"Die Klimakrise bedroht unsere hart erkämpfte Entwicklung"

Mauritius gehört zu den Entwicklungsländern, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Umweltminister Kavydass Ramano spricht im Interview darüber, wie der Klimawandel seinem Land jetzt schon zu schaffen macht – und worin die größte Gefahr besteht.


Strand von Mauritius
Mauritius: Strände werden schmaler. (Foto: Katja Dombrowski)

Klimareporter°: Herr Ramano, Sie sind seit November Umwelt- und Klimaminister von Mauritius und haben seitdem mehrfach die große Bedeutung des Klimaschutzes für Ihr Land betont. Wie stark ist Mauritius als Inselstaat im Indischen Ozean bedroht?

Kavydass Ramano: Die Regierung und die Menschen von Mauritius sind sehr besorgt, was die immer schlimmer werdenden Folgen des Klimawandels betrifft. Als Kleines Inselentwicklungsland gehört Mauritius zu den weltweit am stärksten bedrohten Ländern.

Wir erleben immer mehr und stärkere Überschwemmungen aufgrund von Extremwetter, teilweise mit Todesopfern, sowie stärkere Zyklone im Indischen Ozean.

Außerdem treten Korallenbleichen auf, Riffsterben, Stranderosion, Versalzung von Küstengebieten, Verlust von Lebensräumen. Ernährungsunsicherheit wegen der Auswirkungen auf die Landwirtschaft und Krankheiten verbreiten sich – all das hat auch große wirtschaftliche Folgen.

Die Industrieländer dürfen entschiedene Maßnahmen gegen den Klimawandel auf keinen Fall weiter aufschieben. Die Dringlichkeit war nie größer als jetzt.

Das gilt umso mehr, da der Weltklimarat in seinem jüngsten Bericht betont hat, dass die bisherigen nationalen Beiträge, die NDCs, bei Weitem nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, wie 2015 in Paris beschlossen. Das Zeitfenster, um dieses Ziel noch erreichen zu können, wird immer kleiner.

Zu den größten Gefahren für Inselstaaten gehören verheerende Tropenstürme. Ist auch diese Gefahr für Mauritius größer geworden?

Alles deutet darauf hin, dass das Risiko heute viel größer ist als früher. Die Meerestemperatur steigt und die Entstehung von Zyklonen im Indischen Ozean folgt nicht mehr dem früher typischen Muster.

Ein Beispiel war der Zyklon "Ambali" im Dezember 2019. Er entwickelte sich innerhalb nur eines Tages von einem Tropensturm zu einem Zyklon an der Grenze zur höchsten Stufe, der Kategorie 5. So etwas hat es auf der Südhalbkugel nie zuvor gegeben.

Was wären die Folgen eines Kategorie-5-Zyklons?

Im Moment kommen wir mit Zyklonen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometern je Stunde klar, das ist Kategorie 4. Noch stärkeren Stürmen würde unsere Infrastruktur nicht standhalten. Grundlegende Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser könnten zerstört werden.

Porträtaufnahme von Kavydass Ramano.
Foto: Screenshot/​govmu.org/​Facebook

Kavy Ramano

Kavydass Ramano ist Jurist und gehört seit 2010 dem Parlament von Mauritius an. Er ist Mitglied der Partei Mouvement Socialiste Militant (MSM). Seit November 2019 ist er Minister für Umwelt, Abfall­management und Klimawandel.

Die Gefahr, dass Menschen ihre Lebensgrundlage oder sogar ihr Leben verlieren, ist sehr real. Auch die Auswirkungen auf wichtige Bereiche der mauritischen Wirtschaft wie Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus wären katastrophal.

In den vergangenen sieben Jahren hat Mauritius einiges unternommen, um auf Umweltkatastrophen vorbereitet zu sein. So wurde das Frühwarnsystem für Zyklone verbessert und ein Doppler-Radar für genauere Wettervorhersagen installiert. Es bleibt aber noch sehr viel zu tun.

Abgesehen von den Zyklonen, welche Gefahren bestehen noch?

Wir rechnen damit, dass der Klimawandel Leben und Lebensgrundlagen gefährdet. Beispiel Wasser: Die Menge nutzbarer Wasserressourcen wird bis Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich um 13 Prozent abnehmen. Heftige kurze Regenfälle führen zu plötzlichen Überschwemmungen. Krankheiten, die über das Wasser übertragen werden, verbreiten sich wieder.

Prognosen deuten außerdem darauf hin, dass die landwirtschaftliche Produktion bis 2050 um 30 Prozent abnehmen könnte. Das stellt die Ernährungssicherheit infrage.

Durch Erosion sind die Strände in manchen Gegenden in den vergangenen zehn Jahren bis zu 20 Meter schmaler geworden. Der Klimawandel bedroht die ganze Entwicklung, die sich Mauritius in den vergangenen Jahrzehnten hart erkämpft hat.

Der Weltklimarat IPCC sagt einen Anstieg des Meeresspiegels um 24 bis 32 Zentimeter bis 2050 voraus. Was bedeutet das konkret für Mauritius?

Bei uns steigt der Meeresspiegel sogar überdurchschnittlich stark. Laut aktuellen Erhebungen des Sea Level Center der Universität von Hawaii betrug der Anstieg hier in den vergangenen 15 Jahren im Schnitt 5,6 Millimeter pro Jahr – global waren es laut Weltklimarat 3,2 Millimeter pro Jahr.

Wie gesagt, schon der bisherige Anstieg hatte eine starke Stranderosion zur Folge. In den kommenden 50 Jahren könnten wir bis zu 50 Prozent unserer Strände verlieren, wenn nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Die wirtschaftlichen Folgen wären riesig, denn der Tourismus ist einer der wichtigsten Pfeiler der mauritischen Wirtschaft. Die Vorhersagen des Weltklimarats verheißen also nichts Gutes für Mauritius.

Besonders betroffen sind die Menschen an den Küsten, vor allem die Fischer und Bauern. Auch der Hafen in unserer Hauptstadt Port Louis leidet zunehmend unter den Folgen des Klimawandels. Die Tage, an denen er wegen Stürmen, hohen Wellen oder Überflutung geschlossen werden musste, ist von fünf im Jahr 2010 auf 41 im Jahr 2018 gestiegen – was der Wirtschaft ernsthaft schadet.

Was tut Mauritius gegen den Klimawandel – und was erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft?

Der Anteil von Mauritius an den globalen Treibhausgasemissionen beträgt 0,01 Prozent. Auf alle Kleinen Inselentwicklungsländer zusammen entfällt weniger als ein Prozent. Aber diese Länder sind am schnellsten und stärksten vom Klimawandel betroffen.

Mauritius trägt, wie viele Entwicklungsländer, seinen Teil zum Kampf gegen den Klimawandel bei. Das Gleiche sollten die Industrieländer tun.

Trotz unserer begrenzten Mittel investieren wir jedes Jahr rund 2,15 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts in Anpassungs- und Minderungsmaßnahmen, das sind etwa 10,3 Milliarden Rupien (256 Millionen Euro, die Red.). Geld, das dazu dienen sollte, die Armut zu verringern und den Sozialstaat zu stärken, fließt nun in den Klimaschutz.

Von den Industrieländern wünsche ich mir, dass sie ihren Treibhausgasausstoß reduzieren sowie finanzielle und technische Unterstützung in Form von Technologietransfer und Kapazitätsaufbau leisten.

Mauritius will sein nationales Klimaziel verschärfen und spätestens 2050 CO2-neutral wirtschaften. Was sind die wichtigsten Schritte dorthin?

Unser bisheriges Ziel ist eine Verringerung des CO2-Ausstoßes um 30 Prozent bis 2030. Dieses Ziel kommt nun im Rahmen der Überarbeitung der NDCs auf den Prüfstand. Derzeit arbeiten wir an einem nationalen Klimaaktionsplan.

Er soll unter anderem Risiken und Anpassungsmaßnahmen in den wichtigsten Wirtschaftssektoren ermitteln, die vom Klimawandel betroffen sind, darunter Tourismus, Wasser, Landwirtschaft, Fischerei, Infrastruktur und Gesundheitswesen.

Ebenfalls ist eine Resilienzstrategie in Arbeit. Im Dezember haben wir außerdem einen nationalen Konsultationsprozess zum übergreifenden Thema Umwelt – inklusive Klimaschutz – eingeleitet. Das Ergebnis soll ein Zehn-Jahres-Masterplan für einen ökologischen Wandel sein.

Grundlegende Bestandteile dieses Plans sollen den Weg zur CO2-Neutralität ebnen. Beispiele sind der Ausbau erneuerbarer Energien, emissionsarmer Verkehr und der Aufbau einer Kreislaufwirtschaft.

Der Klimawandel schreitet trotz Gegenmaßnahmen weiter voran. Befürchten Sie, dass die Mauritier eines Tages zu Klimaflüchtlingen werden?

Ich hoffe inständig, dass es nicht dazu kommt. Einige der zu Mauritius gehörenden Inseln ragen allerdings nicht mehr als ein bis zwei Meter über den Meeresspiegel hinaus, zum Beispiel Agalega und Saint Brandon. Diese könnten tatsächlich unbewohnbar werden. Die Menschen, die dort leben, müssten dann auf die Hauptinsel umgesiedelt werden.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier