Den Klimawandel greifbar machen

Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen: Dass das Klima sich ändert, ist längst deutlich zu spüren. Dennoch ist das Thema für viele immer noch fern und abstrakt. Der Deutsche Wetterdienst will das ändern und künftig den Einfluss des Klimawandels bei Wetterextremen deutlicher aufzeigen.


Qualm steigt von einem brennenden Wald auf
Dürre in Deutschland: Trockene Felder und hohe Waldbrandgefahr sind in den vergangenen Jahren zur neuen Normalität geworden. (Foto: Sven Lachmann/Pixabay)

Zu warm und zu niederschlagsarm: Wie schon 2018 und 2019 gehörte auch 2020 in Deutschland zu den acht extremsten Jahren seit Beginn der Messungen 1881. Das zeigt die Klimabilanz für das vergangene Jahr, die der Deutsche Wetterdienst (DWD) am heutigen Dienstag vorgestellt hat.

"Eine solche Abfolge von Trockenjahren hat es selbst in den ausnahmslos zu warmen Sommern des 21. Jahrhunderts noch nicht gegeben", sagt Thomas Deutschländer, Experte für Niederschlagsvorhersage beim DWD.

Insgesamt war es 2020 um 2,2 Grad wärmer als während der Referenzperiode 1961 bis 1990. Die Mitteltemperatur lag bei 10,4 Grad (gegenüber 8,2 Grad zuvor). Das macht 2020 zum zweitwärmsten Jahr in Deutschland seit Beginn der mittlerweile 140-jährigen Messungen. Nur das Rekordjahr 2018 war mit 10,5 Grad bislang noch wärmer.

Auch beim Niederschlag zeigten sich erneut starke Abweichungen von den Mittelwerten der Referenzperiode. Nur 705 Liter fielen pro Quadratmeter. Das ist ein Defizit von 84 Litern oder knapp elf Prozent. Nur ein sehr feuchter Februar sorgte 2020 dafür, dass sich die Dürresituation nicht so extrem zuspitzte wie in den beiden Jahren zuvor.

"Die Veränderung des Klimas lässt sich aber nicht nur mit abstrakten statistischen Kenngrößen feststellen", sagt Deutschländer. "Sie ist immer häufiger für uns alle direkt spürbar."

Wetter- und Klimaextreme

Zum Beispiel: Im August 2020 gab es sechs Prozent mehr Todesfälle als im Durchschnitt der vorangegangenen Jahre, die sich nicht auf Corona zurückführen lassen, sondern auf die Hitzewellen in dem Monat.

Die Waldbrandgefahr war einmal mehr deutlich erhöht. Die beiden höchsten Warnstufen vier und fünf galten in den östlichen Teilen Deutschlands an zehn bis 20 Tagen, im Westen Deutschlands vielerorts sogar an 20 bis 30 Tagen mehr als im Mittel der letzten Jahre. Nur 2018 und 2019 waren diese Werte noch höher.

Klimabilanz 2020

Nur das Jahr 2018 war in Deutschland noch wärmer als 2020. Auch die weltweiten Wetterbeobachtungen deuten auf ein weiteres besonders heißes Jahr hin – trotz des La-Niña-Phänomens, das die Aufheizung der Erde bremst. Unseren ausführlichen Bericht lesen Sie hier.

Und auch weitere Wetter- und Klimaextreme traten im vergangenen Jahr auf: etwa das Tief "Sabine" im Februar mit deutschlandweiten Sturmböen bis Orkanstärke und fünf Sturmfluten in Folge an der deutschen Nordseeküste.

Oder der neue Monatsrekord bei der Sonnenscheindauer im April mit einem Flächenmittel von gut 292 Stunden.

Oder auch die Vielzahl von schweren Gewittern mit Hagel und zahlreiche Fälle von Dauerregen und Überflutungen. "Die Starkniederschlagsaktivität in Deutschland hat in den letzten Jahren zugenommen", sagt DWD-Experte Deutschländer.

"Wir fürchten, dass Sommer künftig regelmäßig so aussehen könnten wie in der jüngsten Vergangenheit." Das heißt: Starkregen würde sich dann mit längerer Trockenheit abwechseln. Das Wetter würde insgesamt extremer.

Künftige Klimaentwicklung

Trotz Corona-Pandemie ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auch 2020 weiter angestiegen, warnte Gerhard Adrian, Präsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO). "Damit werden wir die im Paris-Abkommen vereinbarte Temperaturbegrenzung bei deutlich weniger als zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau bis zum Jahr 2100 nicht erreichen", sagte Adrian. "Leider sieht es im Moment sogar nach einem Plus von drei bis vier Grad aus."

Wie groß der Einfluss des Klimawandels dabei ist, lässt sich mittlerweile analysieren. Damit beschäftigt sich die noch junge Wissenschaftsrichtung der Attributionsforschung. Sie untersucht zum einen, ob sich etwas geändert hat. Und zum anderen, ob der menschengemachte Klimawandel die Ursache der Veränderung ist.

Allerdings ist das sehr aufwendig und zeitintensiv. "Notwendig sind umfangreiche Datensätze und Analysen sowie Modellsimulationen zweier verschiedener Welten", sagt der fürs Klima zuständige DWD-Vorstand Tobias Fuchs.

Die eine Simulation beschreibt die Welt, in der wir aktuell leben, mitsamt allen Einflüssen des Menschen. Die andere Simulation beschreibt eine Welt ohne menschlichen Einfluss, etwa auf Treibhausgase.

"Vergleicht man die Simulationen beider Welten, zeigt sich, ob der Klimawandel die Häufigkeit und Intensität des untersuchten Extremereignisses beeinflusst hat", sagt Fuchs.

Ergebnisse sollen künftig schnell vorliegen

Auf diese Weise konnte die Attributionsforschung zeigen, dass ein Ereignis wie die Dürre in Deutschland 2018 durch den Klimawandel mindestens doppelt so wahrscheinlich geworden ist, die Hitzewelle Ende Juli 2019 in ganz Europa sogar zehn- bis hundertmal so wahrscheinlich.

Bislang liegen solche Analysen erst Wochen nach dem Ereignis vor, wenn längst wieder andere Themen die Schlagzeilen dominieren. Das will der Deutsche Wetterdienst ändern – um so das für viele noch immer abstrakte Thema Klimawandel "greifbarer" zu machen.

"Wir arbeiten intensiv daran, die Extremwetterattribution für das Gebiet von Deutschland in den Routinebetrieb zu überführen", sagt Tobias Fuchs gegenüber Klimareporter°.

So soll es bald "selbstverständlich" werden, dass die Frage nach dem Einfluss des Klimawandels bereits kurz nach einem Extremereignis beantwortet werden kann.

Das vom Bundesforschungsministerium unterstützte Projekt "Climextreme" endet 2023. Dann soll der Routinebetrieb möglich sein.

Auch auf EU-Ebene läuft derzeit ein Projekt des Copernicus-Klimawandeldienstes zur Entwicklung eines Prototyps für einen europäischen Attributionsservice, an dem der DWD mitarbeitet.

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