Klimaforscher:innen wie Julia Pongratz zeigen sich öffentlich meist beherrscht und betonen beim Klimaschutz eher die guten Nachrichten als das allzu Pessimistische. Bei der diesjährigen Medienpräsentation des Global Carbon Project bricht der Ärger dann doch aus Pongratz heraus.

Schockiert habe sie an den neuen Zahlen, dass der Flugverkehr letztes Jahr um 28 Prozent zugenommen hat. "Ich habe gedacht, aus der Pandemie hätten wir gelernt, dass man nicht so viel fliegen muss, Meetings anders gestalten kann im Berufsleben, auch privat mit Alternativen auskommt", sagt Pongratz, die an der Uni München forscht. "Dass diese Chance verpasst ist, finde ich wirklich traurig."

 

Die Geowissenschaftlerin ist Mitautorin des neuesten Berichts über die globale CO2-Bilanz. Mehr als 120 Wissenschaftler:innen aus 96 Organisationen haben an der inzwischen 18. Ausgabe des Reports mitgewirkt, der heute im Fachjournal Earth System Science Data erschienen ist.

Und tatsächlich sind positive Nachrichten auch mit der Lupe kaum zu finden. 2023 werden die weltweiten CO2-Emissionen 40,9 Milliarden Tonnen betragen, sagen die Daten. 90 Prozent davon (36,8 Milliarden Tonnen) stammen aus der Nutzung fossiler Brennstoffe. Für die restlichen zehn Prozent (4,1 Milliarden Tonnen) sind Landnutzungsänderungen verantwortlich, also zum Beispiel zerstörte Wälder oder trockengelegte Moore.

Gegenüber 2019 – der Vor-Pandemie-Zeit – haben die CO2-Emissionen aus fossiler Verbrennung um 1,4 Prozent zugenommen. Die landnutzungsbedingten Emissionen gingen leicht zurück, allerdings sind die Zahlen hier sehr unsicher, räumt der Bericht ein. Die errechnete Schwankungsbreite der Emissionen aus Landnutzung liegt bei mehr als der Hälfte der angegebenen CO2-Menge.

"Trauriger Rekord" bei CO2 aus Kohle, Öl und Gas

Zu beachten ist: Das Global Carbon Project befasst sich mit dem wichtigsten Treibhausgas, dem Kohlendioxid. Rechnet man weitere Treibhausgase wie Methan, Lachgas oder sogenannte F-Gase hinzu, lagen die gesamten klimawirksamen Emissionen laut dem kürzlich veröffentlichten "Emissions Gap Report" 2022 bei 57,4 Milliarden Tonnen CO2‑Äquivalent – ein Allzeithoch.

Kurvendiagramm: Die globalen CO2-Emissionen sind seit 1960 stetig angestiegen, jeweils kurz unterbrochen von Wirtschaftskrisen.
Die globalen CO2-Emissionen steigen 2023 erneut an, und zwar um 1,1 Prozent, womit die fossilen CO2-Emissionen einen Rekordwert erreichen und um 1,4 Prozent über den Vor-Covid-Werten von 2019 liegen. (Bild: aus der Studie)

Den weitaus größten Anteil daran haben die fossilen Emissionen. Sie sind derzeit so hoch wie nie zuvor. Von einem "traurigen Rekord" spricht Mitautorin Judith Hauck, Geowissenschaftlerin am Alfred-Wegener-Institut, bei der Präsentation.

Beigetragen zu dem fossilen Allzeithoch haben 15,4 Milliarden Tonnen CO2 aus Kohle, 12,1 Milliarden aus Erdöl und 7,8 Milliarden aus Erdgas sowie 1,6 Milliarden Tonnen aus der Zementherstellung. Alle diese Sektoren verzeichnen steigende Emissionen.

Nicht alles davon bleibt in der Atmosphäre. Nach wie vor nehmen Ozeane und Landmassen freundlicherweise rund die Hälfte der menschengemachten CO2-Emissionen auf. Natürliche Senken gäben einen 50-prozentigen Rabatt auf den Klimawandel, so formuliert es Pongratz.

Letztlich verbleiben in diesem Jahr laut dem Global-Carbon-Bericht um die 19 Milliarden Tonnen CO2 in der Luft. Diese Menge liegt im Trend der letzten Jahre. Das neu in die Atmosphäre entlassene Kohlendioxid wird die CO2-Konzentration in der Luft dieses Jahr voraussichtlich um weitere 2,4 ppm auf den neuen Rekordwert von 419,3 ppm hochschrauben.

Langsamer steigende Emissionen

Positives betrifft nur eine Minderheit der Staaten. In 26 Ländern, die zusammen knapp 30 Prozent der weltweiten Emissionen ausmachen, seien die Emissionen rückläufig und in anderen Ländern verlangsame sich der Emissionsanstieg, lobt Mitautorin Hauck. Das reiche aber nicht aus, um das Wachstum der Emissionen aus fossilen Brennstoffen umzukehren, stellt sie klar.

Unter den Ländergruppen stellt der Bericht dabei Verschiebungen fest, die auf dem derzeitigen Klimagipfel in Dubai nicht unbemerkt bleiben dürften. So übertraf Indien 2022 mit jährlichen CO2-Emissionen von 3,1 Milliarden Tonnen erstmals die Europäische Union (2,6 Milliarden Tonnen).

In China stiegen im gleichen Jahr die fossilen Emissionen um etwa vier Prozent auf heute knapp zwölf Milliarden Tonnen. Nahezu ein Drittel des gesamten fossilen CO2 stammt damit inzwischen aus dem Reich der Mitte.

Wegen des ungebrochen hohen Emissionsniveaus wird es immer unwahrscheinlicher, dass das 1,5-Grad-Limit der Erderwärmung noch irgendwie eingehalten werden kann. Die entsprechenden Kurven der dazu nötigen CO2-Senkung fallen immer steiler ab.

Um die 1,5-Grad-Grenze auch nur mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit einzuhalten, bleibt der Welt noch ein CO2-Budget von 275 Milliarden Tonnen, sagt der Bericht. Noch vor 2040 müsste dann die Netto-Null bei den Emissionen erreicht werden.

"Es scheint unausweichlich, dass wir das 1,5-Grad-Limit überschreiten", erklärt Judith Hauck dazu. Auf der laufenden Klimakonferenz müssten sich mehr Länder stärker dem Klimaschutz verschreiben, auch Deutschland und Europa müssten mehr tun, so Hauck. Sie verlangte aber auch von Schwellenländern wie China und Indien eine Trendwende.

"Wir sind nicht auf einem Low-Overshoot-Pfad"

In China haben die Pro-Kopf-Emissionen inzwischen europäisches Niveau erreicht, betont seinerseits Jan Minx vom Berliner Klimaforschungsinstitut MCC angesichts des Carbon-Berichts. In China ist für Minx nicht mehr das Bevölkerungswachstum das Problem, sondern der dortige Ausbau der fossilen Energien.

Minx ist selbst nicht am Bericht des Global Carbon Project beteiligt, ist aber einer der Leitautoren des sechsten Weltklimaberichts. Angesichts der neuen Emissionszahlen befürchtet Minx mehr als nur einen kleinen "Overshoot" auf die Menschheit zukommen, also eine mehr als nur geringe Überschreitung des 1,5-Grad-Limits. "Ich glaube, dass wir nicht mehr so richtig auf einem Low-Overshoot-Pathway sind, den noch der letzte Weltklimabericht ausgewiesen hatte", erklärt der Klimaforscher.

Die Kernbotschaft des neuen Carbon-Berichts lautet für ihn, kurz gefasst: Noch immer sind wir in einer Welt, in der die Emissionen weiter steigen. Das müssten wir ändern, und zwar kurzfristig, statt immer auf die langfristigen Trends zu schauen.

 

Julia Pongratz weist ihrerseits darauf hin, dass sich zumindest das Wachstum der fossilen Emissionen abflacht. Das sei die gute in den schlechten Nachrichten, findet sie. Ob 2023 aber bereits das allseits gewünschte Jahr des fossilen Peaks sein werde, werde man erst fünf Jahre nach dem Peak wissen, bremst sie allzu große Hoffnungen. Und gerade bei den Emissionen aus der Landnutzung gebe es große Unsicherheiten. Gute Nachrichten sind eben rar gesät.

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Sind wir dumm? 

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