Eine digitale Kopie der Welt löst keine Probleme

Eine digitale Kopie unserer Welt kann nach Ansicht des Komplexitätsforschers Stefan Thurner helfen, Bedrohliches frühzeitig zu erkennen und politische Maßnahmen zu prüfen. Das in seinem Buch "Die Zerbrechlichkeit der Welt" beschriebene Konzept entspringt der Hoffnung auf technische Lösungen – mit all ihren Schwächen.


Frau mit aufgesetzter Datenbrille steht mit leicht ausgestreckten Händen vor einer schwarten Wand, die mit Programmiercode vollgeschrieben ist.
Führen mehr Daten zu mehr Problemverständnis und besseren Lösungen? (Foto: S. Hermann und F. Richter/​Wikimedia Commons)

Die Komplexität des Klimawandels droht uns zu überfordern. Doch auch das Finanzwesen, die Gesellschaft insgesamt und die planetaren Belange sind unübersichtlich geworden, was das Finden von Lösungen für zahlreiche damit verbundene Probleme immens erschwert.

Da lässt das Buch des österreichischen Komplexitätsforschers Stefan Thurner zur "Zerbrechlichkeit der Welt" zunächst hoffen, die Komplexität unserer zahlreichen Netzwerke besser zu verstehen. Thurners Erläuterungen, wie Gesellschaften als Netzwerke funktionieren und dabei im Guten wie im Schlechten Kipppunkte erreichen können – sogenannte tipping points, wie wir sie aus der Klimadiskussion ja schon bestens kennen – sind schlüssig.

Am Beispiel des Finanzsystems legt Thurner dar, wie uns eine digitale Kopie der Vorgänge auf unserer Welt – hier speziell der Finanztransaktionen und Kredite – seiner Ansicht nach helfen kann, bedrohliche Veränderungen frühzeitig zu erkennen sowie politische Maßnahmen vorab auf ihre Wirkungen hin zu prüfen.

Die zahlreichen in der Gesellschaft bestehenden Vorgänge nun digital darzustellen, würde allerdings ein immenses Datensammeln erfordern – und damit einen Anspruch auf größtmögliche Vollständigkeit von Daten, was nicht nur den Energieverbrauch hochtreibt, sondern auch Tendenzen zu Zwang und Autorität begünstigt.

Wir erleben das gerade im Gesundheitswesen. Praxen, Apotheken und Krankenhäuser werden gezwungen, sich an ein Datennetz, die sogenannte "Telematikinfrastruktur", anzuschließen, damit möglichst viele Gesundheitsdaten zentral in Clouds gespeichert und dann auch für die Forschung verwendet werden können.

Auch gibt es in der Medizin bereits das Modell des digitalen Patienten. Die Zeit schrieb dazu 2017: "Apps, die alles Mögliche über den Körper speichern, dazu das entzifferte Erbgut: Künftig könnte jeder einen digitalen Zwilling haben, der sich klaglos untersuchen lässt." Ob das wirklich heilen wird, ist noch nicht ausgemacht.

Menschen und Natur bleiben außen vor

Was bei dem Modell von Thurner völlig außen vor bleibt, ist der Mensch. Mit seinen Gefühlen, aber auch mit seiner Widersprüchlichkeit und Unberechenbarkeit. Wenn man etwa sieht, wie eine Greta Thunberg, plötzlich und zunächst unscheinbar aufgetaucht, eine Eigendynamik weltweit auslösen konnte, versagen hier jegliche digitalen Vorab-Berechnungen. Ähnliches gilt für die Terroranschläge auf New York, die sich gerade zum 20. Mal jährten und eine bis heute spürbare – negative – Veränderung der Weltpolitik bewirkt haben.

Porträtaufnahme von Andreas Meißner.
Foto: Mirko Milovanovic

Andreas Meißner

ist Psychiater und Psycho­therapeut, seit 2002 in München in eigener Praxis nieder­gelassen. Er publiziert zu psycho­logischen Aspekten in der Ökokrise. 2019 gründete er das Bündnis für Daten­schutz und Schweige­pflicht mit, in dem sich Ärzt:innen und Psycho­therapeut:innen kritisch mit der elektronischen Patienten­akte auseinander­setzen.

Und wo bleibt in diesem digitalen Modell eigentlich die Natur? Wie kann man darin einen schönen Mischwald, das weite Meer, das Zwitschern von Vögeln, das Wachsen von Getreide oder den Wechsel der Jahreszeiten darstellen? Mit all den natürlichen Notwendigkeiten, Grausamkeiten, aber auch Schönheiten.

Thurner spricht auch vom Klimawandel, dies jedoch sehr auf den Menschen bezogen, zudem ohne konkrete Lösungsvorschläge. Wie aber wollen wir die zahlreichen, hochkomplexen Ökosysteme in Big Data darstellen? Und was bringt das überhaupt?

Wie wäre es viel eher mit Demut, Innehalten und einem Besinnen auf den gesunden Menschenverstand (so dieser noch gesund ist), mit vielleicht noch vorhandener Intuition? Die besagen könnte, dass man sich besser nicht seiner Lebensgrundlagen beraubt und daher ein "Weniger ist mehr" angesagt ist – gerade auch in Sachen Technik und Digitalisierung, die ihrerseits viel Energie und Rohstoffe benötigen, damit den Klimawandel zusätzlich anheizen und daher wohlüberlegt und differenziert eingesetzt werden sollten.

Ich glaube, indigene Völker und alte Weisheiten könnten uns mehr über Wechselwirkungen in natürlichen Prozessen lehren, als es jemals durch Daten erfassbar sein wird.

Politik geht rasch zur Tagesordnung über

Zudem muss die Frage erlaubt sein, ob denn überhaupt jemand bereit ist, auf die Ergebnisse solcher Modellberechnungen zu hören. Die Autoren des Berichts an den Club of Rome, "Grenzen des Wachstums", der bald sein 50-jähriges Jubiläum feiert, hatten bereits ein Computermodell ("World 3") entwickelt, um Szenarien und Wahrscheinlichkeiten zu untersuchen. In den wesentlichen Punkten hat sich dies bis heute bestätigt, wie auch Klimareporter° kürzlich berichtete.

Ähnliches gilt für die Berichte des Weltklimarats, vor Kurzem ist ein neuer erschienen. Die Politik nimmt derlei zur Kenntnis und geht rasch wieder zur Tagesordnung über, die da eher lautet: kurzfristige Krisenbewältigung und Absicherung der Macht.

Für die Umweltbewegung und den Druck von der Straße sind derlei wissenschaftliche Erkenntnisse wichtig. Jetzt jedoch sind die wesentlichen ökologischen Probleme und Folgen benannt und bekannt, konsequentes Handeln wäre nun endlich angesagt.

Wir bleiben dabei weiter auf der Suche nach Lösungen für die hochkomplexe und schwierige Lage unserer Welt. Thurners Buch, so mein Fazit, hilft hier nicht weiter. Oder doch: Es hilft insofern, dass es immer gut ist, den eigenen Standpunkt zu prüfen und nicht nur das zu lesen, was man eh schon weiß und was die eigene Meinung nur bestärkt.

Allerdings hat dies Thurner indirekt doch bewirkt. Denn sein Vorschlag ist kein neues Konzept, sondern entspringt der menschheitstypischen Hoffnung auf technische Lösungen, die uns aber – siehe fossile Energien oder Atomkraft – leicht in Sackgassen führen können, mit zunächst schwer absehbaren, dann aber umso gravierenderen Folgen wie Klimawandel und Atommüll in den genannten Beispielen.

Das Buch

Stefan Thurner: Die Zer­brech­lich­keit der Welt. Kollaps oder Wende. Wir haben es in der Hand. Verlag edition a, Wien 2020, 272 Seiten, 24 Euro.

Gerade wenn alles so komplex ist, sollte man vielleicht nicht noch eine höhere Komplexitätsstufe draufsatteln, sondern zurückfinden zu einfacheren und nachvollziehbaren Lösungen, um die Menschen mitzunehmen bei den anstehenden Veränderungen.

Sonst nämlich wird bald nur noch eine kleine Elite von Technikern, Informatikerinnen und Datenspezialisten in der Lage sein, die Geschicke dieser Welt zu lenken, während die Mehrheit der Bevölkerung wie im Mittelalter diesem "Daten-Adel" an der Spitze der Hierarchie ausgeliefert wäre, in selbstverschuldeter Unmündigkeit, wie die Neue Zürcher Zeitung kürzlich meinte.

Oder nur noch künstliche Intelligenz wird es schaffen, die vielen Daten, die Thurner anhäufen will, zu bewältigen, auszuwerten und dann automatisch politische und gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Ob man wirklich in einer solchen Welt, auf die wir in vielen Bereichen und Regionen sowieso schon zusteuern, leben will?

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier