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Die grüne Welle

Wo "grün" draufsteht, muss kein Grün drin sein. Das gilt für Anleihen von Containerreedereien genauso wie für die Papiere von Finanzinstituten. Eine Studie räumt mit der "naiven Erwartung" auf, wirkliche Nachhaltigkeit gehe gut mit hohen Renditen zusammen.


Grafik: Eine Pflanze, die aus einem Haufen Geldscheine wächst
Grafik: Kristin Rabaschus

Die Deutsche Bank begibt ihre erste grüne Dollar-Anleihe, die Allianz-Versicherung hofft auf eine "grüne" Wachstumsära, und der größte Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, verkauft immer mehr "grüne" Fondsanteile.

Eine gewaltige grüne Welle rockt die Finanzmärkte. Unterlegt wird sie von der EU-Kommission, die mit ihrem "Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums" eine Neuausrichtung der Kapitalflüsse hin zu nachhaltigen Investitionen versucht.

Ein zentraler Vorschlag zur Erreichung dieses Ziels ist die Einführung eines einheitlichen Klassifikationssystems für ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten – die sogenannte Taxonomie. Deren Rahmenwerk trat im März in Kraft – Klimareporter° berichtete. Wie auch über Finanzminister Olaf Scholz (SPD), der mit der Entwicklung einer Sustainable-Finance-Strategie versucht, grüne Flagge zu zeigen.

Nun mögen Verschwörungsanhänger darin ein abgekartetes Spiel zwischen Wirtschaft und Politik entdecken. Dies verkennt freilich, dass auch "das Kapital" Interessen hat, die eine nachhaltigere Geschäftspolitik rechtfertigen. So gilt die langfristige Investition in die Kohle- und Erdölförderung unter Bankanalysten mittlerweile als hochriskant. Beide Rohstoffe gelten historisch als Auslaufmodelle.

Auch alte, "schmutzige" Konzerne wie RWE setzen heute lieber auf Solarstrom und Offshore-Windmühlen. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re erkennt im Klimawandel viele neue Risiken für sein angestammtes Geschäft. So preist er beispielsweise eine Zunahme von Starkregen-Ereignissen in seine Policen ein und berät seine Industriekunden, wie sie sich vor zukünftigen Umweltschäden besser schützen können.

Die grüne Welle der "Big Player" hat schmerzliche Folgen. So werden etwa viele Pioniere der Windenergie an den Rand gedrängt. Wachse oder weiche, lautet eine harte Regel der Marktwirtschaft. Ähnlich lief es ehedem im Einzelhandel, als kleine Bioläden und klassische Reformhäuser von Bio-Supermärkten und nun vom konventionellen Einzelhandel, der zunehmend Bioprodukte anbietet, verdrängt wurden.

Eine solche Verdrängung könnte auch etablierten grünen Banken wie GLS, Triodos oder Umweltbank drohen.

Nachhaltigkeit heißt Renditeverzicht

Für die Kunden von Geldinstituten bringt die grüne Welle eine neue Unübersichtlichkeit mit sich. Die Verbraucherzentralen versuchen gegenzusteuern.

"Zwar können nachhaltige Geldanlagen durchaus eine positive Wirkung entfalten", heißt es in einer Studie der Wirtschaftswissenschaftler Marco Wilkens und Christian Klein für die Verbraucherzentralen. Wahrscheinlicher seien allerdings indirekte Effekte. Beispielsweise, wenn Verbraucher über eine Geldanlage für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert werden.

Direkte Effekte schließen die beiden Finanzexperten und Uni-Professoren zwar nicht gänzlich aus, sie seien heute aber kaum nachweisbar. Fazit: Prinzipiell können Nachhaltigkeitseffekte vor allem über einen Verzicht auf Rendite erreicht werden.

Zum Beispiel, wenn in Folge der Geldanlage in bisher nicht rentable regenerative Energien investiert wird. Angebote der Finanzindustrie, die mit einem direkten Beitrag zu bestimmten Nachhaltigkeitszielen werben und zugleich marktübliche Renditen versprechen, sollten daher "kritisch hinterfragt werden".

Für Verbraucherzentralen-Chef Klaus Müller ist nun klar: "Nachhaltigkeit muss mehr sein als ein Werbeversprechen." Das Gutachten von Wilkens und Klein zeige, dass die bisherigen Erwartungen zur Wirkung nachhaltiger Geldanlagen "ein Stück weit naiv waren". Der oberste Verbraucherschützer in Deutschland warnt davor, dass Anbieter das Grüne vom Himmel versprechen, ohne dass sich tatsächlich etwas bewegt.

Nun sei die Politik gefordert, klare Regeln zu setzen. Anlagen sollten nur als nachhaltig bezeichnet werden dürfen, wenn sie einen messbaren Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen leisten.

Den Nutzen haben oft die Käufer

Wie schwierig dieses Messen in der Praxis ist, zeigt das Beispiel Hapag-Lloyd. Die größte deutsche Reederei gilt als durchaus engagiert in Sachen Umwelt und Soziales. Nun plant sie die Emission einer "Anleihe mit Nachhaltigkeitsbezug".

Der Erlös soll helfen, den CO2-Ausstoß der eigenen Flotte zu senken. Die teilstaatliche Containerreederei will neue und effizientere Schiffe kaufen, alte Frachter ausmustern, alternative Kraftstoffe verwenden und zusätzliche Maßnahmen zur Emissionsreduzierung einleiten. Klingt gut und ist auch weit mehr als "Greenwashing".

Allerdings könnten diese Ziele ohne eine "grüne" Anleihe über 300 Millionen Euro erreicht werden.

Eine weitere Kritik lautet, die Ziele seien kaum engagierter als die der Weltschifffahrtsorganisation IMO, welche die Reeder dazu bewegen sollen, zukünftig mehr in Umwelttechnik zu investieren.

Streit gibt es auch um Details: Sind "alternative" Kraftstoffe, vor allem Flüssigerdgas (LNG), als Brückentechnologie akzeptabel? Die maritime Industrie hält einen solchen Zwischenschritt für wirtschaftlich notwendig. Umweltaktivisten fordern dagegen ein Aus für LNG, ohne jedoch praktikable Alternativen für die Schifffahrt aufzuzeigen.

Unterm Strich dürfte die verbraucherorientierte Kritik von Wilkens und Klein, wonach reale Wirkungen grüner Anleihen weitgehend ausbleiben, also auch für dieses maritime Beispiel gelten.

Einen Nutzen haben allerdings oft Dritte, die Käufer solcher "grünen" Wertpapiere. Sie können mit dem Erwerb ihre eigenen Nachhaltigkeitsziele öffentlich unterfüttern. Was wiederum der Bank A und dem Versicherer B als Käufer helfen kann, Kunden und Kapitalgeber mit einem grünen Mäntelchen anzulocken.

Wirkliche und vorgetäuschte Nachhaltigkeit besteht aus einer Kaskade, die sich über viele Ebenen hinzieht.

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