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"Die Physik gibt uns die Chance fürs 1,5‑Grad-Ziel"

Mit den bisherigen Klimazusagen der Staaten lässt sich laut einer neuen Studie nicht einmal mehr das Zwei-Grad-Ziel erreichen. Experten fordern, das Ergebnis anders zu lesen. Mit ernsthafter Klimapolitik sei noch viel mehr möglich.


Straßenbild
Beim 1,5‑Grad-Ziel beruft sich die Klimabewegung – hier beim Klimastreik im März in Hamburg – auf die Klimawissenschaft. (Foto: Jonathan Knodel/​FFF Deutschland/Flickr)

So etwas wie Optimismus erfasste kürzlich beim UN-Gipfel in Glasgow die Klimadiplomaten in dem Moment, als Wissenschaftler all die Zusagen der Staaten zur Treibhausgas-Reduktion zusammenrechneten.

Setzen die Länder die Klimamaßnahmen um, zu denen sie sich jetzt schon verpflichtet haben, erwärmt sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich um rund 2,7 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit.

Rechnet man noch die für 2030 gegebenen Zusagen ein, könnte die Welt im Jahr 2100 bei einem Plus von 2,4 Grad landen.

Das ist immer noch beunruhigend, ein wirklicher Hoffnungsschimmer aber war: Nimmt man nun noch die – wenn auch vagen – Versprechen der Länder hinzu, im Laufe des Jahrhunderts netto null Treibhausgasemissionen zu erreichen, läuft die Prognose auf eine Erwärmung um rund 1,8 Grad zum Ende des Jahrhunderts hinaus, mit einem zwischenzeitlichen Höchststand von 1,9 Grad.

Die 1,8 elektrisierte den Gipfel geradezu. Ganz unerwartet kam das Pariser Klimaziel von 1,5 Grad in Reichweite. Die drei restlichen Zehntelgrad oder sogar noch mehr sollten doch machbar sein.

In diese Zuversicht platzt eine jetzt im Fachjournal Nature Climate Change veröffentlichte Studie eines internationalen Teams um Ida Sognnæs vom Cicero-Klimaforschungszentrum in Oslo.

Die Forscher hatten nicht gefragt, was zu tun ist, um ein bestimmtes Klimaziel zu erreichen, sondern sich angesehen, welcher Verlauf der Treibhausgasemissionen über die Zeit bis 2100 am wahrscheinlichsten ist, geht man von der heutigen Klimapolitik aus.

Erwärmung um 2,2 bis 2,9 Grad unvermeidlich?

Dazu verglichen die Forscher sieben verschiedene sogenannte Integrated Assessment Models. Diese integrierten Bewertungsmodelle bilden ab, wie sich Energiewirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden.

Jedes Modell arbeitet dabei mit unterschiedlichen Annahmen – etwa, wie schnell der Ausbau der erneuerbaren Energien vorangeht, welchen Anteil Wasserstoff im Energiemix haben wird, in welchem Ausmaß es möglich sein wird, CO2 aus der Atmosphäre herauszuholen und zu speichern, oder wie sich die Bevölkerungszahlen entwickeln.

Das ernüchternde Ergebnis der Studie: Bis zum Jahr 2100 wird sich die Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit nahezu unweigerlich um 2,2 bis 2,9 Grad erwärmen. Und selbst wenn alle Länder ihre Klimaziele für 2030 tatsächlich erfüllen, halten die Forscher das Zwei-Grad-Ziel, das Minimalziel des Paris-Abkommens, generell für nicht mehr erreichbar, auch durch noch so große Anstrengungen bis zum Ende des Jahrhunderts nicht.

Zwar konnte die Studie die auf dem Glasgower Gipfel abgegebenen Netto-Null-Versprechen nicht mehr berücksichtigen – das mindert für Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik aber nicht die Bedeutung der Studie.

Im Gegenteil, sagt der Klimaexperte: So werde der Fehler vermieden, die Staaten schon jetzt für ihre Langfrist-Ankündigungen gewissermaßen zu belohnen. Schließlich sei gegenwärtig noch nicht einmal sicher, ob die meisten Länder ihre selbst gesetzten Klimaziele für 2030 erreichen.

"Alle Netto-Null-Ziele für Mitte des Jahrhunderts sind im Grunde Versprechen, über deren Realisierungswahrscheinlichkeit man noch keine belastbaren Einschätzungen abgeben kann", betont Geden, der einer der Leitautoren des jüngsten Weltklimaberichts ist.

Zudem sei bei manchen dieser nationalen Netto-Null-Ziele, etwa dem von Indien für 2070, unklar, ob sie sich nur auf CO2 beziehen oder auf alle Treibhausgase. Letzteres sei wesentlich anspruchsvoller, so Geden – gerade bei Ländern wie Indien, in denen die Landwirtschaft eine große Rolle spielt.

"Sogar das 1,5‑Grad-Ziel wäre noch erreichbar"

Die Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London hält es allerdings für gefährlich, aus den neuen Modellrechnungen schon jetzt den Schluss zu ziehen, dass die Zwei-Grad-Grenze so oder so gerissen wird, egal wie die künftige Klimapolitik der Staaten ausfällt.

Physikalisch sei es "auf alle Fälle möglich", das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, betont Otto. "Der neueste Sachstandsbericht des Weltklimarats hat sogar deutlich gezeigt, dass auch eine Begrenzung auf 1,5 Grad möglich ist." Das erfordere aber eine schnelle und konsequente Klimapolitik.

Für die Klimawissenschaftlerin sind die neuen Modellrechnungen der Fingerzeig, dass Klimapolitik für 1,5 Grad nicht mit der derzeitigen, langsamen, Politik funktioniert. "Wir müssen die Umsetzung der Klimaziele deutlich beschleunigen. Das ist die große Herausforderung", sagt sie – auch in Richtung Deutschland.

Klaus Hubacek, Umweltökonom an der niederländischen Uni Groningen, sieht alle Modellrechnungen von 1,8 bis 2,7 Grad noch im Bereich des Möglichen. Was eintreten wird, hängt auch für ihn von den politischen Entscheidungen ab: Werden zum Beispiel fossile Brennstoffe weiter subventioniert und wird in entsprechende Projekte investiert? Allerdings scheine sich die Menschheit derzeit auf das "obere Ende" der Modellszenarien zuzubewegen, warnt Hubacek.

Trotz aller Unwägbarkeiten, die langfristige Prognosen in sich tragen, sind diese für Friederike Otto unverzichtbar. Erst solche Modellierungen würden es ermöglichen, richtungsweisende CO2-Budgets zu berechnen.

"Das Klimasystem ist nett zu uns"

Zugleich dürfen aber Projektionen möglicher Zukünfte nicht mit Vorhersagen verwechselt werden, betont die Klimawissenschaftlerin. "Am Ende liegt es in unserer Hand, welchen der möglichen Wege wir beschreiten."

Sollten all die neuen Ziele vom Glasgower Klimagipfel erreicht werden, bleibe die Welt unter zwei Grad Erwärmung. "Schaffen wir aber nur die Vorhaben, die tatsächlich bereits in geltendes Recht umgesetzt sind, sind wir eben erst bei 2,7 Grad."

Prinzipiell schaut Otto noch optimistisch in die Zukunft. Eine der wichtigen Erkenntnisse aus dem jüngsten, dem sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarates sei, dass die globale Mitteltemperatur aufhöre zu steigen, wenn die Menschheit netto null CO2-Emissionen, erreiche.

"Das physikalische System gibt uns alle Chancen, die Ziele des Paris-Abkommens einzuhalten. Es ist noch nicht zu spät", fasst die Klimawissenschaftlerin zusammen. "Das Klimasystem ist richtig nett zu uns, aber das heißt im Umkehrschluss: Es liegt wirklich an uns."

Redaktioneller Hinweis: Klimaforscherin Friederike Otto gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.

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