Wider die Tragödie des kurzfristigen Horizonts

Beim Thema nachhaltige Finanzen kam Deutschland bislang nicht über die Beobachterrolle hinaus. Mit der heutigen Einsetzung eines Sustainable-Finance-Beirats kann sich das endlich ändern. Denn es braucht vorausschauende Investitionsentscheidungen, um den Herausforderungen des Klimawandels wirksam zu begegnen.


Bundeskanzleramt in einer Spiegelung gesehen
Leichte Auflockerung: Bundeskanzleramt in Berlin. (Foto: Anja Stough/​Pixabay)

Der Finanzsektor kann eine Schlüsselrolle spielen, um geeignete Rahmensetzungen für die Realwirtschaft im Kampf gegen den Klimawandel und für den wirkungsvollen Schutz der Menschenrechte zu unterstützen.

Durch vorherrschende Rahmensetzungen tragen die Finanzmarktakteure meist zur Tragödie des kurzfristigen Horizonts bei. Es fehlen notwendige Transparenzvorgaben bezüglich der klimabedingten Risiken und sozialen Kosten.

Durch seine Hebelfunktion über alle Sektoren hinweg könnte der Finanzsektor jedoch die notwendige Transformation in der Realwirtschaft zum Erreichen der Klimaziele wirkungsvoll unterstützen.

In Deutschland besteht mit der Einrichtung eines Sustainable-Finance-Beirats jetzt die Chance, dass die Bundesregierung beginnt, ernsthaft die Weichen in Richtung eines nachhaltigen Finanzsystems zu stellen. Damit unterstreicht sie ihre Absicht, im Bereich nachhaltiger Finanzen aufzuholen.

Der Beirat

Am heutigen Donnerstag kommt der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung im Finanzministerium zur konstituierenden Sitzung zusammen. Die etwa 40 Mitglieder kommen aus der Real- und Finanzwirtschaft sowie der Zivilgesellschaft. Die Umweltorganisation Germanwatch ist durch Christoph Bals vertreten.

Bei den notwendigen Schritten zu einem nachhaltigeren Finanzsystem kann Deutschland von den Versuchen einiger anderer Länder profitieren.

In den vergangenen Wochen berichteten internationale Autoren und Autorinnen hier in sieben Beiträgen von den Sustainable-Finance-Bemühungen ihrer Länder.

Die Beispiele zeigen, wie viel in Deutschland zu tun ist. Gleichzeitig bieten sie wichtige Impulse für die Erarbeitung einer deutschen Sustainable-Finance-Strategie.

Ganz in der Nähe sitzt einer der Innovatoren. Der in Frankreich verabschiedete Artikel 173 des Energiewendegesetzes wird oft als richtungsweisend angesehen. Denn durch diesen sind börsennotierte Unternehmen zur Offenlegung von physischen und transitorischen Klimarisiken verpflichtet.

Christoph Bals

Zur Person

Christoph Bals ist politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. Seit der Jahrtausendwende beschäftigt er sich mit nachhaltiger Finanzierung und steht im regelmäßigen Dialog mit wichtigen Investoren und Initiativen.

Erst allmählich wird die Größenordnung der klimabezogenen finanziellen Risiken klarer – und ebenso zeigen sich die ökonomischen Chancen einer Transformation. Steigende Transparenz kann unter anderem zu einer Veränderung in den Nachfragepräferenzen der Anleger führen und damit zu einem nachhaltigeren Finanzsystem und einer Transformation der Realwirtschaft beitragen.

Auch der Blick in andere EU-Staaten, wie Großbritannien, Schweden und Luxemburg, zeigt interessante Tendenzen. Das Beispiel Großbritannien zeigt, dass mit der Einrichtung von Gremien wie dem Sustainable-Finance-Beirat – die Green Finance Taskforce ist das britische Äquivalent dazu – in kurzer Zeit umsetzungsfähige Strategien entstehen können.

Begrüßenswert in Deutschland ist, dass die Bundesregierung zivilgesellschaftliche Akteure in die Erarbeitung einer solchen Sustainable-Finance-Strategie ausdrücklich einbezieht.

Deutschland kann und sollte Gestalter werden

Auf EU-Ebene kam Deutschland bisher nicht wirklich über die Beobachterrolle hinaus. Durch den Sustainable-Finance-Beirat kann Deutschland zum Gestalter werden und Impulse für nachhaltige Finanzierung geben.

Franziska Marten

Zur Person

Franziska Marten arbeitet seit 2013 bei Germanwatch vor allem an der Bewertung des Klimaschutz-Handelns einzelner Staaten. Dabei geht es auch um die Umlenkung von Investitionen zu erneuerbaren Energien und um die politischen Voraussetzungen dafür.

Luxemburg, das in Bezug auf Steuerhinterziehung sehr problematisch agiert, hat bei grünen Anleihen eine konstruktive Rolle übernommen. Schon 2007 wurden hier die ersten grünen Anleihen ausgegeben.

Inzwischen gibt es auch einen grünen Ableger der Börse, über den grüne und soziale Anleihen gehandelt werden. Es braucht eindeutige politische Signale aus der EU und gerade auch von Deutschland, um die Transformation in Luxemburg weiter voranzutreiben.

Beim Blick über die europäischen Grenzen hinaus, etwa nach Kanada, wird sichtbar, dass Kompetenzaufbau und das Schaffen eines Bewusstseins der Verbraucher für die Bedeutung eines nachhaltigen Finanzsystems wichtig sind, um anspruchsvollen Klimaschutz voranzubringen.

Das kanadische Expertenteam für nachhaltige Finanzen entwickelte eine Liste mit Maßnahmen, die das Potenzial haben, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und gleichzeitig Kanadas Klimaambitionen zu erhöhen. Bis zum Jahr 2025 könnte der kanadische Finanzsektor jährlich zwischen 27 und 110 Milliarden US-Dollar zusätzlich durch nachhaltige Finanzaktivitäten umsetzen.

Milena Ostrower
Porträtfotos: Germanwatch

Zur Person

Milena Ostrower ist Referentin für klima­kompatible Finanz­flüsse bei Germanwatch. Ihr Arbeits­schwerpunkt ist Sustainable Finance. Zurzeit arbeitet sie an einem Projekt zur Verankerung von klima­politischen Zielen im Finanz­sektor und zur Anpassung regulatorischer Rahmen­bedingungen im Finanz­markt in Deutschland und der EU zur Umsetzung des Artikels 2.1c des Paris-Abkommens.

Auch die deutschen Experten des neu eingerichteten Beirats sollten konkrete Vorschläge für eine wirkungsvolle und wirtschaftlich erfolgreiche Sustainable-Finance-Strategie entwickeln.

China hat die Debatte um nachhaltige Finanzierung im Kontext der G20 auf die Agenda gesetzt und vorangetrieben, woraufhin die G20 Green Finance Study Group im Jahr 2017 erste Empfehlungen veröffentlichte.

Bereits seit 2012 hat die chinesische Regierung eine Vielzahl an Richtlinien und Maßnahmen verabschiedet, die einer – zumindest auf den ersten Blick – ehrgeizigen Green-Finance-Strategie folgten. Bei der Umsetzung zeigte sich jedoch, dass erhebliche Herausforderungen zu meistern sind, wie beispielsweise eine ambitionierte Auslegung von Standards, die im eigenen Land, aber – vielleicht noch wichtiger – auch für Exporte und Auslandsinvestitionen gelten.

Die deutsche Bundesregierung strebt nun endlich an, eine Führungsrolle im nachhaltigen Finanzwesen zu übernehmen und Deutschland zu einem führenden Sustainable-Finance-Standort zu machen.

Die Hebelwirkung der Finanzmärkte kann eine Chance sein

Die Erkenntnis, dass es vorausschauende Investitionsentscheidungen braucht, um den Herausforderungen des Klimawandels oder der Durchsetzung der Menschenrechte wirksam zu begegnen, macht Mut für die Zukunft – wenn dieser Erkenntnis nun die notwendigen Taten folgen.

Serie: So klappt die grüne Finanzwende

Das Jahr 2019 ist entscheidend für die zukünftige Klimapolitik in Deutschland und Europa. Das Finanzwesen und seine Hebelwirkung über alle Sektoren hinweg spielt eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel und für nachhaltiges Wirtschaften.

 

Deutschland kann dabei von Vorreiterländern für "Green Finance" lernen. In den sieben Beiträgen unserer Serie erläutern internationale Autorinnen und Autoren den Ansatz ihrer Länder, den Finanzmarkt grüner zu gestalten, und gehen auf Chancen, Hürden und unbeantwortete Fragen ein.

 

Der vorliegende Beitrag beendet die Serie.

Die Einsetzung des Sustainable-Finance-Beirats und die Erarbeitung einer Strategie sind erste wichtige Schritte, damit die Bundesregierung die Chance wahrnehmen kann, die transformative Hebelwirkung der Finanzmärkte für den wirksamen Schutz des Klimas und der Menschenrechte freizusetzen.

Entscheidend ist dabei das wirkungsvolle Zusammenspiel des Finanzmarkts und der notwendigen transformativen Veränderungen in der Realwirtschaft.

Ziel sollte ein Maßnahmenplan mit klaren und zeitnahen Umsetzungsplänen sein. In dem noch dieses Jahr zu verabschiedenden Klimaschutzgesetz sollte auch der Finanzsektor bereits seine Verantwortung wahrnehmen.

Redaktioneller Hinweis: Die Beiträge der Serie wurden in Zusammenarbeit mit Germanwatch e.V. verfasst.

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