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Macrons atomarer Offenbarungseid

Frankreich hat die Energiewende verschlafen und lieber Groß-AKW geplant, bei denen aber Kosten und Bauzeit aus dem Ruder laufen. Vor diesem Eingeständnis will Präsident Emmanuel Macron sich nun mit neuen Milliarden-Plänen für kleine Atomreaktoren retten.


Beim Inspektions-Workshop werden verschiedene Warn-Anhänger gezeigt.
Atomkraftwerke, auch kleine SMA-Reaktoren, sind hochgefährlich, teuer und produzieren Atommüll. (Foto: Dean Calma/​IAEA/​Flickr)

Frankreich will in einer Technologie neu durchstarten, aus der sich Deutschland vor zehn Jahren per Ausstiegsbeschluss verabschiedet hat. Während Bürger und Wirtschaft europaweit von hohen, inflationstreibenden Preisen bei Strom, Erdgas, Heizöl und Sprit gebeutelt sind, behauptet Präsident Macron, einen Ausweg gefunden zu haben.

Neue, kleine, angeblich besonders sichere Nuklearreaktoren sollen Frankreich fit für die Zukunft machen. Binnen eines Jahrzehnts sollen sie marktreif entwickelt und in Serie gebaut werden, um CO2-neutrale Energie verlässlich und zu günstigen Preisen zu liefern. Das sei die "Neuerfindung" der Kernenergie, tönt der Präsident.

Doch so neu, wie Macron behauptet, ist die Sache nicht, und dass sie funktionieren wird, ist eher unwahrscheinlich. Trotzdem stellt sein Aufschlag eine Zäsur dar. Sie zeigt, dass Europa in der Energiepolitik eher weiter auseinanderdriftet als zusammenwächst.

Denn Paris belässt es nicht bei der Ankündigung, sondern steckt immerhin eine Milliarde Euro an Entwicklungsförderung in das Projekt. Deutschland hingegen wird, so nicht alles täuscht, auch unter der künftigen Regierung an seinem Atomausstiegskurs festhalten.

Damit entstehen zwei konträre Modelle, wie mit der sich zuspitzenden Energie- und Klimakrise umzugehen ist.

Macron setzt auf das Konzept der "Small Modular Reactors" (SMR) mit maximal 300 Megawatt Leistung, etwa ein Viertel des heute in Leistungsreaktoren üblichen. In mehreren Ländern werden schon seit Jahren entsprechende Konzepte entwickelt, darunter USA, Kanada und China.

Einer der prominentesten Fürsprecher ist der Software-Milliardär Bill Gates, der mit seiner Nuklearfirma "Terra Power" daran arbeitet. Allerdings ist keine der diskutierten Technologien am Markt verfügbar, es handelt sich bisher mehr oder minder um Reaktoren auf dem Papier.

Fakt ist: Zu den Klein-Reaktoren gibt es allenfalls Forschungs- oder Demonstrationsprojekte, die, wenn überhaupt, nur sehr teuren Strom produzieren. Trotzdem verbindet die Atomlobby sie mit Versprechen, die stark denen ähneln, mit denen schon die erste AKW-Generation in den 1950er und 1960er Jahren beworben wurden, vor Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima: billig und supersicher.

Energiepolitische und militärische Gründe

Dass nun Macron auf diesen Zug aufspringt, hat vor allem zwei Ursachen. Einmal will Frankreich Atommacht mit maximalem Zugriff auf die Nukleartechnologie bleiben, ein Grund übrigens, aus dem sich auch Großbritannien so vehement gegen ein Auslaufen der Atomkraft stemmt.

Der zweite Grund ist: Das Land hat den Ausbau der erneuerbaren Energien und der dafür nötigen Infrastruktur sträflich vernachlässigt. Ankündigungen des früheren Präsidenten François Hollande und auch von Macron, den hohen Atomstromanteil herunterzufahren, hätten nur eingelöst werden können, wenn gleichzeitig die erneuerbaren Energien entsprechend ausgebaut worden wären.

Das wurde versäumt. Ihr Anteil ist in Frankreich weit geringer als in Deutschland, obwohl auch hierzulande seit 2010 viel zu wenig getan wurde. Macrons neue Atompläne sind in dieser Hinsicht ein Offenbarungseid.

Statt auf Erneuerbare setzte "La Grande Nation" zunächst auf eine neue Generation von Mega-Reaktoren, EPR genannt. Nur: Der erste Prototyp entpuppte sich als dreimal so teuer wie geplant, es traten immer wieder Probleme beim Bau auf, und fertig ist die angebliche Wundermaschine auch nach über zehn Jahren Bauzeit-Überschreitung immer noch nicht.

Macrons Plädoyer für die SMR soll diese peinliche Schlappe für die Nuklearnation überdecken, deren AKW-Park mit einer durchschnittlichen Laufzeit von 36 Jahren zunehmend überaltert ist. Die Altreaktoren komplett durch neue EPR zu ersetzen wäre viel zu teuer.

Macrons "Neuerfindung" soll nun die Lücke schließen, doch das ist bisher nicht mehr als ein Hoffnungsposten, der sich als Milliardengrab entpuppen kann. Die Folge wird sein, dass Frankreich seine Alt-AKW mangels Alternativen weiterlaufen lässt, mit den entsprechend steigenden Super-GAU-Risiken.

Kein Vorbild

Das alles zeigt: Als leuchtendes Beispiel für ein modernes Hightech-Land taugt Macrons Atomkurs nicht. Insofern ist es gut, dass dergleichen in Deutschland keine Chance hat. Zwar gibt es einzelne Politiker und kleine Lobbygruppen, die eine Neubewertung der Atomkraft fordern, doch selbst die Stromkonzerne als Noch-AKW-Betreiber haben das Thema abgehakt.

Richtig ist allerdings, dass die neue Bundesregierung schnellstes die Fehler aus 16 Jahren Merkelscher Energiepolitik beheben muss. Der Atomausstieg wurde nämlich nicht, wie es richtig gewesen wäre, mit einer Offensive für Ökoenergien, Speicher und angepassten Netzausbau begleitet, sondern mit dem Gegenteil davon. All das wurde ausgebremst.

Nun braucht es einen Turbo dafür. Das ist ambitioniert, doch eine entsprechend umgestaltete Stromversorgung wird in einigen Jahren unter dem Strich preiswerter sein als die derzeitige.

Die Hypothek, die Merkel und Co hinterlassen haben, ist riesig. Doch sie darf nicht dazu führen, dass Klimaschutz nun wieder mit Atomgefahr erkauft wird, auch nicht mit längeren Laufzeiten der sechs derzeit noch am Netz befindlichen AKW.

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