Die Junkies in Glasgow

Die Lichtblicke auf der Klimakonferenz in Glasgow wurden durch die altbekannten Reflexe der Kohlenstoff-Junkies konterkariert, die den Zugang zu ihrem "Stoff" am Ende lieber doch nicht so radikal eingeschränkt sehen wollten.


Kohlekraftwerk Singrauli
Verführerischer Stoff: Solange Kohlestrom billig ist, wird er produziert. (Foto: International Accountability Project/​Flickr)

Ein Gedankenexperiment. Die Vereinten Nationen veranstalten eine Konferenz, um das globale Rauschgiftproblem in den Griff zu bekommen. Alle dürfen dabei sein und über die Maßnahmen mitbestimmen. Auch die Produzenten von Heroin, Ecstasy und Co, ebenso die Dealer und die Abhängigen.

Die Abstimmungen müssen einstimmig erfolgen. Und wenn nur einer, zum Beispiel die Heroin-Produzenten aus Mexiko, mit der Abschlusserklärung nicht einverstanden ist, wird sie entschärft oder fällt ganz durch.

Insofern würde es als Erfolg gelten, wenn es in dem verabschiedeten Text dann heißt: Der Rauschgiftkonsum soll bis 2030 weltweit halbiert und der Ausstieg aus dem Heroin angegangen werden. Nur: Zu hoffen, dass damit allein das Problem gelöst würde, wäre höchst naiv.

Die 26. UN-Konferenz zum globalen Klimaschutz-Problem hat genau unter solchen Bedingungen stattgefunden, so wie die 25 Konferenzen vorher auch.

Die Kohlenstoff-Dealer waren stimmberechtigt, wie etwa Saudi-Arabien, Australien und Russland, die Abhängigen sowieso, also jeder der fast 200 Staaten der Erde. Insofern ist es fast schon ein Wunder, dass der "Glasgow Climate Pact" zustande kam und von der Weltgemeinschaft abgenickt wurde.

Darin werden mehrere Leitplanken verankert. So soll das 1,5-Grad-Limit der Erderwärmung nicht überschritten werden. Das ist sogar eine Verschärfung gegenüber dem Paris-Abkommen von 2015, das auch zwei Grad zulässt.

Es wird nun wirklich ernst

Konkret sollen die globalen Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um 45 Prozent, also fast die Hälfte, sinken. Erstmals wurde im Schlussdokument eines Klimagipfels mit dem Herunterfahren der Kohlenutzung auch eine konkrete, nämlich die, wenn umgesetzt, wirksamste Klimaschutzmaßnahme benannt. Zudem werden die Staaten zur Streichung der Subventionen für fossile Energieträger aufgefordert.

Das alles liest sich nicht schlecht. Es reflektiert die veränderte Stimmung auf dem Gipfel. Es ist die Folge der vielen hellsichtigen Momente in den zwei Glasgow-Wochen, in denen den Kohlenstoff-Süchtigen klar wurde: Es wird, nach drei verlorenen Jahrzehnten globaler Klimapolitik, nun wirklich ernst. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, gerät die Lage außer Kontrolle. Die Emissionen müssen ab sofort radikal sinken, während sie bisher praktisch nur gestiegen sind.

Und zum Selbstschutz, um das Kippen von zentralen Elementen des Klimasystems zu verhindern, will man sich längerfristig an den Rat der Sucht-Ärzte, also Klimaforscher, halten, die völlige Abstinenz als strikt zu verfolgendes Ziel vorgegeben haben.

Man darf die Sucht-Analogie nicht überstrapazieren. Doch es ist frappant, wie gut sie passt. Denn die Lichtblicke in Glasgow wurden durch die altbekannten Reflexe der Kohlenstoff-Junkies konterkariert, die den Zugang zu ihrem "Stoff" nun doch nicht so radikal eingeschränkt sehen wollen.

Vor allem China und Indien, die zusammen global fast 40 Prozent davon verbrauchen, machten hier Druck. Die Formulierungen zu Kohleausstieg und Subventionen wurden abgemildert.

Frontlinien zwischen reichen und armen Ländern

Die Industriestaaten wiederum waren nicht bereit, ihre über zehn Jahre alte Zusage zur Klimafinanzierung für die Entwicklungsländer von 100 Milliarden Dollar jährlich endlich komplett zu erfüllen oder sie gar aufzustocken, wie es dringend notwendig wäre.

Zudem blockten die reichen Staaten die Forderung der besonders von der Klimakrise gebeutelten armen Länder nach einem vernünftig ausgestatteten Fonds zur Finanzierung von Hilfen bei klimabedingten Naturkatastrophen ab. Sie zeigten ihnen die kalte Schulter, obwohl sie, historisch gesehen, die Hauptschuldigen an der Klimakrise sind. Die alten Frontlinien zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sind wieder voll aufgebrochen.

COP 26 in Glasgow

Nach 25 UN-Konferenzen gab es noch immer keine Lösung für die Klimakrise, aber wenigstens das Pariser Klimaabkommen. Wie gut es funktioniert, sollte der 26. Gipfel in Glasgow zeigen. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Schottland und berichtet mehrmals täglich.

Nüchternes Fazit, Glasgow hat noch einmal bestätigt, was sich seit Jahren abzeichnet: Der UN-Klimaprozess allein kann wegen seiner Konstruktion das drängendste Menschheitsproblem nicht lösen. Er gibt nur den Rahmen, in dem die einzelnen Staaten bestenfalls zu mehr Ambitionen motiviert werden können.

Wirkliche Fortschritte wird es nur geben, wenn sich Vorreiter-Allianzen bilden, die andere Länder mitziehen. Hier hat es auf dem Gipfel in Schottland durchaus wichtige Ansätze gegeben. Vor allem die überraschende Ankündigung von China und den USA, trotz sonstiger Differenzen bei der Treibausgas-Reduktion gemeinsam vorangehen zu wollen. Die beiden sind ja Nummer eins und zwei bei den globalen Emissionen.

Sehr wichtig werden auch Kooperationen von Industrie- und Schwellenländern werden, bei denen die reichen Staaten die Energiewende im globalen Süden kräftig mitfinanzieren wollen, wie mit Südafrika und Indien verabredet. Weitere in Glasgow geschlossene Abkommen, wie zur Methan-Reduktion, zum Verbrenner-Aus oder zum Ende der Finanzierung fossiler Energieprojekte können zusätzlichen Schub geben.

Ob das reicht, den 1,5-Grad-Pfad noch zu erreichen? Man darf die Hoffnung, dass die nächste industrielle Revolution, von Fossil zu Erneuerbar, nun endlich mit Macht eingeleitet wird, nicht aufgeben. Alles andere würde bedeuten, wir kommen vom Rauschgift nie weg.

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