Deutschland bis 2035 klimaneutral

Die Klimapolitik der Bundesregierung reicht nicht für die eigenen Klimaziele, geschweige denn die des Paris-Abkommens. Der neu gegründete Verein "German Zero" will das ändern – mit einem detaillierten Plan, wie Deutschland bis 2035 klimaneutral werden könnte.


Arbeiter montieren ein Windrad
Tausende neue Windanlagen müssten in kurzer Zeit für die Netto-Null aufgestellt werden. (Foto: Enercon)

"Unter diesen ganzen Tonnen kann sich doch keiner etwas vorstellen", wimmelte Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) kürzlich die Frage nach dem verbleibenden CO2-Budget ab, also danach, wie viele Treibhausgase in Deutschland noch ausgestoßen werden dürfen.

Nun mag es schwierig sein, sich eine Tonne Treibhausgas vorzustellen. Trotzdem beruhen die Berechnungen des Weltklimarats auf einem CO2-Budget in Tonnen. Dieses gibt vor, wie viel Kohlendioxid die ganze Menschheit noch emittieren darf, wenn sie die Klimaerwärmung an einem bestimmten Punkt stoppen will.

Konkret heißt das: Um die Erwärmung mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad zu grenzen, betrug das globale CO2-Budget nach Abschluss des Paris-Abkommens Ende 2015 noch 500 Milliarden Tonnen.

Daraus lässt sich einfach der deutsche Anteil berechnen, indem man Deutschlands Anteil an der Weltbevölkerung zugrunde legt. Das sind 1,1 Prozent. Deutschland standen somit Anfang 2016 noch 5,5 Milliarden Tonnen an CO2-Emissionen zu.

Deutschland emittiert im Schnitt 800 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Ab Neujahr beläuft sich das deutsche CO2-Budget daher auf nur noch 2,3 Milliarden Tonnen. Bei gleichbleibenden Emissionen wäre diese Restmenge in knapp drei Jahren aufgebraucht.

Das müsste eigentlich auch die Bundesregierung wissen, schließlich hat sie einen Sachverständigenrat, der sie in Klimafragen berät. Heinrich Strößenreuther von der Initiative German Zero sagt daher: "Wir fordern die Bundesregierung auf, umgehend ihre Auffassung zu den Restmengen offenzulegen." Spätestens dann werde sich zeigen, dass die Bundesregierung mit ihrer Klimapolitik plant, dass 1,5-Grad-Ziel zu verfehlen.

Dieses Ziel zu verfehlen wäre allerdings brandgefährlich, wie die "Heißzeit-Studie" zeigt, die unter anderem von Johan Rockström, dem Co-Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, verfasst wurde.

Über 1,5 Grad Erwärmung lauern Kipppunkte im Klimasystem wie das Auftauen des Permafrostbodens, die dafür sorgen, dass sich der Klimawandel selbst verstärkt und vom Menschen nicht mehr gestoppt werden kann.

Volle Klaviatur der Klimapolitik

Aus diesem Grund hat ein neugegründeter Verein namens German Zero (englisch für "Deutsche Null") einen Klimaplan entwickelt, der Deutschlands Emissionen auf das verbleibende 2,3-Milliarden-Tonnen-Budget begrenzt: Dazu muss Deutschland seine Emissionen in den kommenden 15 Jahren auf netto null senken und zusätzlich für Emissionsvermeidung im Ausland zahlen.

Der Plan beruht auf einer Kombination marktwirtschaftlicher Instrumente wie einem CO2-Preis und Steuern, der staatlichen Förderung von Klimaschutz und Ordnungsrecht, also Verboten. Außerdem umfasst der Plan alle Sektoren vom Verkehr bis zur Landwirtschaft.

Das Rückgrat des Plans ist der Energiesektor, und hier ein CO2-freies Stromnetz. Konkret bedeutet das: Kohleausstieg bis 2030 und ein Ende der Verstromung von Erdgas bis 2035. Um die daraus resultierende Stromlücke zu schließen, müssen die Energieeffizienz gesteigert und die Wind- und Solarstromkapazitäten um 13.000 bis 40.000 Megawatt pro Jahr ausgebaut werden.

Das ist möglich: Die maximal erreichten Ausbauraten in einem Jahr betrugen 8.000 Megawatt bei Solarstrom, 5.000 Megawatt bei Windkraft an Land und 2.000 Megawatt bei Offshore-Wind.

Zudem soll in allen Sektoren ab 2020 ein CO2-Preis von 50 Euro eingeführt werden, der dann jährlich um zehn Euro steigt.

In den anderen Sektoren sind allerdings auch viele Einzelmaßnahmen erforderlich, um das Ziel zu erreichen. Die radikalste findet sich im Kapitel zum Verkehr: Schon in zehn Jahren soll der Verkauf von Benzin und Diesel verboten werden.

Ab 2030 nur noch E-Fuels für Verbrenner-Autos

Wer sich jetzt noch ein Auto mit einem Verbrennungsmotor kauft, wird daher ab 2030 synthetische Kraftstoffe ("E-Fuels") tanken müssen, die mit erneuerbarem Strom hergestellt wurden.

Diese sind deutlich teurer als Benzin und Diesel, weil bei der Herstellung große Umwandlungsverluste entstehen. Zudem sollen diese Kraftstoffe eigentlich für den Flugverkehr, die Schifffahrt und die Industrie verwendet werden.

Der Klimaplan sieht aber auch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und den Umbau der Städte zugunsten von Fußgängern und Fahrradfahrern vor.

Klimaschutz im Verkehr mag besonders umstritten sein, ist aber technisch nicht sonderlich schwierig. Anders ist das in der Industrie. Hier bleibt letztlich nur ein Umstieg auf Wasserstoff, wenn der Einsatz von fossilen Energieträgern vermieden werden soll.

Wasserstoff lässt sich mit erneuerbarem Strom aus Wasser herstellen, doch die Umwandlungsverluste sind enorm. Selbst bei einem ambitionierten Ausbau der Erneuerbaren wird Deutschland daher auf Importe von "grünem Wasserstoff" angewiesen sein. Hier bieten sich Nordafrika mit seinen großen Solar- und Windpotenzialen oder Russland als Bezugsquellen an.

Während es in der Industrie wenige große Emittenten gibt, sind es bei der Wärmeerzeugung viele kleine. Um den Wärmebedarf zu senken, müssen Millionen Häuser energetisch saniert werden. Neben dem CO2-Preis sollen dazu staatliche Förderprogramme für die nötigen Anreize sorgen.

Bei Neubauten soll zudem der Betonverbrauch gesenkt werden, etwa durch den vermehrten Einsatz von Holz. Dadurch entfallen die CO2-Emissionen aus der Zementherstellung und Kohlenstoff wird in Form von Holz für viele Jahre in den Gebäuden gespeichert.

Schließlich müssen auch die Landwirtschaft und Landnutzung an dem neuen Klimaziel ausgerichtet werden. Hier geht es vor allem um eine Einschränkung der Massentierhaltung und des Düngereinsatzes.

Zudem sollen Feuchtgebiete wiederhergestellt werden. Bauern, die entwässerte Sumpfgebiete nutzen, sollen mit Anreizen, aber auch Vorschriften zur Umstellung ihrer Betriebe motiviert werden.

Schließlich appelliert German Zero in seinem Klimaplan aber auch an jeden Einzelnen, seine Lebensweise zu hinterfragen. Wer weniger Fleisch isst, selten fliegt und seine Kleider länger trägt, schont das Klima.

Eigene Gesetzesvorschläge für den Bundestag

Bei der Umsetzung dieses Plans setzt German Zero auf die nächste Bundesregierung. Wenn die große Koalition hält, dann gibt es im September 2021 Wahlen. Damit sich die Parteien bis dahin zum German-Zero-Plan bekennen, sind mehrere Schritte erforderlich.

Zuerst soll der Plan weiter verfeinert und von Anwälten in Gesetzesform gebracht werden. Parallel dazu sollen Kommunen dafür gewonnen werden, sich ebenfalls zu Klimaneutralität bis zum Jahr 2030 oder 2035 zu verpflichten.

Der neugewählte Bundestag soll dann im Jahr 2022 das Netto-Null-Klimaziel für 2035 im Grundgesetz verankern und die dazu nötigen Einzelgesetze verabschieden.

Entscheidend sind somit die kommenden beiden Jahre: 2020 für den Aufbau der German-Zero-Bewegung und 2021, um die Parteien im Wahlkampf auf den Klimaplan zu verpflichten.

Der Beitrag wurde am 23. Dezember korrigiert (CO2-Restbudget Deutschlands).

Interview mit Heinrich Strößenreuther von German Zero:

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