Die Ölmultis desinvestieren aus sich selbst

Die größten privaten Öl- und Gaskonzerne verkaufen lieber Beteiligungen und machen Schulden, als die Dividende zu senken. In den letzten zehn Jahren haben sie sich um 236 Milliarden Dollar geschrumpft. Auf den ersten Blick erscheinen sie so als hochprofitabel, auf den zweiten verkaufen sie einfach das Tafelsilber.


Altes Exxon-Schild vor wolkigem Himmel, Stromleitungen durchziehen das Bild.
Machen Exxon und Co sich gewinnbringend aus dem Staub? (Foto: Justin Exclaim/​Unsplash)

Die Divestment-Bewegung fordert von institutionellen Anlegern, dass diese ihre Beteiligungen an Firmen abstoßen, die ihr Geld mit Kohle, Öl oder Gas verdienen. Dadurch sollen die Kapitalkosten für klimaschädliche Firmen nach oben getrieben werden.

Bisher haben mehr als 1.300 Großanleger versprochen, ihr Geld aus der Fossilindustrie zu desinvestieren. Diese Anleger verwalten 14,5 Billionen US-Dollar. Damit rückt ein "sozialer Kipppunkt" in Greifweite, denn die 500 größten Anleger der Welt verwalteten vorletztes Jahr "nur" rund 100 Billionen.

Ilona Otto, die an der Universität Graz solche Kipppunkte erforscht, sagt: "Simulationen zeigen: Wenn etwa neun Prozent der Investoren desinvestieren, dann folgen die anderen, weil sie Angst haben, zurückzubleiben und Geld zu verlieren."

Erstaunlicherweise gehören die fünf größten Ölmultis allerdings selbst zu den größten Desinvestoren. Das zeigt eine aktuelle Studie des US-Thinktanks IEEFA. Die Energieökonomen haben untersucht, wie viel Geld der Verkauf von Öl und Gas in die Kassen spült und wie viel die Ölmultis an ihre Aktionäre in Form von Dividenden und Aktienrückkäufe zurückgeben.

Dabei zeigte sich, dass die Ölmultis seit Jahren aus sich selbst investieren. Oder genauer: Der "Free Cash Flow" (Gewinn plus Abschreibungen minus Investitionen) ist kleiner als die Ausschüttungen an die Aktionäre.

Dabei geht es um große Summen. Exxon Mobil hat letztes Jahr knapp 18 Milliarden Dollar mehr an die Anteilseigner verteilt als eingenommen. Ähnlich sieht es bei drei weiteren Energiemultis aus: Bei Chevron sind es weit mehr als neun Milliarden, bei BP gut sieben Milliarden und bei Total knapp drei Milliarden.

Einzig Shell hat sich nicht selbst geschrumpft, sondern acht Milliarden einbehalten.

"Anschein von Erstklassigkeit"

Dafür können die Firmen noch nicht mal die Coronakrise verantwortlich machen. Diese hat zwar den Ölpreis von knapp 70 Dollar pro Barrel (159 Liter) auf gut 20 Dollar einbrechen lassen, aber die Praxis, mehr an die Aktionäre auszuschütten als einzunehmen, gab es schon zuvor: In acht der letzten zehn Jahre haben die großen Ölmultis aus sich desinvestiert – insgesamt 236 Milliarden Dollar (siehe Grafik).

Balkendiagramm: Der Gewinn plus Abschreibungen minus Investitionen ist geringer als die Ausschüttungen an die Aktionäre.
Zufall? Die fünf "Supermajors" geben systematisch Geld an ihre Aktionäre zurück, statt es zu investieren. (Grafik: aus der Studie)

Absoluter Spitzenreiter war erneut Exxon mit 87 Milliarden und am sparsamsten war erneut Shell mit einer Desinvestition von gut neun Milliarden über zehn Jahre.

Finanziert wird diese Großzügigkeit gegenüber den eigenen Aktionären durch den Verkauf von Beteiligungen und durch neue Schulden.

Clark Williams-Derry, einer der Studienautoren, sagt dazu: "Großzügige Dividenden und Aktienrückkäufe geben den größten privaten Öl- und Gasfirmen der Welt den Anschein von erstklassiger finanzieller Performance. Doch eine genauere Untersuchung zeigt eine dahinter liegende Schwäche."

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht haben die Ölmultis eingesehen, dass sich ihre Zeit dem Ende zuneigt, und verkaufen sich daher nach und nach selbst – an Investoren und Kreditgeber, die noch nicht zu dieser Erkenntnis gekommen sind.

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