Erst das Ziel, dann die Aktion

Wie geht es weiter mit der Klimabewegung? Zu dieser Frage interviewte Klimareporter° Aktivist:innen aus sechs Klimagerechtigkeitsgruppen von Fridays for Future über Ende Gelände bis Greenpeace sowie einen Protestforscher. Einige zusammenfassende Erkenntnisse und Überlegungen – Teil 8 und Schluss unserer Serie.


Eine Gruppe Menschen hat eine im Bau befindliche Erdgaspipeline symbolisch besetzt und hält ein Transparent hoch:
"Ende Gelände" will über symbolische Aktionen hinausgehen – das erfordert gute Kommunikation. (Foto: Nora Börding/​Ende Gelände/​Flickr)

In diesen Tagen beginnt das System Change Camp in Hamburg. 40 Gruppen rufen zu einem Systemwechsel und einem sofortigen Erdgasausstieg auf. Im Zentrum steht eine von der Klimagerechtigkeitsgruppe Ende Gelände organisierte Massenaktion.

Diese Aktionswoche in Hamburg könnte richtungsweisend für die gesamte Klimabewegung werden. Es ist die erste Massenaktion, in der Sabotage indirekt in den Aktionskonsens aufgenommen wurde. Ob diesen Worten tatsächlich Taten folgen und wie die Öffentlichkeit darauf reagiert, werden die kommenden Tage zeigen.

Der Schlüssel für die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Aktionsformen ist gute Kommunikation. Die Klimabewegung steht damit in den kommenden Monaten und Jahren vor einer großen Herausforderung: Sie muss den Druck auf Politik und gesellschaftliche Gruppen erhöhen und gleichzeitig so konkrete Ziele und funktionierende Narrative formulieren, dass sie den Rückhalt in der Gesellschaft nicht verliert.

Wichtig zu wissen ist: Zielgerichtete gesellschaftliche Veränderungen fangen immer auf der Straße an. Es wird keine nachhaltige Transformation geben, ohne dass die Klimabewegung sie erkämpft. Die Entwicklung der Bewegung ist damit nicht nur für ein paar Ökos relevant, sondern definiert vielmehr, wie wir als Gesellschaft mit der Klimakrise umgehen werden.

Zu Beginn muss eine soziale Bewegung für ein gesellschaftliches Problembewusstsein kämpfen. Die Klimabewegung konnte in diesem Kampf um Öffentlichkeit und Deutungshoheit bereits große Erfolge erzielen. Die Zeiten, in denen Politiker:innen Klimapolitik gelangweilt in einem Nebensatz abtun konnten, sind vorbei. Keine Partei, kein Unternehmen, kein Verband und keine Gewerkschaft kann sich mehr leisten, nicht zum Klimawandel Stellung zu nehmen.

Doch Problembewusstsein allein löst keine Krise. Die Versprechen und selbst auferlegten Ziele der Politik und Wirtschaft übersetzen sich nicht in effektiven Klimaschutz. Die globalen Treibhausgasemissionen steigen weiter und Regierungen fällen nach wie vor anachronistische Entscheidungen. Was ist also der nächste Schritt für die Klimabewegung?

Die leidige Suche nach der Eskalation

Noch lieber als über die Folgen des Klimawandels diskutiert die Öffentlichkeit über die vermeintliche Radikalität der Klimabewegung. Lange bevor die Bewegung über stärker eskalierende Aktionsformen, etwa friedliche Sabotage, auch nur laut nachgedacht hat, haben konservative Meinungsmacher:innen ihr dies bereits vorgeworfen.

Wie weiter mit dem Protest?

Die Klimabewegung hat erreicht, dass die Krise als Problem erkannt wurde und ein Umdenken begonnen hat. Zu konsequentem Klimaschutz, wie ihn das Paris-Abkommen verlangt, hat das noch nicht geführt. Mit welchen Strategien lässt sich der politische Druck erhöhen? Über die Herausforderungen, Veränderungen und Perspektiven sprach Klimareporter° mit Aktivist:innen aus einzelnen Zweigen der Klimabewegung und mit einem Protestforscher. Die ganze Interviewserie gibt es hier.

Der Protestforscher Simon Teune hält die ständige Diskussion über Aktionsformen, in den Medien wie auch in den Bewegungen selbst, für vorgreifend. Zuerst müssten konkrete Ziele definiert werden, danach richte sich dann die Aktionsform.

Um beispielsweise Druck auf Finanziers von fossilen Projekten auszuüben, sind öffentlichkeitswirksame Kampagnen sinnvoll. Eindrucksvoll zeigt das die Kampagne von 350.org gegen die Deutsche Bank.

Auch die kontinuierlichen Freitagsdemonstrationen von Fridays for Future haben einen großen Wert. Die Bewegung konnte dadurch in die Breite wachsen und sich mit anderen gesellschaftlichen Bewegungen, etwa Gewerkschaften, vernetzen.

Der Versuch, "andere Institutionen auf unsere Seite zu bringen und der Politik die Akteur:innen wegzunehmen, hinter denen sie sich versteckt", ist für Annika Rittmann von Fridays for Future eine der wichtigsten Aufgaben der Klimabewegung. Dafür sind eskalative Aktionsformen denkbar ungeeignet.

Trotzdem ist die Diskussion um eskalativere Aktionsformen wichtig. Ein Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang ist die "direkte Aktion". Gemeint sind damit Aktionen, die über Öffentlichkeitswirksamkeit hinausgehen, Aktionen, die nachhaltig stören.

Oder wie es Elia Nejem von Ende Gelände ausdrückt: "Unser Motto ist ja, dass wir Klimaschutz selbst in die Hand nehmen. Wir gehen in die Kohlegrube und stoppen dieses System selbstständig." Direkte Aktionen befähigen die Bewegung, nicht nur zu appellieren, sondern Klimaschutz konkret einzufordern und Fakten zu schaffen.

Die Vielfalt der Bewegung ist ihre Stärke 

Die meisten Gruppen halten eine Eskalation der Strategien für notwendig, äußern auch Verständnis für derartige Aktionen, sehen hier aber nicht ihre Aufgabe. So erklärt Susanne Egli, dass sich Extinction Rebellion zwar nicht für Aktionen mit Sachbeschädigung ausspreche, sich aber solidarisch gegenüber Gruppen verhalte, die sich anders entscheiden.

Dahinter steht die Angst, dass die Klimabewegung und die eigene Gruppe ihre gesellschaftliche Legitimation einbüßen könnten. Eine unbegründete Angst, wie Protestforscher Teune vermutet. Er glaube nicht, dass Sachbeschädigung die Grenze bilde, nach der die Bewegung ihren gesellschaftlichen Rückhalt verlieren würde.

Die Herausforderung ist, eskalative Aktionsformen in ein verständliches, schlüssiges Narrativ einzubinden. Die Öffentlichkeit muss nicht jede Aktion der Bewegung gutheißen, aber sie muss nachvollziehen können, inwiefern eine Aktion zu dem erklärten Ziel führen kann. Ebenso muss das Ziel konkret und schlüssig sein.

Selbstverständlich soll nicht die gesamte Bewegung losziehen und Pipelines in die Luft sprengen. Es braucht Gruppen, die mit der Politik und mit anderen gesellschaftlichen Akteur:innen in die Diskussion gehen und verhandeln. Es braucht Aktionen, denen sich Menschen schnell und unkompliziert anschließen können. Die Vielfalt der Bewegung ist ihre Stärke. Und zu der Vielfalt gehört auch ein Arm, der Druck über Öffentlichkeit hinaus erzeugt.

 

Ende Gelände und die Letzte Generation kommen einem solchen Arm am nächsten. Ob sich Aktionsformen über zivilen Ungehorsam hinaus bei Ende Gelände etablieren, wird sich nach den Aktionstagen in Hamburg zeigen.

Die Letzte Generation hat sich derweil mit ihrem langen Atem einen Namen gemacht. "Andere Gruppen der Bewegung machen vor allem große Aktionen, aber nur für kurze Zeiträume", sagt Lina Schinköthe von der Letzten Generation. "Wir glauben, dass das zu wenig ist. Wir müssen jetzt andauernd Aktionen machen und die öffentliche Ordnung stören".

Ob ein paar blockierte Straßen, auch über Wochen hinweg, tatsächlich mehr als einen symbolischen Wert haben, ist allerdings fraglich.

Mit Betroffenen reden statt über sie

Verkehrswende, Energiewende, Bauwende, Agrarwende – es gibt viel zu tun und wenig Zeit. Obendrauf kommen noch eine Pandemie, ein Angriffskrieg in der Ukraine und auch einer in Rojava und so einiges mehr.

Es ist die Aufgabe der Klimabewegung, dem kollektiven Ohnmachtsgefühl in der Gesellschaft eine Stimme zu verleihen, eine Struktur entgegenzuhalten und Zusammenhänge aufzuzeigen. Eine gerechte und klimafreundliche Welt ist ein schönes Ziel, aber abstrakt, nicht greifbar. Die Klimabewegung muss verständliche und erreichbare Ziele definieren.

Lange Zeit stand der Kohleausstieg im Mittelpunkt. Heute, erklärt Tobias Austrup von Greenpeace, dürfe sich die Klimabewegung nicht mehr leisten, alles nacheinander abzuarbeiten. "Das muss nun alles gleichzeitig passieren". Alles steht und fällt dabei mit dem Narrativ. Symbole seien wichtig, sagt Elia Nejem, um Menschen zu überzeugen.

Die Bewegung ist in den letzten paar Jahren enorm gewachsen. Das liegt nicht zuletzt an funktionierender Kommunikation, aber auch vielfältigen Mitmachmöglichkeiten. Dennoch ist die Klimabewegung überwiegend eine Bewegung von Privilegierten: weiß, akademisch, sozial abgesichert, ohne Behinderung. Ein Kritikpunkt, mit dem sie sich schon lange konfrontiert sieht.

Ende Gelände hat deshalb eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich "mit rassistischen Strukturen und Verhaltensweisen beschäftigt". Bei anderen Gruppen gibt es ähnliche selbstreflexive Ansätze. 350.org, Ende Gelände und Fridays for Future suchen nach Vernetzungsmöglichkeiten mit Aktivist:innen aus dem globalen Süden. Extinction Rebellion sucht vermehrt die Zusammenarbeit zu migrantischen Gruppen.

Und doch scheint das alles nur begrenzt zu helfen. Nach wie vor sei Aktivismus in Deutschland etwas Exklusives, kritisiert Kate Cahoon von 350.org. "In Deutschland spricht man lieber über Betroffene als mit ihnen." Simon Teune zufolge hat sich in sozialen Bewegungen seit den 68ern eine gewisse Ausgrenzungskultur etabliert, die auch die Klimabewegung geerbt habe.

"Dabei geht es darum, wie gesprochen wird, welche Argumente zugelassen werden, welche Rolle Emotionen und eigene Erfahrungen spielen", so der Forscher. Das alles mache Treffen und Aktionen für Menschen ohne Bildungsprivilegien und Sprachkompetenz schwer ertragbar.

Die Klimabewegung hat den Anspruch, antikolonial, antifaschistisch, antiklassistisch und feministisch zu sein. Diesem Anspruch kann nur eine inklusive Bewegung gerecht werden.

Da es um eine Krise planetaren Ausmaßes geht, muss dieser Text etwas pathetisch enden. Die Welt braucht eine starke Klimabewegung. Die Zeit verrinnt und es lohnt sich, um jedes Zehntelgrad zu kämpfen. Die Interviewreihe zeigt, vor welchen Fragen die Klimabewegung steht und welche Antworten sie findet. Und sie zeigt, dass Aktivismus Empowerment ist.

Das Schlusswort soll Annika Rittmann von Fridays for Future gehören: "Der einzige Weg, um mit den Krisen umzugehen, ist aktiv zu werden. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht, aber irgendwann werden wir wissen, wofür wir gekämpft haben."

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