Eine Kanukarawane fürs Klima

Während im Westen Deutschlands der Kampf gegen das Wasser weitergeht, machen Künstler im Vorharz auf die andere Seite der Medaille beim Klimawandel aufmerksam: Sie tragen nahe Halberstadt hundert Kanus durch den ausgetrockneten und kranken Wald.


Ein Mann und eine Frau tragen ein Kajak auf den Schultern über ein Feld.
Die Boote, die morgen über den Huywald getragen werden, stammen aus der Sammlung des Halberstädter Architekten Christof Hallegger – hier ein Fünf-Meter-Rennkajak von 1965. (Foto: Jan Arndt/​IdeenGut)

Übern Huy – "das spricht man wie Hü und Hott", sagen Einheimische – führt am morgigen Samstag eine ganz besondere Regatta. Einhundert Kanus gehen an dem Höhenzug im Vorland des Nordharzes an den Start – aber nicht zum Wettkampf, sondern für das interkulturelle Kunstprojekt "Keine Handbreit Wasser".

Die Projektmacher wollen auf die regional und weltweit sinkenden Grundwasserspiegel aufmerksam machen. Ist das nicht angesichts der Hochwasserkatastrophe im Südwesten eine zweifelhafte Aktion?

Keineswegs, sagen die Organisatoren, denn Hochwasser und Dürre, Sintfluten und Trockenheit seien zwei Seiten einer Klima-Medaille.

Das Projekt hat zum Ziel, dass die Menschen sich austauschen, über die Gefahren reden, "verstehen, dass wir alle in einem Boot sitzen und über den Berg kommen müssen", erklärt Ilka Leukefeld, die künstlerische Leiterin. Sie stellt die Frage, wie nachhaltig auch Kunst sein könne.

Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds und vom Land Sachsen-Anhalt helfen dabei, durch die spektakuläre Aktion das Engagement für Umwelt- und Klimaschutz noch stärker in den Fokus zu rücken. Der Kanu-Korso auf Straßen und Feldwegen symbolisiert: Die Boote liegen trocken, wenn das Wasser fehlt.

Paddel benötigen die Teilnehmer der einmaligen Bootskarawane über die gut 15 Kilometer von Halberstadt ins Dörfchen Huy-Neinstedt nicht. Ihre Muskel-Hypothek ist gefragt. Die 180 freiwilligen Träger sind Schüler, Studenten, Landwirte, Naturschützer, Ökologen, Menschen von vor Ort, extra Angereiste.

"Jeder kann mitmachen", sagt Ilka Leukefeld, die aus der Domstadt Halberstadt stammt und 26 Jahre in London verbrachte. Die Boot-Parade symbolisiere eine Gemeinschaft, die sich für Umweltschutz und Toleranz einsetze.

Die Initiatoren sind sich im Klaren: Das ist wieder mal eine abgefahrene Halberstädter Idee, so wie das John-Cage-Projekt, bei dem das langsamste Musikstück der Welt aufgeführt wird: Der US-Komponist John Cage hatte seinem Stück "Organ²/ASLSP" die Tempo-Angabe "so langsam wie möglich" gegeben, die Uraufführung dauerte 1987 eine halbe Stunde.

Im Orgelwerk des Halberstädter Burchardi-Klosters versucht man seit 2001, das Werk auf 639 Jahre zu strecken. Ein Ton erklingt für Jahre, die Wechsel zum jeweils nächsten sind ein mediales Großereignis. Ein künstlerisches Spiel mit der ungewissen Zukunft.

Diese prägt auch das Open-Air-Kunstprojekt im Huy, denn das will zeigen: Die Grundwasservorräte der Erde sind endlich. In vielen Regionen der Welt schrumpfen die nutzbaren Wasserreservoire. Die Folgen für die Menschen sind dramatisch.

Der Überlebenskampf der Laubbäume

Im Zieldorf angekommen, werden die Holz-Boote in einer leer stehenden Scheue hängend installiert und ausgestellt. Während der Ausstellung, die am 29. August eröffnet und bis Oktober in Huy-Neinstedt zu sehen ist, diskutieren Podiumsgäste über Themen wie Wasserknappheit in der Welt und deren Folgen.

Es gehe um den symbolischen Paddelschlag nach vorn, um die ökologische Richtung. Darum, sich nicht im Kreis zu drehen, meinen die Organisatoren.

Der Kurs der Bootskarawane verläuft unter blattlosen Baumwipfeln, vorbei an gebrochenen Stämmen, gerissenen Baumrinden. Zunehmend sterben auf dem Huy vor allem Buchen, die Hoffnungsträger der Mischwälder, und teilweise auch Eichen unvermittelt ab.

Dass dies kein gutes Nutzholz ist, liegt auf der Hand. Daraus lassen sich weder schöne Möbel noch Eislöffel oder medizinische Holzmundspatel machen, sagen die Forstleute im Revier zwischen Halberstädter Dom und dem Kloster Huysburg, wo einer der größten reinen Buchenwälder Mitteleuropas steht.

Der Überlebenskampf der Laubbäume tobt. Solche Zustände haben die vergangenen drei Förstergenerationen nicht erlebt. Gitta Langer von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) in Göttingen sagt, seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 habe es solche Dürre-Lagen nicht gegeben.

Die Buchen, die Jahrhunderte den Huy prägten, lieben es kühl und feucht. Kommt es zu extremen Wetterlagen und knallt die Sonne, kriegen ihre dünnen Rinden Sonnenbrand, reißen auf und laden Schädlinge zum Mahl unter ihrer Haut ein.

Dass es zunehmend heller im Wald wird, liegt der Expertin zufolge nicht etwa daran, dass die Forstleute zu stark mit der Säge in die Bestände eingreifen. Vielmehr lichten sich die Oberkronen. Blätter, Feinreisig und Äste fallen herab.

Gitta Langer gilt als Pilzspezialistin. Vor einigen Jahren stieß sie auf dem Höhenzug erstmals auf Pilze, die sie früher nie beobachtet hatte. Zunderschwamm und Hallimasch sind im Kommen, deutliche Weißfäule bemerken die Fachleute. Rindennekrosen schädigen die Stämme, zahlreiche Schleimflussflecken sind zu sehen, Kohlenbeeren, das sind Schlauchpilze, und Prachtkäfer taten ihr Werk. Eine Rotbuche, einstmals zur Vermarktung angepflanzt, nützt heute höchstens noch als Kaminholz.

Das Team des Kunstprojekts Keine Handbreit Wasser: Sieben Leute stehen in einem Bootsschuppen.
Das Team von "Keine Handbreit Wasser". (Foto: Jan Arndt/​IdeenGut)

Ein Hoffnungsschimmer fällt durch die Bäume, wenn man im Wald in Richtung Boden blickt. Die Revierbesitzer sind guter Hoffnung, dass das, was hier aufwächst, sich angepasst entwickelt und letztlich mit Extremwetterlagen besser zurechtkommen wird.

Auch darum wollen die Fachleute nicht sofort reihenweise Buchen fallen sehen. Die Bäume werfen noch Schatten, der für den Nachwuchs wichtig ist.

Darum macht es auch Ilka Leukefeld Mut, dass viele junge Leute bei der Karawane mit im Boot sind. Damit die Welt nicht irgendwann auf dem Trockenen sitzt.

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