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Hilfe, wir können es schaffen!

Noch liegt das Ziel, die Erhitzung der Erde auf 1,5 Grad zu begrenzen, in weiter Ferne. Aber die erste Hälfte des Umstiegs auf Wind, Sonne und Co ist vollbracht: Die Erneuerbaren sind die günstigste Art, Strom zu erzeugen.


Luftaufnahme einer Siedlung, etliche Häuser haben Solardächer.
Heute stammt fast die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Quellen. (Foto: Hennadij Filtschakow/​Shutterstock)

Die Prognosen sind düster: Das Klimaziel ist in weiter Ferne. Ohne Corona-Effekt hätte Deutschland seine für 2020 versprochene CO2-Minderung klar verfehlt. Daran lässt sich nicht deuteln. Aber gibt es auch eine optimistische Lesart der Klimapolitik?

Na ja, das wäre vielleicht zu viel des Guten. Aber es sah jedenfalls schon schlechter aus. Deshalb hier ausnahmsweise einmal ein Tacheles, das in schweren Zeiten Mut machen soll.

Gehen wir einmal zurück ins Jahr 2000. Zu dieser Zeit gab es vier marktbeherrschende Atomkonzerne, die ihren Kund:innen und der Politik buchstabierten, wie Energieversorgung zu funktionieren habe.

Und dennoch wurde der Atomausstieg beschlossen und das Erneuerbare-Energien-Gesetz trat in Kraft. Irgendwie hatten die Grünen und Hermann Scheer die SPD davon überzeugt, dass ein bisschen Strom aus Sonne und Wind schon niemandem schaden werde.

Bei einem Ökostromanteil von fünf Prozent sei eh Schluss, dann würden die Netze nicht mehr mitspielen – da waren sich RWE und eine Reihe "hochkarätiger Experten" einig.

Heute, gut 20 Jahre später, stammt fast die Hälfte des Stroms im Netz aus erneuerbaren Quellen. Und der Markt ist voller Unternehmen, die angeblich nur darauf warten, dass der nächste große Schritt auf dem Weg in die erneuerbare Zukunft gelingt. Nicht wenige davon meinen es sogar ernst damit.

Und das alles, obwohl die Corona-Krise gerade unzählige Menschen und viele Unternehmen existenziell bedroht. Wir stehen unmittelbar vor einer Rezession, und die Gesellschaft diskutiert über eine wirksame Klimapolitik: Das allein drückt schon aus, dass wir längst in einem epochalen Umbruch leben.

Klimaneutral leben 2035

So weit die guten Nachrichten. Leider ist es aber bereits fünf vor zwölf. Denn wir müssen spätestens 2035 klimaneutral leben – nur so kann das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens erreicht werden.

Wir müssen also schneller werden, und wir dürfen kein Schindluder mit dem Begriff "klimaneutral" zulassen: Klimaneutral heißt: null CO2-Emissionen aus dem Energiesektor ab 2035!

Alles andere sind gefährliche Spielchen mit unsicheren CO2-Senken oder vagen Hoffnungen auf neue Wundertechnologien. Darauf müssen wir im Energiesektor nicht warten. Hier haben wir die Lösung längst: erneuerbare Energien.

Dennoch gilt auch beim Klimaschutz, wie bei jeder Zukunftsfrage, der weise Satz von Kurt Marti: "Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge."

Ralf Schmidt-Pleschka
Foto: Lichtblick

Ralf Schmidt-Pleschka

ist Koordinator für Energie­politik beim Hamburger Ökostrom­unternehmen Lichtblick. Davor war der Geograf und Umwelt­politik­experte unter anderem energie­politischer Referent bei den Grünen im Bundestag.

In diesem Sinne ganz nützlich ist der Report "Klimaneutral leben 2035", den Lichtblick kürzlich veröffentlicht hat. Er schaut zumindest mal nach, wohin wir kommen könnten.

Denn in seinem Szenario ist die Energiewende bis 2035 im Großen und Ganzen gelungen, die Energiewelt eine andere als heute. Die großen Kraftwerke sind verschwunden, Strom wird aus Sonne, Wind und anderen erneuerbaren Quellen dezentral erzeugt. Und auch die Stromnetze wurden so ausgebaut und modernisiert, dass sie zu jeder Zeit an jeden Ort ausreichend Strom bringen.

Neue Autos fahren mit Ökostrom, die Heizungen sind in vielen Wohnungen ebenfalls strombetrieben. Der Energiestandard der Gebäude ist deutlich höher als heute. Denn es ist gelungen, den schwelenden Zielkonflikt zwischen Energiesparen und bezahlbaren Mieten zu entschärfen.

Das ist schon deshalb wichtig, weil auch erneuerbare Energie nicht unbegrenzt verfügbar, sondern ein kostbares Gut ist, mit dem sparsam umgegangen werden muss.

Der neue Energiemarkt ist aber nicht nur sauberer und effizienter, er ist auch partizipativer. Aus Kunden sind "Prosumer" geworden, die allein oder zusammen mit Genossenschaften Strom erzeugen und durch ihr Verhalten aktiv dazu beitragen, die Netze zu entlasten und zu stabilisieren.

Aus Energieversorgern sind Klimadienstleister geworden, die ihre Kunden rund um die Uhr sicher und bezahlbar mit Energie vom eigenen Dach, dem Speicher oder auch vom Windpark weit weg versorgen.

Fachleuten kommt diese Welt wahrscheinlich nicht wirklich utopisch vor. Vieles davon findet sich heute schon in ihren Prognosen und Szenarien. Mit der richtigen Politik wäre das machbar, das wissen wir schon länger.

Vernunft und Radikalität

Und damit sind wir bei der großen Unbekannten. Trauen wir der Politik zu, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das Notwendige zu tun, damit die 2035er Vision Realität werden kann?

Auch diese Frage stellt sich neu. Es gibt heute ein Netzwerk von jungen, engagierten Menschen, die ihre politischen Forderungen klipp und klar adressieren. Fridays for Future ist das bekannteste, aber nicht das einzige. Ihr Erfolg spricht Bände.

Was meine Generation in der Jugend mit endlosen Latsch-Demos und Reden der Politik klarmachen wollten, sprintet heute in Echtzeit über die sozialen Medien bis hinein in die politischen Zirkel.

Und noch besser: Viele von den Aktivist:innen wollen selbst in die Politik. Die Heinrich-Böll-Stiftung nahm sich gerade in einer Veranstaltung des Themas an und fragte durchaus sibyllinisch im Sinne der grünen Selbstvergewisserung: "Wie radikal muss Klimapolitik sein und wie viele Kompromisse muss man machen, um politische Mehrheiten zu erreichen?"

Die passende Antwort dazu gab mir ein ehemaliger Kollege, der heute im Abgeordnetenhaus von Berlin sitzt: "Vernünftiger Klimaschutz muss radikal sein."

Etwas mehr Zuversicht bitte

Die Karten werden neu gemischt, gerade in diesem Wahljahr. Für Euphorie ist sicher kein Platz, aber: Wir haben die erste Hälfte des Umstiegs auf Wind, Sonne und Co hinter uns gebracht, trotz aller Widerstände und enormen politischen Gegenwinds.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrates in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Die Erneuerbaren haben den Technikwettbewerb gewonnen und sind heute die preiswerteste Art Strom zu erzeugen. Immer mehr Unternehmen springen auf den Zug auf, selbst die alten Energiekonzerne mussten sich neu erfinden und haben viel Konkurrenz bekommen.

Und es gibt eine frische, entschlossene und tatkräftige politische Bewegung, die Druck macht und weite Teile der Gesellschaft erreicht. Warum soll es nicht gelingen, innerhalb von knapp 15 Jahren auch die zweite Hälfte des Weges zu schaffen?

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