Sobald erhebliche Mittel für die CO2-Entnahme bereitgestellt werden müssen, wird es Verteilungskonflikte geben. (Bild: Barna Tankó/​Shutterstock)

Letztes Jahr war die Durchschnittstemperatur auf der Welt 1,48 Grad höher als vor Beginn der industriellen Revolution. Das lag auch am Wetterphänomen El Niño. Aber auch ohne El Niño wird die Klimaerwärmung in absehbarer Zeit ähnliche Werte erreichen und wahrscheinlich auch das 1,5-Grad-Limit des Paris-Abkommens übersteigen.

Laut dem Weltklimarat IPCC ist es immer noch möglich, die Erwärmung bis zum Jahr 2100 auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch fast alle Emissionspfade, die dies ermöglichen, gehen zwischendurch von einem "Überschießen" (englisch overshoot) bei diesem Ziel aus.

Zeitweise wäre die CO2-Konzentration in der Atmosphäre für 1,5 Grad also zu hoch und müsste dann durch die Entnahme von CO2 wieder reduziert werden. Für letzteres gibt es verschiedene Methoden, vom Aufforsten bis zum Herausfiltern von CO2 aus der Luft. Doch alle diese Methoden kosten Geld.

Das aktuelle Klimaziel der meisten Länder von netto null Emissionen ist daher nicht die eigentliche Ziellinie, sondern nur ein Zwischenziel, wenn sie es mit 1,5 Grad ernst meinen. Denn im Fall des Überschießens müssen erst netto null und dann negative Emissionen erreicht werden.

Das zwinge der Menschheit "eine unangenehme Debatte" auf, schreiben die Autoren einer neuen Studie im Fachjournal One Earth. Denn negative Emissionen bedürften einer gesellschaftlichen Entscheidung. Gesellschaften müssten sich darauf einigen, dass eine Erwärmung um mehr als 1,5 Grad unerwünscht ist, und dann die erforderlichen Maßnahmen ergreifen.

Nur mit Steuergeld

Noch fehle dafür aber die wissenschaftliche Grundlage. Damit sich die Menschen nicht einfach mit dem Übertreten des 1,5-Grad-Limits abfinden, müsse die Klimawissenschaft zeigen, "welche Folgen und Risiken durch einen Temperaturrückgang vermieden würden" im Vergleich zu einem Verbleib auf dem einmal erreichten Niveau.

Die Klimawissenschaften sollen also nachvollziehbar darlegen, welche Vorteile ein Absenken der Temperatur bringt, um den Aufwand und die ökologischen Risiken zu rechtfertigen.

Um die Erwärmung um 0,1 Grad zu reduzieren, müssen der Atmosphäre laut der Studie 200 Milliarden Tonnen CO2 entzogen werden. Das entspricht den aktuellen CO2-Emissionen von fünf Jahren. Das klingt auf den ersten Blick machbar, da die CO2-Entnahme ja über einen längeren Zeitraum erfolgen kann.

Hinzu kommt allerdings die CO2-Entnahme, die erforderlich ist, um die Restemissionen auszugleichen, denn "netto null" bedeutet ja, dass es noch Emissionen gibt, die durch CO2-Entnahme kompensiert werden. Und auch die Emissionen von anderen Treibhausgasen wie Methan oder Lachgas müssen durch CO2-Entnahmen ausgeglichen werden.

Die Menschheit muss also schon für netto null Emissionen erhebliche Mengen an CO2 aus der Atmosphäre holen und müsste das für negative Emissionen in einem noch sehr viel größeren Umfang tun.

Die Kosten für die CO2-Entnahme zur Kompensation der Restemissionen lassen sich –  zumindest theoretisch – auf die Verursacher der Restemissionen umlegen. Anders sieht das bei den Kosten für negative Emissionen aus: Das erfordere "unweigerlich öffentliche Gelder", so die Autoren.

Um nach einem Überziehen des 1,5-Grad-Limits die Temperatur wieder abzusenken, müssen also Steuermittel bereitgestellt werden.

Viel Konfliktpotenzial

Und da könnte schließlich der Knackpunkt liegen: Denn selbst wenn alle technischen und ökologischen Probleme für eine CO2-Entnahme im großen Stil gelöst werden können, "sind die Herausforderungen für die wirtschaftliche und politische Durchführbarkeit beträchtlich, nicht zuletzt wegen der grundlegenden Verteilungskonflikte".

Anschaulich machen das die aktuellen Proteste der Bauern. Sie leisten massiven Widerstand gegen die Abschaffung einer relativ geringfügigen Subvention. Welcher Politiker traut sich da, einen substanziellen Teil des Haushalts für CO2-Entnahmen zur Verfügung zu stellen?

Noch schwieriger könnte es auf internationaler Ebene werden, denn Investitionen in die CO2-Entnahme nutzen allen Ländern und nicht nur dem Land, das dieses Geld bereitstellt. "Es ist daher denkbar, dass es bei der UN-Klimakonferenz im Jahr 2050 um die Frage geht: Wer macht wie viel CO-Entnahme und wer bezahlt dafür?", sagt der Soziologe Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik, einer der beiden Autoren der Studie.

Dabei werden manche Länder argumentieren, dass sie mit dem erhöhten Temperaturniveau zufrieden sind und gar keine CO2-Entnahme wollen. Länder mit wenig historischen Emissionen werden fordern, dass die Industriestaaten und China ihre "CO2-Schulden" abtragen, indem sie die CO2-Entnahme finanzieren.

 

Was in den Emissionspfaden des IPCC so einfach aussieht, könnte sich also als nahezu unmöglich herausstellen: Rein physikalisch kann die Menschheit die Klimaerwärmung nach einem Überschießen über die 1,5 Grad zwar wieder reduzieren, aber ob sie dazu als Gesellschaft auch in der Lage ist, ist nicht sicher.

Daher sollte sie alles tun, um ein Überschießen zu vermeiden oder zumindest so gut wie irgend möglich zu begrenzen.

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