Konzerne können nicht gestalten – die Politik muss es tun

Giganten wie RWE, Bayer oder VW werden von sich aus niemals etwas für den Klimaschutz tun. Die Vorstandschefs können gar nicht anders. Sie sind nicht dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern einzig ihren Aktionären. Deshalb muss die Politik Standards setzen.


Ein verlassenes Fabrikgebäude
Die heutige Wirtschaftsweise zerstört die natürlichen Lebensgrundlagen, deshalb muss die Politik den Unternehmen einen klareren Rahmen geben. (Foto: Peter H. Tama/​Pixabay)

Der Börsenwert des Chemie- und Agrokonzerns Bayer ist mittlerweile geringer als die Summe, die Bayer im vergangenen Jahr für den US-Konzern Monsanto bezahlt hat. Das berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Ein maßgeblicher Grund für den Kursverfall der Aktie: Das Ackergift Glyphosat ist womöglich doch nicht so harmlos wie immer behauptet. Deswegen sollte die Zulassung in Europa ja auch eigentlich nicht verlängert werden. Und deswegen sind in den USA mittlerweile mehr als 11.200 Klagen wegen Glyphosat anhängig.

Die Geschworenen eines Gerichts in den USA gelangten einstimmig zu dem Urteil, dass der Unkrautvernichter Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat "erheblich" zur Krebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman beigetragen habe.

Wie reagiert Bayer? Abstreiten, leugnen und einschüchtern. Ohne Ackergifte lasse sich die Menschheit nicht ernähren. Das stimmt zwar nicht, kann man aber einfach dreist behaupten. Die Leute werden es schon glauben. Klingt ja plausibel.

Das erinnert schon sehr an den Abstiegskampf der Energiekonzerne. Über zwei Jahrzehnte haben sie Deutschlands Engagement bei Klimaschutz gebremst. Sie wollten einfach nicht akzeptieren, dass die Energiewende möglich ist. Auch hier wurde gedroht. Nicht erst beim Thema Kohle. Der Atomausstieg sei ruinös für unsere Wirtschaft, steigende Strompreise würden Unternehmen verjagen und die Exporterlöse einbrechen. Stromausfälle würden zum Alltag.

Schlimm, schlimm, schlimm. Nichts davon ist eingetroffen. Zum 6. August 2011 verloren acht deutsche Kernkraftwerke ihre Betriebserlaubnis. Einfach so. Plötzlich ging es doch. In drei Jahren wird der letzte Reaktor abgeschaltet.

Sie haben nicht verstanden

Nun stehen die Zeichen auch in der Landwirtschaft auf Umsteuern. Die Artenvielfalt hat dramatisch abgenommen. Die Entwicklung ist katastrophal. Bio-Produkte werden immer beliebter. Selbst Lidl nimmt Bioland-Gemüse ins Programm auf.

In dieser Zeit des Wandels kauft Bayer für 66 Milliarden US-Dollar Monsanto auf, einen extrem umstrittenen Konzern, gegen den schon bei der Übernahme wegen Roundup geklagt wurde. Es ist der größte Zukauf eines deutschen Konzerns aller Zeiten. Die Bayer-Manager feiern. Sie haben nicht verstanden.

Nur für einen Teil dieser Summe hätte man vermutlich alle Start-ups und Pionierunternehmen einer zukunftsfähigen Landwirtschaft aufkaufen können, etwa für biologische Schädlingsbekämpfung, Roboter für mechanische Unkrautbekämpfung oder die synthetische Fleischproduktion.

Zur Person

Der Sozialwissenschaftler Michael Kopatz ist seit 1997 wissenschaftlicher Projektleiter am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Er befasst sich unter anderem mit der Frage einer umfassenden Lebensstil-Wende. Dazu hat er das Buch "Ökoroutine" geschrieben.

Bayer wird, das zeigt die Übernahme, die Agrarwende mit allen Mitteln bekämpfen. Der Konzern wird weiterhin versuchen Politiker und die öffentliche Meinung zu beeinflussen, etwa mit Berichten über sein ökologisches Engagement. Es wird Studien geben, die darlegen, warum Ackergifte unvermeidlich sind und nicht gefährlich. Zum Repertoire gehören auch Agenturen, die in sozialen Medien Stimmung machen gegen staatsautoritäre Regeln und Verbotsparteien.

Das ist ganz normal heute. Man nennt es Lobbyismus und Meinungsmache. Ja, Meinungen werden gemacht. Im Kern wird man also immer wieder behaupten: 100 Prozent Bio, das geht nicht. Man wird behaupten, das ist viel zu teuer, und das ginge besonders zu Lasten der ärmsten Menschen, es würde den Hunger verschlimmern.

Doch viele Studien zeigen: 100 Prozent Bio für zehn Milliarden Menschen ist möglich. Einzige Bedingung: Der Fleischkonsum der wohlhabenden Nationen muss sich verringern.

Erst wenn Politiker es wagen, höhere Standards durchzusetzen, und wenn sie die Agrarwende gestalten, dann werden die Konzerne verstehen. Es wird nicht unbedingt zu spät sein, aber man hätte es leichter haben können.

Nur Aktionäre großer Konzerne werden verlieren

Landwirtschaftsministerin Klöckner tut so, als kämpfe sie für die Interessen der Bauern und letztlich auch für die Wählerinnen und Wähler. Doch das ist falsch. Sie kämpft für die industrielle Landwirtschaft und für Bayer. Genauer: für die Rendite der Anleger. Sie kämpft also dafür, dass Menschen, die ohnehin nicht mehr wissen, was sie mit ihrem Geld Sinnvolles anfangen können, noch mehr Geld bekommen.

Die Wahrheit ist: Auch wenn sich nach und nach der Chemieeinsatz in der Landwirtschaft verringert, werden alle Beteiligten glänzende Geschäfte machen. Mag sein, dass kleine Betriebe davon profitieren. Wen würde das stören, außer den Aktionären der Konzerne?

Wer darauf hofft, das Giganten wie RWE, Bayer oder VW von sich aus mehr für den Klimaschutz tun werden, ist schrecklich naiv. Die Vorstandschefs können gar nicht, selbst wenn sie wollten. Sie sind einzig ihren Aktionären verpflichtet, nicht dem Gemeinwohl.

Und deshalb fordern sie Politiker auf, Vorgaben zu beschließen, die dazu führen, dass auch die Mitbewerber höhere Standards einhalten müssen. Es klingt fast unglaublich, aber acht von zehn Managern aus der Wirtschaft wünschen sich "radikalere Vorgaben von der Politik", ergab eine Umfrage der Vereinten Nationen und der Unternehmensberatung Accenture unter 1.000 Konzernchefs aus 100 Ländern.

Die Agrarwende wird ebenso wie die Energiewende voranschreiten. Und auch an der Verkehrswende führt kein Weg vorbei, wenn wir unsere Zusagen beim Klimaschutz ernst nehmen. Bürgerinnen und Bürger demonstrieren, engagieren sich und klagen vor Gericht. Das setzt Politiker sowie Auto-, Energie- und Giftkonzerne unter Druck. Und das macht sich schließlich auch an der Börse bemerkbar.

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