Was wir tun müssen, damit die Zivilisation an den Grenzen des Wachstums nicht kollabiert

Von wegen Untergangspropheten: Die letzten Jahrzehnte decken sich gut mit dem, was der Club of Rome in den 1970ern in dem Buch "Die Grenzen des Wachstums" prognostiziert hat. Eine neue Untersuchung auf Basis seines Modells zeigt: Das Wachstum endet sowieso. Was das für die Gesellschaft bedeutet, haben wir aber in der Hand. Noch.


Kupfermine
Kupfermine: Auch wenn genügend Rohstoffe für ein weiteres Wachstum da sein sollten, scheitert business as usual am Ausstoß von Treibhausgasen und Schadstoffen. (Foto: Neta623/Pixabay)

Es war ein Bestseller in den Siebzigern: 30 Millionen Mal wurde das Buch "Die Grenzen des Wachstums" verkauft – ein Buch über ein Computermodell. Der Club of Rome hatte Forscher von der US-Universität MIT beauftragt, das erste dynamische Modell der Erde und der Gesellschaft zu entwickeln.

Die Resultate waren erschreckend: Im "Weiter-so-Szenario" kam es um das Jahr 2050 zu einem Kollaps der Zivilisation. Die Produktion von Gütern und Nahrungsmitteln brach massiv ein und die Weltbevölkerung ging um mehr als ein Drittel zurück.

Die Autoren brauchten nicht lange auf Kritik zu warten. Das Computermodell, World 3, unterschätze den technischen Fortschritt und komme wegen des fehlenden Preismechanismus zu unrealistischen Ergebnissen.

Seither sind fast 50 Jahre vergangen. "Mittlerweile haben wir mehrere Jahrzehnte mit empirischen Daten, was einen Vergleich (mit dem ursprünglichen Modell) sinnvoll macht", sagt Gaya Herrington, Nachhaltigkeitsanalystin bei der Beratungsfirma KPMG in den USA.

Doch das letzte Mal, dass ein solcher Abgleich erfolgte, liegt schon wieder mehrere Jahre zurück. Und so entschied Herrington, einen neuen Anlauf zu nehmen, und publizierte schließlich eine Studie im Wissenschaftsmagazin Yale Journal of Industrial Ecology.

Dabei zeigte sich, dass das ursprüngliche Modell tatsächlich zu pessimistisch war: Auf der Erde gibt es deutlich mehr Rohstoffe, als im Business-as-usual-Szenario (BAU) angenommen wird. In diesem "Weiter-so-Szenario" führte ein Mangel an Rohstoffen zum Kollaps.

Szenario Beschreibung Verlauf
Weiter-so (BAU) Basis­szenario Kollaps wegen Rohstoff­mangel
Rohstoffreich (BAU2) wie BAU, aber mit der doppelten Menge an Rohstoffen Kollaps wegen zu großer Umwelt­schäden
Tech-Szenario (CT) wie BAU2, aber mit viel schnellerem technischen Fortschritt Rückgang der Industrie­produktion, aber kein Kollaps
Stabile Welt (SW) wie CT, aber mit fundamentalem Werte­wandel Stabilisierung auf hohem Niveau
Die vier Szenarien (aus der Studie): Das Weiter-so-Szenario kommt wohl nicht, aber nur den Rohstoffdurchsatz zu erhöhen wird auch nicht gehen.

Herrington fand heraus: Die tatsächliche Entwicklung gleicht am ehesten einem Weiter-so-Szenario mit doppelt so vielen Rohstoffen (BAU2) sowie einem Szenario mit außerdem "sehr optimistischen Annahmen", was den technischen Fortschritt angeht (CT).

Ein Grund zur Entwarnung ist das allerdings nicht, denn auch im rohstoffreichen BAU2-Szenario kommt es um das Jahr 2040 zum Kollaps (siehe Grafik unten).

Der Grund dafür ist aber ein anderer. Die Ursache für den Kollaps "verschiebt sich vom Rohstoffmangel zu einer Verschmutzungskrise", so Herrington. Die Kurve für die Verschmutzung, gemessen an CO2 in der Atmosphäre und Plastik in der Umwelt, steigt denn auch exponentiell an.

Etwas besser sieht es in dem optimistischen Tech-Szenario aus. Auch dort geht die Industrieproduktion deutlich zurück, aber die Agrarproduktion und die Weltbevölkerung stabilisieren sich. Wachstum gibt es aber auch in dieser Welt nicht mehr.

Herrington: "Beide Szenarien zeigen, dass kontinuierliches Wachstum nicht möglich ist." Die Welt stünde somit kurz vor dem Höhepunkt ihrer Wirtschaftsleistung. In Anlehnung an den Begriff "Peak Oil" könnte man daher von "Peak BIP" sprechen.

"Wozu überhaupt das Tech-Szenario verfolgen?"

Jetzt einfach auf technischen Fortschritt zu setzen sei allerdings kurzsichtig, meint Herrington. Erstens seien die Annahmen des Tech-Szenarios wohl "unrealistisch" und zweitens sei eine andere Frage entscheidend: "Wollen wir überhaupt das Tech-Szenario verfolgen?"

Denn, so die Analystin: "Warum sollten wir unsere Innovationskraft nutzen, um Bestäubungsroboter zu erfinden, die die Bienen ersetzen, wenn wir auch die Möglichkeit haben, landwirtschaftliche Verfahren zu erfinden, die ohne die Nebenwirkungen von Insektiziden auskommen?"

Das erstrebenswerteste Szenario ist denn auch ein viertes, das "Stabile-Welt-Szenario" (SW). Es ist das einzige Szenario, bei dem die Industrie- und die Agrarproduktion sowie die Weltbevölkerung auf hohem Niveau stabil sind.

Kurvendiagramme: In den Weiter-so-Szanarien tritt um 2040 ein Zivilisationskopllaps ein, im Stabile-Welt-Szenario nicht.
Das Computermodell World 3 prognostiziert für das Weiter-so-Szenario, aber auch für ein Szenario mit doppelter Ressourcen­verfügbarkeit einen Kollaps unserer Zivilisation um das Jahr 2040. (Grafiken: Gaya Herrington)

Das Szenario beruht auf der Annahme, dass sich die Prioritäten der Weltgemeinschaft fundamental verändern. Statt immer mehr materiellen Wohlstand anzuhäufen, müsste die Menschheit ernsthaft das Ziel der UN-Biodiversitätskonvention anstreben: ein Leben "in Harmonie mit der Natur".

"Da das Stabile-Welt-Szenario die geringsten Rückgänge aufweist, sollten wir nicht nur auf die technologischen, sondern auch auf die 'sozialen Kipppunkte' setzen", meint Herrington.

Noch sind wir allerdings nicht auf dem Pfad des stabilen Szenarios. Im Gegenteil: Von allen vier Szenarien deckt sich dieses am wenigsten mit den Beobachtungsdaten der letzten 50 Jahre.

Die Menschheit hat also die Wahl. In allen vier Szenarien erreichen wir in wenigen Jahren die Grenzen des Wachstums, "Peak BIP". Wie es anschließend weitergeht, ist allerdings offen: Von Kollaps bis Stabilisierung nahe dem Höhepunkt ist alles drin.

Herrington: "Noch ist ein bewusster Kurswechsel möglich, zu einem anderen Ziel als dem des Wachstums. Aber dieses Möglichkeitsfenster schließt sich schnell."

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