Anleger könnten fossile Gewinne um Billionen überschätzen

Börsenkurse spiegeln die Gewinnerwartungen der Anleger wider. Diese könnten die Gewinne aus dem Kohle-, Öl- und Gasgeschäft aber deutlich über- und die Klimarisiken deutlich unterschätzen. Beides ist eine Gefahr für die Stabilität der Finanzmärkte.


Die Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas wird noch 20 Jahre lang weiter steigen. Davon gehen die Internationale Energieagentur (IEA) und viele Energiekonzerne aus. Sie schreiben damit den Trend der letzten 20 Jahre in die Zukunft weiter.

Diese Trendfortschreibung beißt sich allerdings mit der Realität. Mittlerweile fließen drei Viertel aller Investitionen in neue Stromerzeugungskapazitäten mit Sonne und Wind.

Der Grund dafür sind die Kosten. Die Hälfte der neuen Solar- und Windkraftwerke produziert Strom zu geringeren Kosten als das billigste neue Kohlekraftwerk, wie eine neue Studie der International Renewable Energy Agency (Irena) zeigt.

Selbst bestehende Kohlemeiler können oftmals nicht mehr mit neuen Solar- und Windparks mithalten. Laut Irena trifft dies nächstes Jahr auf Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt 1,2 Millionen Megawatt zu. Wenn man davon die teuersten 500.000 Megawatt durch Erneuerbare ersetzen würde, ließen sich jedes Jahr 23 Milliarden US-Dollar sparen und rund fünf Prozent der globalen CO2-Emissionen vermeiden.

Irena-Chef Francesco La Camera sagt daher: "Wir haben einen wichtigen Wendepunkt erreicht. Neue und viele der bestehenden Kohlekraftwerke sind ökologisch und ökonomisch nicht mehr zu rechtfertigen."

Aber nicht nur bei der Stromerzeugung, sondern auch bei Autos liegt der Wendepunkt wohl bereits hinter uns. Im vierten Quartal 2019 hatten in Deutschland knapp fünf Prozent der Neuwagen einen Elektromotor. Wo die steigende Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas herkommen soll, ist daher nicht nachvollziehbar.

Gefahr für Stabilität der Finanzmärkte

Fürs Klima ist das gut, aber für die Finanzmärkte ist das eine Gefahr. Wie eine neue Studie des Londoner Thinktanks Carbon Tracker zeigt, haben Firmen, die fossile Energien fördern wie Ölkonzerne oder verbrauchen wie Stromkonzerne, ein erhebliches Gewicht an den Finanzmärkten: Knapp ein Viertel der Marktkapitalisierung der Aktienbörsen und sogar über die Hälfte aller ausstehenden Anleihen entfallen auf Unternehmen, die stark von fossilen Energien abhängen.

Hinzu kommen Bankkredite und Anleihen von Ländern, deren Haupteinnahmequelle der Verkauf von Öl und Gas ist. All diese Werte könnten deutlich überteuert sein, wenn die Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas sinkt, statt zu steigen.

Der Hauptfaktor ist hier der Preis für fossile Energieträger. Geht die Nachfrage zurück, besteht eine Überkapazität und die Preise sind niedrig. Sobald den Finanzmarktakteuren bewusst wird, dass dies eine strukturelle Veränderung und nicht nur ein zyklische Delle ist, passen sie ihre Gewinnerwartungen an.

Das kann insbesondere bei Aktien zu einer abrupten Neubewertung führen, denn Aktienkurse spiegeln die erwarteten zukünftigen Gewinne wider. Dabei geht es um sehr große Summen.

Die Weltbank hat im Jahr 2018 den Wert aller zukünftigen Gewinne aus dem Kohle-, Öl- und Gasgeschäft auf 39 Billionen US-Dollar geschätzt. Sollte der Verbrauch fossiler Energien aber ab jetzt um jährlich zwei Prozent sinken, schätzt Carbon Tracker den Wert dieser Gewinne auf nur noch 14 Billionen Dollar.

Chance für Energie importierende Länder

Der Unterschied zwischen diesen beiden Zahlen entspricht mehr als einem Viertel der globalen Wirtschaftsleistung eines Jahres. Aber es gibt natürlich auch Gewinner, wie der Autor der Studie, Kingsmill Bond, festhält: "Das ist eine riesige Chance für Länder, die fossile Energien importieren. Sie können Billionen Dollar sparen, indem sie zu sauberen Energien wechseln."

Für die Finanzmärkte ist aber nicht nur die Neubewertung von fossilen Energien eine Gefahr, sondern auch der Klimawandel. Das zeigt ein aktueller Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF): "Die Bewertung von Aktien im Jahr 2019 scheint die prognostizierten Veränderungen des Risikos unter verschiedenen Klimawandelszenarios nicht angemessen widerzuspiegeln. Das deutet darauf hin, dass Investoren den Klimarisiken nicht genug Beachtung schenken."

Gefahr droht Investoren also aus zwei Richtungen: Sinken die Emissionen langsam, droht eine Neubewertung wegen der immer größeren Klimarisiken. Sinken die Emissionen schnell, kommt es zu einer Neubewertung von fossilen Energien. Das Klima ist für letzteres. 

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