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Wie geht es weiter mit dem Protest, Lina Schinköthe?

Mit ihren Straßenblockaden macht die jüngste Gruppierung der Klimabewegung gerade Schlagzeilen – nicht immer positive. Welche Strategien verfolgt die "Letzte Generation" und was unterscheidet sie von anderen Gruppen? Fragen an die Klimaaktivistin Lina Schinköthe – Teil 7 unserer Interview-Serie.


Fünf Menschen mit Rucksäcken und Warnwesten sitzen auf der Fahrbahn, vor ihnen stehen drei große schwarze Autos, dahinter noch mehr Autos.
Blockadeaktion der "Letzten Generation" am Berliner Hauptbahnhof. (Foto: Stefan Müller/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Frau Schinköthe, während eine Hitzewelle über Europa rollt, wirbt Bundeskanzler Scholz für Erdgasförderung in Afrika. In Schleswig-Holstein wird über neue Ölbohrungen in der Nordsee diskutiert. Wie muss die Klimabewegung reagieren? 

Die Klimabewegung gibt es seit Jahrzehnten. Laut führenden Klimaexperten wie David King haben wir mittlerweile nur noch zwei bis drei Jahre Zeit, um die notwendigen Veränderungen herbeizuführen.

Die Klimabewegung hat sehr viel versucht – riesige Demonstrationen von Fridays for Future, symbolische Aktionen, Kunstaktionen und Petitionen. Aber es hat offensichtlich nicht ausgereicht.

Wir glauben, dass es jetzt große Störungen braucht, um genug Druck auf unsere Regierung und den selbsternannten Klimakanzler Olaf Scholz auszuüben. Das machen wir, indem wir Autobahnen blockieren. So schaffen wir für die Politik eine Dilemma-Situation: Entweder die Regierung erfüllt unsere Forderungen oder sie sperrt Menschen für ihren friedlichen Protest ein.

Die Letzte Generation will also nicht andere Menschen überzeugen, sondern so lange stören, bis die Politik sich gezwungen sieht, die Forderungen zu erfüllen?

Wir richten uns mit unseren Aktionen an die Regierung. Natürlich stören wir mit den Aktionen Menschen in ihrem Alltag und das tut uns auch leid. Wenn etwa eine Schülerin vor mir steht und sagt, sie muss zur Klausur – das trifft mich.

Gleichzeitig weiß ich, dass ich hier auf der Straße sitzen muss, weil wir alles andere schon versucht haben. Wir müssen die Menschen in ihrem Alltag stören, denn nur so können wir auf die Dringlichkeit und Dramatik der Klimakrise aufmerksam machen. Wir reden hier über eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit.

Der Protestforscher Simon Teune sprach in Bezug auf Ihre Aktionen von einer strategischen Ratlosigkeit. Der Zusammenhang zwischen Aktion und Forderung sei nicht immer erkennbar. Warum blockieren Sie nicht fossile Infrastruktur oder Gebäude von Mineralölkonzernen?

Das machen wir auch. Wir haben Ölpipelines abgedreht. Außer einer symbolischen Wirkung hatte es leider keinen großen Effekt, die Medien haben nur wenig darüber berichtet. Auch Ende Gelände macht das seit Jahren. Wir glauben, dass das nicht ausreicht. Deshalb sitzen wir jetzt wieder auf der Straße.

Wir müssen uns emotional damit verbinden, auf was für eine Welt wir gerade zusteuern. Eine Welt, in der Millionen Menschen wegen Hungerkatastrophen, Überflutungen und Kriegen fliehen und sterben werden.

"Emotional verbinden" – das ist eine Floskel, die sich häufig in der Argumentation der Letzten Generation findet. Was meinen Sie damit?

Wir meinen damit, dass wir diese Fakten, die wir alle kennen, wirklich mal in menschliches Erleben übersetzen müssen. Es wird immer von zwei Grad Erderwärmung gesprochen. Aber was heißt das wirklich? 70 Prozent der Erdoberfläche bestehen aus Wasser. Da ist die Erwärmung weniger stark, aber da leben keine Menschen. Bei zwei Grad Erderwärmung steigt die Temperatur auf den Kontinenten aber viel stärker.

Porträtaufnahme von Lina Schinköthe.
Foto: David Zauner

Lina Schinköthe

ist Klimaaktivistin bei der Bewegung Letzte Generation. Die 20-Jährige studiert Philosophie an der Universität Leipzig.

Schon in 50 Jahren werden 3,5 Milliarden Menschen unter Bedingungen leben, die wir heute nur aus der Sahara kennen. Ganze Dörfer werden fliehen müssen, um dann wahrscheinlich vor der Festung Europa im Mittelmeer zu ertrinken. Das macht mich unheimlich traurig.

Es macht mich auch traurig, wenn ich an meinen Bruder denke. Er ist jetzt neun und kann noch keinen friedlichen Widerstand leisten wie wir. Er wächst in die Welt rein, die wir jetzt gestalten.

Über Ihre Aktionen gibt es sehr viel negative Berichterstattung. Auch auf der Straße bekommen Sie die Aggressionen von einigen Autofahrer:innen ab. Haben Sie manchmal Angst, dass Sie mehr Menschen verlieren als überzeugen?

Wir wollen Menschen nicht von unserer Aktionsform überzeugen. Wir wollen Menschen von unseren Forderungen überzeugen und vor allem Druck auf die Politik ausüben. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Verständnis für das Thema dabei nicht verloren geht. Ein Großteil der Bevölkerung steht hinter unserer aktuellen Kernforderung "Keine neuen Ölbohrungen in der Nordsee" und versteht nicht, warum Olaf Scholz nicht einfach handelt.

Aber wie soll eine Bewegung wachsen, wenn die meisten Menschen die Aktionen nicht nachvollziehen können und Sie noch nicht mal versuchen, sie zu überzeugen?

Es macht was mit Menschen – mir geht es auf jeden Fall so –, wenn Aktivistinnen und Aktivisten sagen, dass sie so lange friedlich protestieren, bis sie eingesperrt werden. Dass sie Ölpipelines abdrehen, obwohl ihnen dann eine zivilrechtliche Klage droht. Diese Entschlossenheit ist genau das, was wir als Klimabewegung brauchen.

Ist es das, was Sie dazu gebracht hat, im vergangenen Jahr eine neue Klimagerechtigkeitsgruppe zu gründen?

Andere Gruppen der Bewegung machen vor allem große Aktionen, aber nur für kurze Zeiträume. Wir glauben, dass das zu wenig ist. Wir müssen jetzt andauernd Aktionen machen und die öffentliche Ordnung stören.

Und das ist in den anderen Gruppen nicht möglich?

"Wir sind auch bereit, ins Gefängnis zu gehen"

Viele von uns waren in anderen Gruppen aktiv, haben versucht, so was anzustoßen und Sachen zu bewegen. Leider sind das immer sehr langfristige Prozesse, für die wir einfach keine Zeit mehr haben.

Und uns macht aus, dass wir keine Angst vor Repression haben und mit Gesicht und Namen zu unseren Aktionen stehen. Wir sind auch bereit, ins Gefängnis zu gehen. Wir schrecken davor nicht zurück, weil die größte Angst, die wir haben, der Klimanotfall ist.

Susanne Egli von Extinction Rebellion meinte, dass viele von der Letzten Generation auch bei XR aktiv sind. Wenn man sich die Werte und den Aktionskonsens durchliest, gibt es tatsächlich eine große Ähnlichkeit. Besteht die Letzte Generation also vor allem aus ehemaligen XR-Mitgliedern, denen Extinction Rebellion einfach nicht weit genug gegangen ist?

Auch bei uns gibt es nicht nur Vollzeitaktivistinnen und -aktivisten. Bei uns sind alle willkommen, wie auch immer sie sich einbringen wollen.

Es gibt oder gab enge personelle Überschneidungen mit Extinction Rebellion. Bei uns sind aber auch Menschen, die vorher bei Fridays for Future oder gar nicht politisch aktiv waren. Wir machen unsere eigenen Aktionen.

Solche Straßenblockaden wie jetzt in Berlin würde Extinction Rebellion nicht machen?

Ich kann nicht für andere Gruppen sprechen. Ich hoffe, dass sie sich uns anschließen und mit uns gemeinsam friedlichen Widerstand leisten.

Es gab auch Kinder, die sich bei den Blockaden in Berlin beteiligt haben. Haben die sich einfach spontan angeschlossen?

Nein. Die Schwester der beiden Kinder, die sich bei einer unserer Blockaden beteiligt haben, ist bei uns aktiv. Ihre kleinen Geschwister haben immer wieder gesagt, dass sie auch mitmachen wollen, weil sie so viel Angst um ihre Zukunft haben. Da gab es natürlich gute Vorbereitungsprozesse und auch Austausch mit den Eltern.

Die Letzte Generation bezeichnet sich selbst als gewaltfrei. Was verstehen Sie unter Gewaltfreiheit?

"Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass die Welt, auf die wir zusteuern, apokalyptisch sein wird"

Da gibt es in der Tat viele verschiedene Konzepte. Sehr eng verbunden fühlen wir uns mit den Ideen von Gandhi. Manchmal ist, wie Gandhi sagt, die gewaltfreieste Handlung, sich Unrecht entgegenzustellen.

Indem wir den Alltag stören, tun wir das gewaltfreieste, was man gerade tun kann. Wir können nicht länger zusehen, wie die Regierung fossile Infrastruktur ausbaut.

Was heißt das konkret für die Aktionen?

Gewalt gegen Menschen ist für uns immer ausgeschlossen. Wir wollen mit unseren Aktionen Menschen schützen und sie nicht gefährden. Bei unseren Blockaden lassen wir zum Beispiel immer eine Rettungsgasse. Abgesehen davon müssen wir natürlich immer dynamisch bleiben und auch unsere Aktionen der sich verändernden Situation anpassen.

Aber mit dem Argument, man schütze die Menschheit vor der Apokalypse, lässt sich eigentlich jede Aktion rechtfertigen, oder?

Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass die Welt, auf die wir zusteuern, apokalyptisch sein wird. Unsere Angst beruht auf wissenschaftlichen Fakten.

Aber nein, Gewalt gegen Menschen lässt sich nie rechtfertigen. Wie gesagt, wir wollen Menschen vor dieser Apokalypse schützen. Sie mit unseren Aktionen zu gefährden oder verletzen, wäre widersinnig.

Ihr werbt damit, mit Gesicht und Namen für eure Aktionen zu stehen. Schließt ihr damit nicht Gruppen, etwa illegalisierte Menschen, aus?

Das ist uns natürlich bewusst. Aber eben die Menschen, die das Privileg haben, friedlichen zivilen Widerstand zu leisten, sollen dieses Privileg auch nutzen. Wer sonst? Und bei uns können sich alle einbringen und auch auf anderem Wege die Blockaden ermöglichen.

Kate Cahoon von 350.org hat im Interview kritisiert, dass gerade in Deutschland der Klimaaktivismus sehr exklusiv ist. Welche Strategien hat die Letzte Generation, um auch neue Gruppen anzusprechen?

"Wir gehen auf die Straße, und wenn wir geräumt werden, gehen wir wieder auf die Straße."

Wir sind in Deutschland zwar total privilegiert, aber auch in Deutschland gibt es große Unterschiede. Wir haben eine radikale Willkommenskultur und nehmen immer alle auf.

Ganz explizit richten wir uns an die Menschen, die sich das leisten können, mit auf der Straße zu blockieren.

Und Menschen, die dieses Privileg nicht haben, versuchen Sie nicht explizit anzusprechen?

(Pause) Wir sind für alle dankbar, die sich dazu entschließen, bei uns mitzumachen.

Gibt es einen engen Austausch mit anderen Gruppen der Klimabewegung?

Es gibt auf jeden Fall Austausch mit einigen Gruppen. Wir sprechen uns auch ab, um uns nicht gegenseitig die Luft rauszunehmen. Wir sind auch immer bereit für weitere Vernetzungen. Nur wenn wir untereinander solidarisch sind, können wir etwas erreichen.

Sie haben das letzte Wort.

Ich weiß, dass wir eigentlich alle das Gleiche wollen, nämlich die Zivilisation und unsere Gesellschaft erhalten. Darum geht es, das müssen wir uns bewusst machen. Wir müssen uns alle immer selbst reflektieren und fragen: Ist das, was ich gerade mache, angemessen angesichts des Klimanotfalls?

Deshalb möchte ich gerne alle einladen, zu einem unserer Vorträge zu gehen und zu einem Training und mit uns gemeinsam die Straße zu blockieren.

Wir machen das so lange, bis dieser fossile Wahnsinn beendet wird. Wir gehen auf die Straße, und wenn wir geräumt werden, gehen wir wieder auf die Straße, wieder und immer wieder.

Wie weiter mit dem Protest?

Die Klimabewegung hat erreicht, dass die Krise als Problem erkannt wurde und ein Umdenken begonnen hat. Zu konsequentem Klimaschutz, wie ihn das Paris-Abkommen verlangt, hat das noch nicht geführt. Mit welchen Strategien lässt sich der politische Druck erhöhen? Über die Herausforderungen, Veränderungen und Perspektiven spricht Klimareporter° mit Aktivist:innen aus einzelnen Zweigen der Klimabewegung und mit einem Protestforscher. Die ganze Interviewserie gibt es hier.

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