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Atomkraft kurz vor dem Ende

Demnächst werden die Kernkraftwerke Grohnde, Gundremmingen und Brokdorf abgeschaltet. Nächstes Jahr sind dann die letzten drei Anlagen dran. Eine Stromlücke gibt es deshalb nicht, vielleicht steigt der Energieimport.


Menschen stehen vor den beiden Kühltürmen des AKW Grohnde und schwenken gelbe Fahnen mit der roten Anti-Atom-Sonne.
Jahrelang demonstrierten Atomkraftgegner auch in Grohnde. Zum Jahreswechsel geht das AKW an der Weser bei Hameln vom Netz. (Foto: Fatelessfear/​Wikimedia Commons)

Das Ende der Atomenergie in Deutschland kommt – planmäßig. Während etwa Frankreich und Großbritannien neue Kernkraftwerke bauen wollen, werden hierzulande bald weitere drei Anlagen abgeschaltet.

"Es bleibt dabei", sagt Almut Zyweck, Sprecherin der Betreiberfirma Preussen Elektra. "Vor Mitternacht am 31. Dezember wird die Kernspaltung im Kraftwerk Grohnde gestoppt und die Anlage vom Stromnetz getrennt." Die Versorgung mit Elektrizität in der Bundesrepublik gefährdet das nicht.

Neben Grohnde an der Weser südlich von Hannover ist dann auch Schluss für die Atomkraftwerke Brokdorf bei Hamburg und Gundremmingen an der Donau nahe Ulm. Übrig bleiben nur noch die Anlagen Emsland, Isar 2 in Niederbayern und Neckarwestheim bei Heilbronn, die jedoch 2022 ebenfalls abgeschaltet werden sollen.

Nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 beschloss die deutsche Politik das Ende aller hiesigen Atomkraftwerke. Die Stromkonzerne Eon, zu dem Preussen Elektra gehört, RWE und EnBW haben sich damit arrangiert und setzen auf erneuerbare Energien.

Der 43-jährige Kai Diesing leitet den Betriebsrat des Kraftwerks Grohnde. Mit 16 Jahren begann er seine Lehre im ebenfalls an der Weser gelegenen Kernkraftwerk Würgassen als Schlosser, legte später die Prüfungen zum Meister und zum Reaktorfahrer ab. Dann saß er "im Schichtbetrieb rund um die Uhr" in der Leitzentrale und steuerte die Anlage.

"Gesund und munter" sei er, sagt Diesing – ein Urlaubsflug setze ihn einer höheren Strahlenbelastung aus als die Arbeit im Nuklearreaktor. Nur fünf Kilometer entfernt wohnt er im eigenen Haus. Und er will weiter in Grohnde arbeiten, möglichst bis zum Ende. "Ich liebe den Job", so Diesing. "Wir sind stolz auf die vergangenen 36 Jahre, in denen wir Strom produziert haben."

Mindestens 15 Jahre dauert der Rückbau

Was jetzt kommt, ist ein langer Prozess des Abbaus. "Wahrscheinlich im Januar 2022 beginnen wir den Reaktorkern zu entladen und lagern die Brennelemente im Kühlbecken ein, wo sie bis zu fünf Jahre bleiben", sagt Preussen-Elektra-Sprecherin Zyweck. Nach und nach werden danach die nicht mehr benötigten technischen Systeme stillgelegt.

Erst in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre dürfte der "nukleare Rückbau" abgeschlossen sein. Was dann noch von den Gebäuden steht, ist nicht mehr verstrahlt. Im RWE-Kraftwerk Gundremmingen wird es ähnlich ablaufen wie in Grohnde.

Momentan arbeitet Grohnde noch mit der normalen Belegschaft – rund 300 Preussen-Elektra-Beschäftigte plus bis zu 200 Leute von externen Firmen. Diese Zahl kann in den kommenden Jahren sogar mal steigen, denn für den Abbau braucht man zwischendurch mehr Arbeitskräfte als im regulären Betrieb.

Auf lange Sicht allerdings wird die Personalstärke sinken. Für 2025 rechnet Zyweck beispielsweise nur noch mit 230 Köpfen in der Stammbelegschaft.

Kündigungen soll es nicht geben, haben Unternehmen und Betriebsrat vereinbart. Die Auszubildenden können zum Beispiel ihre Elektroniker-Lehre noch beenden. Die notwendige Reduzierung der Arbeitsplätze will man bewerkstelligen, indem Beschäftigte in Rente gehen, Vorruhestandsregelungen in Anspruch nehmen oder auf andere Tätigkeiten im Unternehmen wechseln.

Keine Stromlücke, aber eine Ökostromlücke

Und was bedeutet der Abschied der drei Kraftwerke für die Stromversorgung von Privathaushalten und Unternehmen? Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen decken 2021 etwa sechs Prozent des bundesdeutschen Elektrizitätsverbrauchs ab. "Durch die Abschaltung entsteht jedoch keine Stromlücke", sagt eine Sprecherin des Verbandes der Energiewirtschaft BDEW.

Europäische Atom-Debatte

Sind Atomkraftwerke ökologisch? Die bundesdeutsche Anti-AKW-Bewegung und die Grünen sagen "nein", Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Konzern Rolls-Royce dagegen "ja".

 

Macrons Begründung: Atomenergie sei klimafreundlich, weil bei der Stromproduktion keine Treibhausgase entstehen. Nuklearreaktoren könnten also helfen, fossile Kohle- und Gaskraftwerke zu ersetzen. So setzt die französische Regierung unter anderem auf die Entwicklung neuer, sogenannter SMR (Small Modular Reactor), vergleichsweise kleiner, angeblich kostengünstiger und trotzdem sicherer AKW-Böcke, die sich schnell entwickeln und bauen lassen sollen.

 

In einem Gutachten für das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base) schreibt das Darmstädter Öko-Institut dagegen, die angeblichen Vorteile der SMR-Technologie existierten nicht oder kämen erst ab Stückzahlen von mehreren tausend Kraftwerken zum Tragen, deren Inbetriebnahme jedoch unrealistisch sei.

 

Die französische Regierung fordert ungeachtet aller Kritik, Atomkraft als "nachhaltig" im Rahmen der EU-Taxonomie zu bewerten, eines Regelwerks für Kapitalanlagen. Unter anderem die Bundesregierung lehnt das ab.

Ein wesentlicher Grund: Deutschland stellt mehr Strom her, als hierzulande verbraucht wird, exportiert unter dem Strich also Energie. Infolge der Abschaltung könnte 2022 dann beispielsweise etwas mehr Elektrizität importiert werden.

Das ist überhaupt kein Problem – dafür gibt es den europäischen Strommarkt mit Leitungen in die Nachbarländer. Ökonomisch wäre mehr Import sogar gut, denn Deutschland setzt andere Länder mit seiner notorischen Exportkraft und dem hohen Außenhandelsüberschuss bei Waren und Dienstleistungen unter Druck.

Andererseits könnte mehr Stromimport aber auch bedeuten, dass vielleicht mehr französischer Atomstrom in deutschen Kabeln fließt, dem hiesigen Atomausstieg zum Trotz. Will man das verhindern, muss hierzulande der Anteil der erneuerbaren Energien steigen, mehr Wind- und Solarenergie angeschlossen werden.

Wann die Atomkraftwerke Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen – wie auch die anderen – komplett verschwunden sein werden, steht in den Sternen. Denn auf den Firmengeländen bleiben die Zwischenlager zurück, jeweils eines für schwach und mittel radioaktiven Abfall, ein anderes für die abgebrannten Brennelemente.

Für beide Sorten Müll fehlen nach wie vor funktionierende Endlager. Für den hoch radioaktiven Abfall wurde noch nicht einmal ein Ort bestimmt. Bis zur Einlagerung kann es Jahrzehnte dauern.

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