Klimakrise wird zum Wirtschaftsfaktor

Vom Klimawandel beeinflusste Wetterextreme werden immer mehr zu einem ökonomischen Faktor. Das zeigen die "Top 20" der verheerendsten Extremwetter-Ereignisse dieses Jahres. Das Bild wird dadurch verzerrt, dass viele Schäden nicht versichert sind.


Afrikanische Frauen bei der Demonstration auf dem Klimagipfel in Sharm el-Sheikh, auf einem Transparent steht: Pay up, clean up, shut up - Bezahlen, aufräumen, Klappe halten.
Klare Forderungen aus der afrikanischen Zivilgesellschaft an die Adresse der Industrieländer, hier auf dem Klimagipfel im November in Sharm el-Sheikh. (Foto: Mike Muzurakis/​IISD/​ENB)

Die britische Hilfsorganisation Christian Aid hat eine weltweite Bestandsaufnahme der 20 schlimmsten Wetter-Extremereignisse des Jahres 2022 veröffentlicht, bei denen der Klimawandel eine Rolle spielte. Die Bilanz der zehn schwersten Fälle darunter zeigt: Die Klimakrise drückt zunehmend auf die Wirtschaft.

Der Report "Counting the Cost 2022" beziffert die Schäden durch die bisher zehn kostspieligsten Ereignisse auf insgesamt 168 Milliarden US-Dollar. Allerdings berücksichtigen die meisten Schätzungen, die dem Bericht zugrunde liegen, nur die versicherten Schäden.

"Das bedeutet, dass die wahren finanziellen Kosten wahrscheinlich noch höher liegen dürften, während die menschlichen Kosten oft ungezählt bleiben", betont die Organisation.

Die Liste wird angeführt vom Hurrikan "Ian", der im September in den USA und Kuba wütete, rund 100 Milliarden Dollar kostete und rund 40.000 Menschen obdachlos machte. An zweiter Stelle kommt die Dürre in Europa mit Schäden von 20 Milliarden Dollar, unter anderem durch Produktions- und Ernteausfälle.

Der Report listet für die Hitzewellen in Europa keine Todesfälle auf, allerdings zeigen die Daten nationaler Gesundheitsdienste von nur vier Ländern – Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien –, dass es in den Sommermonaten dort mindestens 15.200 hitzebedingte vorzeitige Sterbefälle gab.

Platz drei hat China inne, wo Überschwemmungen zwischen Juni und September 12,3 Milliarden Dollar an Schäden verursachen. Die meisten Menschen betroffen waren durch die Flutkatastrophe in Pakistan, die rund ein Drittel des Landes betraf und sieben Millionen vertrieb. Rund 1.700 Menschen kamen dort ums Leben.

Die Bilanz der zehn schwersten Fälle zeigt nach Ansicht von Christian Aid: Die Klimakrise wird mehr und mehr zu einem ökonomischen Faktor. Keines der Ereignisse war "billiger" als drei Milliarden Dollar.

Bloße Schadenssummen verzerren die Wahrnehmung

Der Report konzentriert sich auf die finanziellen Schäden, die in reicheren Ländern in der Regel höher liegen, weil dort die Immobilienwerte höher sind und sich mehr Menschen eine Versicherung leisten können. Das verzerrt allerdings die Wahrnehmung.

"Einige der verheerendsten extremen Wetterereignisse im Jahr 2022 trafen ärmere Länder, die wenig zur Verursachung der Klimakrise beigetragen haben und über die geringsten Puffer verfügen, um den Schocks widerstehen zu können", heißt es bei Christian Aid.

Der Bericht führt daher in einer zweiten Liste zehn weitere Extremwetterereignisse auf, die es in diesem Jahr nicht in die Top Ten schafften, aber für die Bevölkerung ebenso schlimm waren oder eine Bedrohung für die Zukunft darstellen, wie zum Beispiel die Hitzewellen in der Arktis und der Antarktis.

Laut der Hilfsorganisation blieb "kein Winkel der Erde von den kostspieligsten Klimaauswirkungen im Jahr 2022 verschont". Alle bewohnten Kontinente, ob arm oder reich, seien in den Top Ten vertreten. Die extremen Wetterereignisse hätten schweres menschliches Leid verursacht durch Ernährungsunsicherheit, Dürre, Massenvertreibungen und den Verlust von Menschenleben.

Der Report verweist auf die verheerende Dürre in Ostafrika hin, die mehr als 36 Millionen Menschen betreffe und viele an den Rand einer Hungersnot gebracht habe, während in Westafrika 1,3 Millionen Menschen durch Überschwemmungen vertrieben wurden.

Die Folgen der Klimakrise hätten aber auch einige der größten Produzenten und Nutzer fossiler Brennstoffe zu spüren bekommen. "Wirbelsturm Ian in den USA, Hurrikan Fiona in Kanada und die Überschwemmungen in Ostaustralien im Februar betrafen die Länder mit den höchsten Pro-Kopf-CO2-Emissionen", so Christian Aid.

Mit den Überschwemmungen in Südafrika sowie Überschwemmungen und Dürren in China seien zudem zwei der größten Kohleproduzenten der Welt betroffen gewesen. Die Hilfsorganisation betont, dass diese Ereignisse erneut die dringende Notwendigkeit effektiver Klimaschutzmaßnahmen zeigten.

Regierungen sollen Schadens-Fonds nicht verzögern

Außerdem unterstrich Christian Aid die Bedeutung des Fonds für klimabedingte Verluste und Schäden, der auf dem jüngsten UN-Klimagipfel in Sharm el-Sheikh vereinbart wurde. Er soll aufgebaut werden, um Menschen in Entwicklungsländern finanziell zu unterstützen, die durch von ihnen nicht verursachte Klimaschäden betroffen sind.

Die Organisation fordert die Staats- und Regierungschefs auf, möglichst schnell über die Verwaltung des Fonds zu entscheiden und ihn mit Geld auszustatten. Bisher ist unklar, wie viel Geld dort eingezahlt werden soll. Beschlossen wurde auf der Klimakonferenz, dass ein Ausschuss aus Vertretern von 24 Ländern entscheiden soll, wer ihn füllt und wer davon profitiert.

Christian-Aid-Geschäftsführer Patrick Watt kommentierte den Report so: "Die menschlichen Kosten des Klimawandels zeigen sich in den vom Hochwasser weggespülten Häusern, den durch Stürme getöteten Angehörigen und den durch Dürre zerstörten Existenzen." 2022 sei verheerend für die Menschen gewesen, die in der Klimakrise "an vorderster Front" lebten.

Als Chef einer britischen Organisation betonte Watt, dass auch sein Land nicht von den Folgen des Klimawandels verschont geblieben sei. Der verheerende Sturm "Eunice" und die Hitzewelle im Sommer hätten ihren Tribut gefordert – mit neuen Rekorden bei Windgeschwindigkeit und Temperaturen.

Dies unterstreiche die Notwendigkeit für Großbritannien, möglichst klimaneutral zu werden, und mache klar, wie unsinnig die von der Regierung in London Anfang Dezember getroffene Entscheidung sei, ein neues Kohlebergwerk zu eröffnen. Die Steinkohlemine soll in der Grafschaft Cumbria entstehen und der Stahlproduktion dienen.

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