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28 Milliarden Tonnen zu viel

Viele Länder haben vor der Klimakonferenz in Glasgow ihre Klimapläne aktualisiert. Doch was sie beitragen wollen, reicht nicht aus. Die bisherigen Anstrengungen müssen sich versiebenfachen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. 


Dampfendes RWE-Braunkohlekraftwerk in Grevenbroich-Neurath im Sonnenschein.
Braunkohlekraftwerk in Deutschland: Für das 1,5-Grad-Ziel müssen die Kohleanlagen schneller vom Netz. (Foto: Catazul/​Pixabay)

Noch immer klafft eine riesige Lücke, noch immer reichen die Anstrengungen, den Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen zu begrenzen, nicht aus. Das zeigt eine neue Auswertung des UN-Umweltprogramms Unep, der sogenannte Emissions Gap Report.

Dem diesjährigen Report zufolge sind die Klimapläne der Staaten zu schwach, um den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperaturen auf 1,5 Grad zu begrenzen, wie es die Weltgemeinschaft 2015 im Pariser Klimaabkommen vereinbart hat.

Schon 2030 müssten die jährlichen Treibhausgasemissionen um 28 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent niedriger liegen, als es die bisherigen Verpflichtungen der Länder beabsichtigen. Das entspricht fast einer Halbierung der derzeitigen Emissionen.

Trotz aller Bekenntnisse zum Klimaschutz schrumpft die Lücke zum Einhalten des 1,5-Grad-Ziels nicht so stark wie es nötig wäre. 2019 bezifferte die Unep die Lücke noch auf 32 Milliarden Tonnen.

Die Unep-Analyse ergibt jedoch, dass mit den vorliegenden Plänen der Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit mindestens 2,7 Grad betragen wird. Das ist eine deutliche Verfehlung des 1,5-Grad-Ziels. Dabei hat jedes einzelne Zehntelgrad Erwärmung, eine nur scheinbar geringe Zunahme, gravierende Konsequenzen im Klimasystem und lässt Extremwetterereignisse häufiger und heftiger werden.

Bis Ende September haben zwar 120 Länder neue Klimapläne vorgelegt. Doch die neuen Selbstverpflichtungen zum Klimaschutz, wie im Paris-Abkommen vereinbart, ändern wenig an der schlechten Prognose.

Die aktualisierten Klimaziele, im klimadiplomatischen Fachsprech als Nationally Determined Contributions (NDCs) bezeichnet, reduzieren die erwarteten Emissionen bis 2030 um 7,5 Prozent im Vergleich zu den früheren Verpflichtungen. Nötig wären aber Emissionsminderungen um 55 Prozent, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Etliche Staaten erhöhen ihre Ziele gar nicht

"Der Klimawandel ist nicht länger ein Problem der Zukunft. Er ist ein Problem der Gegenwart", sagte Unep-Chefin Inger Andersen. Sie machte deutlich, wie sehr die Zeit drängt.

"Wenn wir eine Chance haben wollen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, haben wir acht Jahre Zeit, um die Treibhausgasemissionen fast zu halbieren: acht Jahre, um die Pläne zu machen, die politischen Maßnahmen zu ergreifen, sie umzusetzen und schließlich die Reduktionen zu erreichen. Die Uhr tickt laut."

Viele Regierungen scheinen das Ticken noch nicht gehört zu haben. Nur knapp die Hälfte der neuen Klimazusagen trägt dazu bei, die Emissionen zu mindern.

18 Prozent der Staaten werden die Emissionen im Vergleich zu den vorherigen NDCs nicht weiter reduzieren. Das gilt beispielsweise für die Klimapläne von Australien, Indonesien, der Mongolei, Nambia, Sambia und Tansania. Brasilien und Mexiko haben sogar NDCs vorgelegt, die noch mehr CO2-Ausstoß verursachen als die davor geltende Verpflichtung.

Im Juli dieses Jahres hatten die Industrie- und Schwellenländer der G20 auf einem Treffen ihrer Energie- und Umweltminister versprochen, ihre Ziele zu erhöhen. Doch noch haben einige Länder – wie etwa Indien – dieses Versprechen nicht erfüllt. Wie Indien muss auch China noch ein neues NDC noch vorlegen.

"Die Emissionslücke ist das Ergebnis einer Führungslücke", sagte UN-Generalsekretär António Guterres bei der Vorstellung des Berichts. "Aber die Verantwortlichen können dies immer noch zu einem Wendepunkt hin zu einer grüneren Zukunft machen und nicht zu einem Kipppunkt hin zu einer Klimakatastrophe."

"Wohlstand auf Kosten des Klimas aufgebaut"

Die Autor:innen schlagen vor, dass sich die Länder zu einem Netto-Null-Ziel bekennen sollen. Dann würde der CO2-Ausstoß ab der Zielmarke netto null durch natürliche oder künstliche Senken ausgeglichen werden.

Bei wirksamer Umsetzung könnten Netto-Null-Ziele die weltweite Erwärmung um etwa 0,5 Prozent senken, heißt es in dem Report. Das könne die Chance erhöhen, dass die globale Durchschnittstemperatur "nur" etwas über zwei Grad steigt.

Zwar haben sich 49 Länder wie China, Japan und die USA sowie die EU solche Ziele gesetzt, aber erst für Zeitpunkte, die deutlich nach 2030 liegen.

"Die Weltgemeinschaft muss viel effektiver und schneller den Ausstoß schädlicher Treibhausgase reduzieren", forderte Viviane Raddatz, Klimachefin der Umweltstiftung WWF. Sonst werde das rettende 1,5-Grad-Ziel verfehlt.

Deutschland trage als Industrieland eine besondere Verantwortung, sagte Raddatz. "Wir haben technologischen Fortschritt und Wohlstand auf Kosten des Klimas aufgebaut." Die Bundesrepublik müsse deshalb ihr Klimaschutzgesetz noch verschärfen und die Umsetzung von notwendigen Maßnahmen in allen Sektoren weiter vorantreiben.

Der Bericht wurde wenige Tage vor dem Beginn der Klimakonferenz im schottischen Glasgow veröffentlicht. Auf dem Gipfel soll es darum gehen, noch strittige Detailfragen zum Pariser Klimaabkommen zu verhandeln. Außerdem wird es darum gehen, wie der Weg zu Netto-Null-Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts aussehen soll.

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