koalitionsvertrag vorgelegt und die Regierungsgeschäfte übernommen. Es geht also zügig voran, zumindest drängt sich dieser Eindruck beim Rückblick auf die Berichterstattung auf.

Doch der Eindruckt trügt. Verlässt man die Welt der Schlagzeilen und Werbespots und schaut sich die Fakten an, dann wird deutlich, wie viel geredet und wie wenig gehandelt wurde – auch in diesem Jahr. Trotz der "Klimawahl" und der gewagten These, dass (fast) alle Parteien ihre Klimalektion verstanden hätten, war es für den Klimaschutz erneut ein verlorenes Jahr.

Fakten helfen

Mir wurde das klar beim "Factfulness-Quiz" des inzwischen verstorbenen schwedischen Forschers Hans Rosling. Auf die Frage, wie hoch der Anteil fossiler Energien am weltweiten Energieverbrauch sei, tappte ich in die Falle und wählte eine viel zu optimistische Antwort. Sage und schreibe 82 Prozent wäre richtig gewesen. Das hatte ich falsch eingeschätzt.

Aber in Deutschland, da war ich mir sicher, sieht es doch garantiert besser aus – oder? Nein, leider auch nicht. Auch hier machen Erneuerbare nicht mal 20 Prozent der Energiebereitstellung in Form von Strom, Brenn- und Treibstoffen aus.

Selbst im Paradefeld Strom stagniert der Ökostromanteil bei rund 45 Prozent, Kohle wurde 2021 sogar wieder zum bedeutendsten Stromlieferanten. Stoßen wir in Deutschland weiterhin so viele Treibhausgase aus wie bisher, ist unser 1,5-Grad-Budget in nicht mal acht Jahren aufgebraucht. So viel zur klimapolitischen Vorreiterrolle.

Kommt jetzt der Kraftakt?

Es spricht nicht viel dafür, dass ich ein Einzelfall bin. Die Omnipräsenz des Klima-Themas macht sicherlich viele glauben, dass wir bereits weit fortgeschritten seien auf dem Weg in eine klimagerechte Zukunft.

In Wahrheit steht der wahre Kraftakt noch vor uns. Schon 2030 sollen die Hälfte der Wärme, ein Großteil der Fahrzeugantriebe und 80 Prozent des Stroms klimaneutral aus erneuerbaren Energien stammen, so will es die neue Bundesregierung – und weniger würde auch nicht genügen.

In den nächsten neun Jahren soll das Verhältnis von klimaschädlicher zu klimaneutraler Energie also annähernd umgedreht werden, von 20 zu 80 auf 80 zu 20. Oder anders ausgedrückt: Bis 2030 müssen wir viermal mehr erneuerbare Energien in den Markt bringen als in den letzten 20 Jahren.

Da bleibt kein Raum für die Überzeugung, das Wichtigste bereits geschafft zu haben. Wir haben viel Zeit verloren beim Kampf gegen die Erderhitzung. Leider hat auch das Jahr 2021 daran nichts geändert.

Jetzt muss alles wie im Zeitraffer geschehen. Wir haben allen Grund, streng darauf zu achten, dass die neue Bundesregierung ihren Ankündigungen schnellstmöglich Taten folgen lässt.

Ein Gespenst geht um

Es gab noch eine weitere Überraschung dieses Jahr, eine, bei der Realität und Anspruch ebenfalls auseinanderklaffen, nur irgendwie andersherum. In den Medien und selbst auf EU-Gipfeln geht das Atom-Gespenst wieder um. "Klimaneutral" und deshalb "grün" sei die Atomkraft und soll deshalb künftig frisches Geld erhalten. Klingt verrückt – und ist es auch.

Denn die Fakten sprechen klar gegen Atomkraft. Die einzigen vier AKW-Baustellen in Europa sind uralt, teils wurde der Bau bereits in den 1980er Jahren angefangen. Und alle liegen sie brach. Atomkraft ist nicht nur gefährlich, sondern auch sündhaft teuer und viel zu langsam, um in puncto Klimaschutz etwas bewirken zu können.

Die Realität hat die Atomkraft längst überholt, sie ist bestenfalls noch eine energiepolitische Fußnote. In Deutschland gehen dieser Tage mit den Reaktoren Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C drei der verbliebenen sechs Atommeiler vom Netz. Ende 2022 ist dann ganz Schluss. Daran wird nicht gerüttelt, so haben es die Ampel-Koalitionär:innen festgelegt.

Und dennoch kommt die Atomkraft als vorgeblicher Klimaretter zurück auf die mediale Bühne. Es ist ein ewiger Kampf ...

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