Aus der Luft gegriffen

Ohne negative Emissionen ist das 1,5-Grad-Limit der Erderwärmung kaum zu halten. Doch die Technologien, die dafür nötig sind, bergen auch Risiken. Darüber werde zu wenig diskutiert, kritisieren Forscher.


Hier sind zwei Hände zu sehen, die einen Baumsetzling pflanzen.
Während der Wachstumsphase binden Bäume das in der Atmosphäre vorhandene Kohlendioxid. (Foto: Julia Rotter/​Pixelio)

Keine Frage: Wenn es der Weltgemeinschaft gelingt, die Erderwärmung bereits bei 1,5 Grad zu stoppen und nicht erst bei zwei Grad, hat das immense Vorteile. Der Meeresspiegel-Anstieg könnte unter einem Meter bleiben. Die meisten Tier- und Pflanzenarten könnten sich an das Tempo der Temperaturänderung anpassen. Bis zur Hälfte der Korallenriffe könnte gerettet werden. Und ein Teil des Eises am Nordpol könnte erhalten bleiben.

Neue Untersuchungen zeigen nun, dass die 1,5-Grad-Grenze nur einzuhalten ist, wenn Technologien in sehr starkem Maße genutzt werden, die der Atmosphäre wieder überschüssiges CO2 entziehen – diese können aber unerwünschte Nebenwirklungen haben und sind vor allem noch kaum einsatzreif.

Der Weltklimarat IPCC sieht angesichts der aktuellen Trends bei den globalen Emissionen kaum noch eine Chance, die 1,5 Grad zu halten. Laut Pariser Klimavertrag soll dies jedoch "möglichst" erreicht werden.

Ohne weltweit schnelle und einschneidende Klimaschutz-Maßnahmen würde dieses Temperaturlimit bereits in den 2040er Jahren überschritten, heißt es in einem im Frühjahr bekannt gewordenen Berichtsentwurf zu dem Thema – und nach solchen drastischen Maßnahmen sieht es derzeit nicht aus.

Mit den vorliegenden Plänen steuert die Welt auf einen Drei-bis-vier-Grad-Pfad zu. Umso größer wird die Bedeutung der "negativen Emissionstechnologien" (NETs), wie die Technologien zur CO2-Entnahme genannt werden.

Jan Minx, einer der Experten, die die NETs-Notwendigkeiten analysiert haben, warnt: "In den Klimaverhandlungen geben die Politiker zwar gerne immer ambitioniertere Ziele aus – doch die konkreten Handlungen bleiben bisher weit zurück. Das Ergebnis ist eine wachsende Abhängigkeit von negativen Emissionen."

Minx ist Arbeitsgruppenleiter beim Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin. Das MCC hat ein internationales Wissenschaftler-Konsortium geführt, dessen Ergebnisse jetzt im Open-Source-Fachmagazin Environmental Research Letters erschienen sind.

Zu den NETs gehören großflächige Aufforstungsprogramme, bei denen Bäume während der Wachstumsphase das in der Atmosphäre vorhandene CO2 binden. Eine viel diskutierte Technologie ist die Nutzung von Bioenergie mit CO2-Abscheidung und -speicherung (Kürzel: BECCS). Dabei soll aus Biomasse um Strom oder Treibstoff produziert und das frei werdende CO2 wie bei der CCS-Technologie aufgefangen und unter die Erde verpresst werden.

Eine andere Möglichkeit zur CO2-Bindung sind bestimmte Gesteine, die CO2 absorbieren, wenn sie zermahlen und auf Äckern ausgestreut werden. Möglich sind auch eine direkte Abscheidung von CO2 aus der Luft und seine Speicherung (DACCS) sowie die Produktion von "Biokohle" aus Pflanzen, die als Bodenverbesserer eingesetzt wird.

Eine weitere Idee ist das sogenannte Meeresdüngen mit Eisenspänen, was das Algenwachstum anregen soll. Sterben die Algen ab, würde der in ihnen gespeicherte Kohlenstoff auf den Meeresboden sinken.

Chancen und Risiken werden bislang kaum diskutiert

Alle diese Technologien haben laut MCC "relevante Potenziale" – mit Ausnahme der Meeresdüngung. Allerdings unterscheiden sie sich stark in Bezug auf die Kosten und die Nebenwirkungen sowie den Entwicklungsstand und die Langfristigkeit der Speicherpotenziale.

Aufforstung zum Beispiel kann schon heute in großem Maßstab betrieben werden, so die Experten, freilich mit der Gefahr, dass der Kohlenstoff durch Abholzung, Abbrennen oder natürliche Einflüsse wieder freigesetzt wird. Auch mit BECCS könne man größere Mengen CO2 "sicher" einlagern. CCS stecke allerdings noch in der Demonstrationsphase und stoße in der Öffentlichkeit auf großen Widerstand, so die Experten.

Die Forscher kritisieren, dass die für das 1,5-Grad-Limit nötigen Maßnahmen bisher in der Politik kaum diskutiert werden, obwohl sie zum Teil erhebliche Konflikte für Landnutzung, Wasserverbrauch oder Energiebedarf bergen. Sie fordern daher einen Fahrplan für Pilotprojekte, um Klarheit über Chancen und Risiken der NETs zu erhalten und diese im industriellen Maßstab zu ermöglichen.

Allzu sehr verlassen sollten die Politiker sich auf diesen Ausweg nicht, warnt Experte Minx. Es sei dringend geboten, dass die Staatengemeinschaft ihre Abhängigkeit von Technologien zum CO2-Entzug aus der Atmosphäre verringert, statt sie weiter zu vergrößern. "Dafür müssen wir heute mit beherztem Klimaschutz beginnen – und auch in Deutschland kräftig nachlegen", sagt er.

Lesen Sie dazu den Kommentar von Joachim Wille: Schon erschöpft

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