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Ein Booster für CO₂-Entnahme-Technologien

Kaum jemand investiert in Technologien zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre, weil die sehr teuer sind. Um die Preise zu senken, müsste die Politik Anreize schaffen, vielleicht auch mit unkonventionellen Mitteln. So war es jedenfalls bisher, wenn die Wirtschaft technologisch gegen die Menschheit gewettet hat.


CCS
CCS-Anlage an einem Kohlebergwerk in den USA: Private Milliardeninvestitionen sollen CO2-Speichertechnologien jetzt aus der Nische holen. (Foto: Peabody Energy/​Wikimedia Commons)

Am Anfang der Energiewende stand eine selbsterfüllende Prophezeiung, die das Projekt beinahe zum Scheitern gebracht hätte.

In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts waren Solar- und Windkraftanlagen noch sehr teuer. Zu teuer, fand die Wirtschaft, und besiegelte damit, dass das auch erst mal so blieb. Kaum jemand kaufte die Anlagen, also investierten die Hersteller nicht in größere Werke, wodurch die Kosten gesunken wären.

Dass die Energiewende schließlich doch anlief, dafür sorgten Deutschland, Dänemark und Spanien. Diese Länder gewährten Investoren anfangs sehr hohe Einspeisevergütungen, sodass sich Investitionen in Solaranlagen und Windräder trotz der hohen Anschaffungskosten lohnten.

Dank der gestiegenen Nachfrage weiteten die Hersteller dann ihre Produktion aus und konnten spektakuläre Kostensenkungen erzielen. Heute ist Strom aus Sonne und Wind 90 Prozent respektive 60 Prozent billiger als noch im Jahr 2010

Ein solches Problem der selbsterfüllenden Prophezeiung droht auch bei der technischen CO2-Entnahme aus der Luft. Diese ist möglich, indem Luft durch einen Filter geblasen wird, der das CO2 bindet. Ist der Filter gesättigt, wird er erhitzt und gibt das CO2 wieder frei. Dieses konzentrierte CO2 kann man dann unterirdisch verpressen. 

Die Technologie ist unter dem Namen DACCS bekannt, zusammengesetzt aus DAC für Direct Air Capture und CCS für Carbon Capture and Storage. Dieses Verfahren nutzt die Schweizer Firma Climeworks derzeit in Island, wo sie mit einer Versuchsanlage 4.000 Tonnen CO2 pro Jahr aus der Luft filtert.

Die Kosten sind aber mit rund 600 US-Dollar pro Tonne noch viel zu hoch. Und genau aus diesem Grund gibt es auch keine nennenswerte Nachfrage nach den Climeworks-Anlagen. Damit bleiben diese Anlagen handgefertigte Unikate und somit sehr teuer.

Google und Facebook machen CCS zum Geschäftsmodell

Dieses Problem will nun ein neuer Fonds lösen: Frontier. Dieser verspricht, bis 2030 für 925 Millionen Dollar CO2 zu kaufen, das sicher im Boden gespeichert wurde.

 

Hinter Frontier stecken vor allem Internetkonzerne wie der Zahlungsabwickler Stripe, Alphabet (Google), Meta (Facebook) sowie die Unternehmensberatung McKinsey. Sie wollen so einen Markt für sicher gespeichertes CO2 schaffen, das direkt aus der Atmosphäre entnommen wurde.

Das ermöglicht Firmen wie Climeworks und deren Kunden, zu planen, denn jetzt gibt es zumindest einen größeren Kunden für gespeichertes CO2. Das Modell ist als Advance Market Commitment (AMC) bekannt und ist letztlich eine Selbstverpflichtung, ein Produkt zu kaufen, das es noch nicht gibt oder dessen Preis noch unbekannt ist.

Entwickelt wurde das AMC-Modell wiederum von Regierungen, allerdings nicht für den Klimaschutz. Im Jahr 2009 wollten fünf Regierungen sowie die Gates-Stiftung ein ähnliches Preisproblem lösen: Pharmakonzerne investierten nicht in Impfstoffe für arme Länder, weil sie damit keine Gewinne machen konnten.

Daher wurde ein Fonds geschaffen, aus dem ein Impfstoff gegen Pneumokokken subventioniert wird. Wenn Firmen wie Pfizer und Glaxo-Smith-Kline diesen herstellen und zu Selbstkosten an Entwicklungsländer abgeben, bekommen sie aus dem Fonds einen garantierten Gewinn pro Impfdosis bezahlt.

Damit wurde die Produktion lukrativ, und mittlerweile sollen in den Entwicklungsländern gleich viele Menschen gegen Pneumokokken geimpft worden sein wie in den Industriestaaten. Bis zum Jahr 2020 wurden so nach Angaben der Initiatoren 700.000 Menschenleben gerettet. Alternative Impfstoffe werden allerdings nicht berücksichtigt.

Darauf hat die Industrie gewartet

Doch zurück zur CO2-Entnahme: Auch für die DACCS-Konkurrenztechnologie BECCS gibt es mittlerweile zumindest ein nationales AMC-Programm. Bei BECCS wird Bioenergie wie zum Beispiel Plantagenholz verbrannt, das dabei entstehende CO2 wird dem Rauch entzogen und unterirdisch verpresst.

Auch so soll der Atmosphäre CO2 entzogen werden. Um den Hochlauf dieses Verfahrens zu beschleunigen, kauft nun Schweden jedes Jahr für 190 Millionen Dollar CO2, das im Boden gebunden ist.

Dass solche "negativen Emissionen" erforderlich sind, ist wenig umstritten. Der Weltklimarat IPCC schreibt in seinem neuesten Bericht: CO2-Entnahme "zum Ausgleich von schwer abbaubaren Restemissionen ist unvermeidlich, wenn netto null CO2-Emissionen erreicht werden sollen".

Anders lassen sich die Netto-Null-Ziele demnach nicht erreichen. Zusätzlich wäre CO2-Entnahme auch eine Rückversicherung, falls sich das Klima um mehr als 1,5 Grad erwärmt und anschließend wieder unter diesen Wert gebracht werden soll.

Das AMC-Modell könnte aber auch bei anderen Technologien zum Einsatz kommen, wie bei "grünem" Stahl und Beton. Bei der UN-Klimakonferenz letztes Jahr in Glasgow haben fünf Länder, darunter Deutschland, angekündigt, in Zukunft für die öffentliche Hand solche "grünen" Baustoffe zu kaufen.

Der damalige britische Vizewirtschaftsminister Martin Callanan sagte: "Um den Bausektor zu dekarbonisieren, müssen wir neue Nachfrage nach CO2-armen Materialien schaffen, was die Dekarbonisierung der gesamten Lieferkette gewährleistet."

Und genau darauf scheint die Industrie gewartet zu haben: "Ein umweltfreundliches öffentliches Beschaffungswesen stärkt den Business Case für mehr Investitionen in Technologien der nächsten Generation", sagte damals Jan Jenisch, der Chef des Schweizer Zementkonzerns Holcim.

Es hat sich wiederholt gezeigt: Ein – meist staatlicher – Anreiz kann helfen, um die Selbsterfüllung von Konzern-Prophezeiungen zu verhindern, die das Wohlergehen der Menschheit infrage stellen.

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