Der Mensch schafft sich mehr Probleme als Lösungen: Kiefernforste sind auf Holzproduktion ausgelegt, versagen aber im Klimawandel. (Bild: Achim Schneider/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Scherer, Sie haben eng mit der internationalen Forschungsgruppe zusammengearbeitet, die kürzlich das Jahr 1950 als Startpunkt für das neue Erdzeitalter "Anthropozän" vorgeschlagen hat. Schon im Jahr 2000 wollte Chemienobelpreisträger Paul Crutzen das "Menschenzeitalter" einläuten. Seitdem wird darüber nicht nur unter Geolog:innen diskutiert, auch die Geisteswissenschaften rief das auf den Plan. Warum interessieren Sie sich als Philosoph für die Erforschung einer neuen geologischen Epoche?

Bernd Scherer: An Crutzens Anthropozän-These faszinierte mich als Philosoph: Hier kam ein Naturwissenschaftler zur Erkenntnis, dass das, was wir bisher klassischerweise als Natur betrachtet haben, eigentlich ein kulturelles Produkt ist.

Der Mensch hat in den letzten Jahrzehnten nicht mehr nur in die Natur interveniert, sondern durch sein Tun den gesamten Planeten transformiert – und das bis zu einem Punkt, an dem das Erdsystem aus der Balance gerät. Das, was wir als Natur betrachten, ist eigentlich vom Menschen gemacht.

Dieser klassische Dualismus zwischen Natur und Kultur, der das europäische Denken seit dem 16. Jahrhundert beherrscht, muss neu gedacht werden. Und das ist eine typisch philosophische Arbeit: die Grundkategorien unseres Denkens und unsere Konstruktion der Realität neu zu denken.

Wie sieht denn dieses neue Denken aus?

In der westlichen Moderne setzte sich seit der Aufklärung die Vorstellung vom Menschen als Beherrscher der Natur durch. Und das bedeutet immer auch, dass man sich distanziert von der Natur, von außen auf sie blickt und sie ausbeutet.

Aber wir brauchen ein neues Verhältnis des Menschen zur Natur, bei dem der Mensch sich als Teil der natürlichen Prozesse sieht und nicht als ein Außenstehender, der versucht, sie zu kontrollieren, und damit eigentlich mehr Probleme schafft als Lösungen. Dabei sind Künstler und ästhetische Formen der Wissensproduktion ganz wichtig. Wir brauchen neue Zugänge und neue Perspektiven.

Aber egal, wo und wie der Mensch in die Natur eingreift, verändert und stört er ja zwangsläufig Ökosysteme und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Ist ein nachhaltiger Umgang mit Natur für uns als Menschheit überhaupt möglich?

Diese "Störung" hat mit der Idee der Beherrschung der Natur zu tun und auch mit Abstraktionsprozessen, die von komplexen Zusammenhängen immer einen Aspekt ins Zentrum stellen und die anderen ausblenden.

Um ein Beispiel zu geben: In den 1950er-Jahren hatten wir ein Energieproblem und eine Lösung war dann atomare Energie. Dabei wurde zunächst völlig ausgeblendet, was mit dem Atommüll passiert. Um das Energieproblem mittels Kernspaltung zu lösen, wurde von den Folgewirkungen auf Ökosysteme vollkommen abstrahiert. Das führte zu erheblichen Problemen.

Die Krisen, die die anthropozäne Entwicklung zur Folge hatte, sind im Wesentlichen nicht beabsichtigte Nebenfolgen wissenschaftlich-technologischer und rationaler Entwicklungen. Insofern ist es nicht per se in menschlichen Gesellschaften angelegt, dass der Mensch nicht nachhaltig mit der Natur umgeht, sondern das hat mit einer ganz bestimmten Denkkultur und Realitätskonstruktion zu tun.

Das heißt, der Mensch ist gewissermaßen Opfer seiner eigenen Welt geworden?

Ja, aber man muss da präzisieren. Letztendlich ist es nicht "der" Mensch, sondern diese Entwicklung wurde zunächst von westlichen Gesellschaften angeschoben. Das hat sich mittlerweile weltweit als ein Erfolgsmodell herausgestellt, das uns aber in die Katastrophe führt.

Ein weiteres Problem liegt in der Skalierung von Lösungen: Man ist in einem lokalen oder regionalen Zusammenhang mit einem konkreten Problem konfrontiert, entwickelt dann aber Lösungen, die dank kapitalistischer Wirtschaftsweise auf die ganze Welt angewandt werden, ohne sich jeweils mit den konkreten Lebensverhältnissen auseinanderzusetzen.

Dazu gehört zum Beispiel eine auf fossilen Brennstoffen beruhende Lebensweise, von der die europäischen Gesellschaften völlig abhängig wurden. Wir haben uns Infrastrukturen geschaffen, die kaum noch beherrschbar sind und die, wenn sie implodieren, ganze Gesellschaften in den Ruin treiben können.

Erzählt aber nicht das Anthropozän viel eher die Geschichte einer Menschheit, die als gesamte Spezies für den Klimawandel verantwortlich ist, ohne zu differenzieren?

Man muss zunächst sagen, dass es nicht nur eine Erzählung des Anthropozäns gibt. Der Anthropozänbegriff kommt ja zunächst aus den Naturwissenschaften. Die Geologen orientieren sich bei der Bestimmung eines neuen Erdzeitalters vor allem an den Sedimentschichten. Aus ihrer Sicht braucht es materielle Veränderungen für den Beginn eines neuen Erdzeitalters.

Bernd Scherer

leitete von 2006 bis 2022 als Intendant das Haus der Kulturen der Welt (HKW) im Berliner Tiergarten. Als promovierter Philosoph und Autor kuratierte und leitete er seit 2012 das "Anthropozän-Projekt" des HKW. Er arbeitete eng mit der Anthropocene Working Group zusammen, die kürzlich das Jahr 1950 als Beginn für ein neues geologisches Zeitalter, das Anthropozän, vorschlug.

Aber als Kulturwissenschaftler stelle ich mir natürlich die Frage: Wo kamen diese Prozesse her? Was waren die Vorstufen davon?

Die vorgeschlagene Definition mit dem Beginn 1950 ist jetzt ein Ankerpunkt, auch gesellschaftliche, kulturelle und soziale Dimensionen des Anthropozäns einzubeziehen. Denn natürlich fingen die anthropozänen Entwicklungen nicht erst 1950 an.

Zum Beispiel der Kolonialismus: Hier hat der Westen nicht nur in verschiedenen Erdteilen interveniert, sondern auch für lange Zeit die Denkformen nicht-europäischer Kulturen ausgeschlossen. Wir haben uns als Höhepunkt der Zivilisation, als der Gipfel des geistigen Fortschritts verstanden und dabei Entwicklungen angestoßen, die uns in die planetare Krise führten.

Und was können wir von dem Wissen nicht-europäischer Kulturen lernen?

Ein interessanter Aspekt ist zum Beispiel, dass momentan in Kanada von staatlicher Seite indigene Gemeinschaften damit beauftragt werden, sich um bestimmte Waldökosysteme zu kümmern. Sie haben ein praktisches Wissen, wie man mit diesen Systemen umgeht.

Für diese Gemeinschaften ist der Wald nicht nur eine Ressource, die man ausbeuten kann, sondern ein komplexes ökologisches System, in dem eine Intervention an der einen Stelle Reaktionen an vielen anderen Stellen erzeugt.

Diese größeren Zusammenhänge verliert das westliche Denken oft aus dem Blick, weil seine Wissensformen immer kleinteiliger und spezialisierter werden. Ich glaube, dass wir wirklich neue Formen der Wissensproduktion brauchen.

Aber lässt sich indigenes Wissen so einfach auf unsere westliche Lebensweise übertragen?

Nein, das ist tatsächlich harte Arbeit. Es ist natürlich eine völlige Illusion anzunehmen, man könne wieder in vormoderne Zustände zurück. Es kann auch nicht darum gehen, indigenes Wissen eins zu eins zu übernehmen. Aber es gilt, dieses Wissen, das in unserer Gesellschaft verloren gegangen, aber in indigenen Gemeinschaften teilweise noch vorhanden ist, produktiv zu machen.

Das bedeutet zu überlegen, und zwar in letztendlich gemeinschaftlichen, dialogischen Formen: Was würde es bedeuten, wenn wir in unserer Gesellschaft, in unserer Welt, in der wir leben, dieses Wissen aktivieren?

Und wie schaffen wir es dann, solches Wissen tatsächlich zu aktivieren?

Ich glaube, individuell ist es die ästhetische Form des Umgangs mit der Welt. Also dass man lernt, Sensibilität zu entwickeln zum Beispiel für Pflanzen, aber auch für urbane Entwicklungen. Man muss sich ja fragen: Was läuft da falsch?

Zum Beispiel ist das Auto ein Objekt, bei dem, wenn man sich reinsetzt, die Landschaft gar keine Rolle mehr spielt. Es isoliert dich von deiner Umwelt. Das, was ich im Denken vorhin beschrieben habe, findet da buchstäblich statt. Du wirst isoliert von dem Umfeld, in dem du agierst.

Aber wenn die Formen dieser Haltung, sich als Teil einer fragilen Umwelt zu verstehen, zu einer Grundlage in unserer Gesellschaft werden, dann kann das von unten Denkprozesse und Lebensweisen anstoßen, die es erlauben, die Gesellschaft demokratisch umzubauen, indem unter anderem auf fossile Energien verzichtet wird.

Denn es gibt ein gewisses Spannungsgefüge zwischen der Erkenntnis und dem demokratischen Willen in vielen Gesellschaften, Veränderungen in Gang zu setzen. Wenn wir beides wollen, muss eine zentrale Linie sein, über Bildungsprozesse die Gesellschaft von unten demokratisch zu verändern.

Eine wesentliche Grundlage dabei sind ästhetische, künstlerische Prozesse, also eine ganz andere Herangehensweise an Pflanzen, Tiere und unsere Umwelt.

Angesichts einer eskalierenden Klimakrise, glauben Sie, dass wir dafür noch Zeit haben?

Letztendlich bin ich ein positiv denkender Mensch. In der Lage, in der wir uns befinden, ist es zentral, dass wir uns immer noch als Akteure unseres Lebens und unserer Gesellschaft verstehen und nicht nur als Opfer einer Katastrophe, wo nichts mehr zu machen ist.

Da müssen Prozesse auf verschiedenen Ebenen stattfinden, auf der politischen und auf der individuellen, um auch langfristig für Veränderungen zu sorgen. Natürlich müssen momentan einschneidende Entscheidungen getroffen werden, aber wir müssen auch das Bewusstsein der Gesamtgesellschaft verändern.