Mit einer landesweiten Baumpflanzaktion geht Kenia gegen Waldverlust und Klimawandel vor. (Bild: Office of the President of the Republic of Kenya)

100 Millionen Bäume sollten am vergangenen Montag in Kenia für mehr Klimaschutz gepflanzt werden. An einem extra dafür eingeführten Feiertag war die gesamte Bevölkerung des ostafrikanischen Landes aufgerufen, sich an der Aktion zu beteiligen.

Die einzige Möglichkeit, die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern, bestehe darin, Bäume zu pflanzen und Wälder und Wasserquellen zu schützen, sagte Präsident William Ruto bei der Aktion. In Kenia ist die Waldfläche auf weniger als acht Prozent der Landesfläche geschrumpft.

Es ist bekannt, dass gerade in den Tropen der Waldverlust immens ist. Dabei können Wälder viel CO2 speichern und so dem menschengemachten Klimawandel entgegenwirken.

Laut einer neuen Studie in der Zeitschrift Nature könnte in Wäldern deutlich mehr CO2 gespeichert werden, als es zurzeit der Fall ist. Als Zahl nennt das internationale Forschungsteam 226 Milliarden Tonnen. Zum Vergleich: Jährlich werden durch menschliche Aktivitäten 40 Milliarden Tonnen ausgestoßen.

Würde dieses zusätzliche Speicherpotenzial der Wälder voll ausgenutzt, könnten damit also theoretisch die gesamten CO2-Emissionen von etwa fünf Jahren ausgeglichen werden. Das Wiederherstellen von degradierten Wäldern kann laut der Studie etwa 60 Prozent von den 226 Milliarden Tonnen abdecken. Die restlichen 40 Prozent sollen durch das Aufforsten entwaldeter Flächen möglich sein.

Um das zu erreichen, wird in der Studie vorgeschlagen, degradierte Wälder zu Schutzgebieten zu machen. So sollen sich die Wälder auf natürliche Weise erholen. Eine Degradierung, also "Herabsetzung" von Wäldern, entsteht durch nicht nachhaltige Nutzung. Der Wald verwandelt sich durch Übernutzung in Busch- und Grasland, schlimmstenfalls sogar in Wüste.

Die Böden sind dann nicht mehr durch Vegetation vor Wind- und Wassererosion geschützt, Erdschichten werden abgewaschen oder fortgeweht. Das gesamte errechnete CO2-Speicherpotenzial könne nur in Wäldern mit einer natürlichen Artenvielfalt erreicht werden, heißt es in der Studie.

In der CO2-Kalkulation sind auch Boden und Totholz enthalten. Wird beispielsweise in degradierten Wäldern die Humusschicht durch Erosion abgetragen, geht der darin gespeicherte Kohlenstoff verloren. Wenn auf der Fläche wieder ein Wald wächst, kann sich auch die Humusschicht langsam wieder aufbauen und CO2 speichern.

Auch Plantagen wie die brandenburgischen Kiefern-Monokulturen haben eine geringere CO2-Speicherkapazität als der Wald, der auf diesen Flächen natürlicherweise wächst. Plantagen sollten laut der Studie in Mischwälder umgebaut werden.

Teils unrealistische Annahmen

An der Studie gibt es aber auch Kritik. So seien natürliche und klimawandelbedingte Störungen in Wäldern nicht ausreichend berücksichtigt worden. Durch Waldbrände, Stürme und Insekten komme es immer häufiger zu einer sehr schnellen Zerstörung größerer Waldgebiete. Dann werde auch das im Wald gespeicherte CO2 wieder freigesetzt, argumentieren andere Forscher:innen.

Demgegenüber dauere die angenommene Speicherung von CO2 sehr lange. Die Bäume müssten über Jahrzehnte hinweg CO2 in Biomasse umwandeln. Dies führten dazu, dass das von der Studie angegebene Potenzial zur Kohlenstoffspeicherung niemals ausgeschöpft werden könne. Gerade Waldbrände würden mit dem Klimawandel durch häufigere Hitze- und Dürreperioden zunehmen. Auch das sei bei der Berechnung des CO2-Speicherpotenzials in der Studie nicht berücksichtigt worden, so die Kritik.

Christian Körner vom Institut für Botanik der Universität Basel, der nicht an der Studie beteiligt war, schlägt als Lösung die nachhaltige Nutzung von Wäldern vor: "Nachhaltige Waldnutzung ist langfristig der viel effizientere Weg, einen forstlichen Beitrag für die Lösung des CO2-Problems zu leisten, als Wald außer Nutzung zu stellen – und dabei das Risiko einzugehen, dass Feuer, Sturmschäden oder Dürre das angesparte CO2-Kapital in kürzester Zeit vernichten", sagte Körner. Das bedeute aber nicht, dass alle Wälder genutzt werden sollten, betonte er.

Den gleichen Vorschlag hat Markus Reichstein vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena, ebenfalls kein Mitautor. Zusätzlich sieht er in der langfristigen Nutzung von Holz als Baumaterial für Häuser oder Möbel eine weitere Möglichkeit, CO2 zu kompensieren: "Eine alternative, weniger riskante und möglicherweise ökonomisch wertschöpfende Strategie ist nachhaltige Bewirtschaftung und langlebige Verwendung von Holzprodukten, die damit dem Kohlenstoffkreislauf entzogen sind."

Die Studie sieht das Potenzial für die Kohlenstoff-Speicherung in Wäldern durch deren Nutzung als begrenzt an, da Holz auch eine klimapolitische Bedeutung als Ersatz für fossile Brennstoffe und für Beton habe. Die Autor:innen betonen, dass eine verringerte Nutzungsintensität bei bewirtschafteten Wäldern ebenfalls einen Vorteil für das Klima mit sich bringen kann.

Waldschutzgebiete mit Konfliktpotenzial

"Die Ergebnisse dieser Studie könnten genutzt werden, wenn es um die Ausweisung zukünftiger Schutzgebiete geht", meint Florian Zabel vom Department für Geographie der Uni München, auch er nicht an der Studie beteiligt. Er spielt damit auf das Kunming-Montreal-Abkommen an, das vorsieht, 30 Prozent der weltweiten Landfläche bis 2030 unter Schutz zu stellen. "Hier könnten Regionen mit einem hohen Potenzial zur Kohlenstoffspeicherung, also einer großen Klimaschutzwirkung, von besonderer Bedeutung sein", schlägt Zabel vor.

Ein großer Teil der degradierten Wälder, die als Schutzgebiete ausgewiesen werden könnten, liegt in den Tropen. Zabel sieht hier ein politisches Problem: "Dies wirft die Frage auf, ob und in welcher Art und Weise diese Regionen mit Kompensationszahlungen unterstützt werden können oder sollten." Denn je nach Schutzstatus könnten die Wälder dann nur noch wenig oder gar nicht mehr genutzt werden.

Das Ausweisen von Schutzgebieten in den Tropen würde also Entwicklungsländer ökonomisch treffen. Ein Vorschlag in der Studie zielt deshalb auf den Ausbau des Ökotourismus, um auf andere Weise Geld in die Regionen fließen zu lassen.

Ein weiterer Kritikpunkt an der Studie ist, dass sie den zukünftigen Landnutzungsdruck nicht berücksichtigt. Wo die Bevölkerung wächst, werde möglicherweise Wald in Ackerland umgewandelt, um Lebensmittel anbauen zu können. Das verringere die Waldfläche und damit das CO2-Speicherpotenzial.

Die Studie schlägt hier allerdings vor, in der Nahrungsmittelerzeugung nachhaltige Anbauweisen wie Agroforstwirtschaft wieder stärker zu nutzen. Dadurch könnten sowohl mehr Emissionen gebunden als auch Nahrungsmittel angebaut werden.

Nicht die erste gehypte Aufforstungs-Studie

Die weiteren rund 40 Prozent des CO2-Speicherpotenzials sollen laut der Studie durch Aufforstung und das Wiederzusammenfügen von Waldfragmenten erreicht werden, und zwar in Gebieten, die kaum von Menschen genutzt werden. Siedlungsgebiete oder Flächen zum Anbau von Lebensmitteln sind wegen der zu erwartenden Landnutzungskonflikte aus der Rechnung ausgenommen.

"Aufforstung von brach liegendem, waldfähigem Land ist ökologisch absolut wünschenswert", findet auch Christian Körner. Er gibt aber zu bedenken, dass Aufforstungsmaßnahmen das CO2-Potenzial nur sehr langsam heben können. "Mit den hier berechneten, maximal möglichen Vorräten ist wohl erst in 100 bis 200 Jahren zu rechnen."

Diesen Punkt bemängelt auch Markus Reichstein, und das in Bezug auf die gesamte Untersuchung: "Die Studie berücksichtigt nicht, wie lange es dauert, bis das Potenzial erreicht werden kann. Dies ist natürlich eine entscheidende Größe, wenn es darum geht, in den nächsten Jahrzehnten den Klimawandel zu bekämpfen. Insofern suggeriert das Kohlenstoffpotenzial der Studie mehr, als in begrenzter Zeit möglich ist."

Aufgeforstete und wiederhergestellte Wälder können also langfristig einen Teil des CO2 binden, nicht aber die heutigen CO2-Emissionen schnell im großen Maßstab kompensieren und damit den Klimawandel aufhalten.

Die Autor:innen der Studie betonen zwar, dass das Klimaschutzpotenzial von Wäldern nicht als Argument gegen die Verringerung von Treibhausgasen missverstanden werden dürfe. Sie fordern auch, den weiteren Verlust von Wäldern so schnell wie möglich zu stoppen, um diese als CO2-Senke und Raum für Biodiversität zu erhalten.

Ob das bei Medien, Politik und Öffentlichkeit so ankommt, ist aber nicht sicher. Eine ähnliche Studie desselben Kernteams um Thomas Crowther von der ETH Zürich hatte vor vier Jahren zu übertriebenen Berichten über die Möglichkeiten von Aufforstung geführt.

Auch in Kenia wird die CO2-Bindung durch neue Bäume nur langsam über Jahrzehnte passieren. Mit den jetzt gepflanzten Bäumen soll dort aber nicht nur CO2 aus der Luft geholt, sondern auch das lokale Klima verbessert und die jetzt schon spürbare Wirkung des Klimawandels abgemildert werden.

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