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"Am Ende der Nahrungskette"

Eine große Mobilitätsstudie macht deutlich: Damit die Verkehrswende gelingt, müssen mehr Menschen zu Fuß gehen. Im Interview mit Klimareporter° erklärt Roland Stimpel vom Fußverkehrs-Verband FUSS e.V., warum die Hälfte aller Wege in Deutschland zu Fuß zurückgelegt werden kann.


Stadtbauexperte, Fachjournalist, passionierter Geher: Roland Stimpel vom FUSS e.V. (Foto: privat)

Klimareporter°: Herr Stimpel, wie viele Kilometer legen Sie am Tag zu Fuß zurück?

Roland Stimpel: Zwei Kilometer etwa.

Haben Sie mal ausgerechnet, wie viel CO2 Sie damit einsparen?

Für mich persönlich nicht. Aber diese Zahl sagt alles: Pro Kopf emittieren wir in Deutschland jährlich 1.400 Kilogramm CO2 durch Autoverkehr, aber nur ein Kilo durch Rad- und Fußverkehr. Pro durchschnittlichen Weg verbraucht ein Autofahrer im Durchschnitt 25.000 Kilojoule im Motor, ein Fußgänger aber nur 191 Kilojoule im Körper.

Eine große Mobilitätsstudie des Verkehrsministeriums hat ergeben: Die Deutschen gehen am liebsten zu Fuß und steigen weniger gern ins Auto, aufs Fahrrad oder in Busse oder Bahnen. Was ist denn bitte so toll am Zu-Fuß-Gehen?

Es hilft der Umwelt. Der Begriff "ökologischer Fußabdruck" müsste eigentlich "Radabdruck" heißen, denn wer zu Fuß geht, verursacht keine CO2-Emissionen. Nicht zu unterschätzen ist auch der soziale Aspekt. Laufen lernt ein Kind schon mit einem Jahr. Laufen kostet nichts, die Wege sind für alle frei zugänglich, man muss kaum Regeln kennen, ist am beweglichsten und nimmt am meisten von seiner Umwelt wahr.

Die Mobilitätsstudie fordert, dass Zu-Fuß-Gehen Teil einer klimafreundlichen Verkehrswende sein sollte. Wie kann Laufen denn zu einer Verkehrswende beitragen?

Es ist ein ganz wichtiger Bestandteil einer Verkehrswende. Schließlich ist es eine Bewegungsform ohne Motor, der Treibstoffe oder Strom braucht. Da sind wir unerreichbar. Die Hälfte aller Wege in Deutschland ist kürzer als drei Kilometer – das ist auch zu Fuß machbar. Denn ein erwachsener Mensch braucht dafür weniger als eine halbe Stunde.

"Mobilität in Deutschland"

Es ist eine der wichtigsten Studien, die im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums alle paar Jahre zum Thema Mobilität vorgelegt wird. Für die aktuelle Studie hat das Infas-Institut fast eine Million Wege von mehr als 300.000 Menschen analysiert.

 

Das Ergebnis: In Berlin und Hamburg, den größten Städten und zugleich Stadtstaaten, bewältigen Fußgänger jeweils 27 Prozent aller Wege. Dicht dahinter liegen die Fahrer von Autos und Motorrädern mit 23 Prozent in Berlin und 26 Prozent in Hamburg. Die meisten Fußgänger gibt es unter ganz Jungen und Alten, Menschen mit geringem Einkommen und ohne eigenes Auto.

Was bringt es einem selbst, zu Fuß zu gehen?

Wer zu Fuß geht und sich die Zeit dafür nimmt, der verbessert seine Gesundheit. Es gibt medizinische Langzeitstudien, in denen zwei Gruppen verglichen wurden. Die eine bewegte sich so gut wie gar nicht, die andere ging etwa 20 Minuten täglich zu Fuß. Nach zwölf Jahren zeigte sich: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Geher war um das Vierfache der Zeit gestiegen, die sie gegangen waren.

Gehen Sie nur zu Fuß oder nutzen Sie auch andere Fortbewegungsmittel?

Längere Wege lege ich mit dem Fahrrad zurück, ich nutze auch die öffentlichen Verkehrsmittel. Ungefähr einmal pro Monat setze ich mich auch ins Auto und nutze Carsharing – wenn ich zum Beispiel eine Couch transportieren muss.

Was hat Sie zum Fußgänger bekehrt?

Es gab keine Bekehrung, ich bin schon immer viel gelaufen. Aber es gibt täglichen Lohn. Zu-Fuß-Gehen bietet am meisten Erfahrung. Früher hatte ich einen Arbeitsweg von zehn Kilometern, den bin ich meist geradelt und einmal im Jahr gelaufen. Und da sind mir die Augen aufgegangen, was man so alles sieht – Fensterschmuck, Lädchen, hübsche Vorgärten, das gemächlichen Leben auf Vorort-Bürgersteigen. Auch treffe ich in meinem Kiez immer wieder Leute, wenn ich zu Fuß unterwegs bin.

Der Mobilitätsbericht zeigt auch, dass die Menschen heute weniger Meter zu Fuß zurücklegen als noch vor zehn Jahren. Passt Zu-Fuß-Gehen überhaupt noch zum Zeitgeist? Zum Gedanken der Effizienz, der Schnelligkeit?

Zur Effizienz allemal, da man mit Zu-Fuß-Gehen Lebenszeit gewinnt. Außerdem kann man auf dem Weg fünf Dinge erledigen, zum Beispiel beim Spätkauf noch etwas einkaufen. Nicht zuletzt ist Zu-Fuß-Gehen gesellschaftlich effizienter. Fußgänger brauchen von allen Verkehrsteilnehmern auch am wenigsten Platz und Infrastruktur – und das spart Geld. Ein Meter Stadtautobahn kostet in Berlin 150.000 Euro, ein Meter Fußweg, der fünf Meter breit ist, nur 2.000 Euro.

Drei Männer gehen über einen Zebrastreifen.
Zu-Fuß-Gehen: Die ursprüngliche Fortbewegungsart der Menschen. (Foto: StockSnap/​Pixabay)

Und die Schnelligkeit?

Wichtig ist doch nicht: Wie schnell bin ich unterwegs. Sondern: Wie schnell erreiche ich mein Ziel? Im Jet pro Tag eins, im Kiez zu Fuß zehn Ziele. Die Länge ist nicht wichtig, auch nicht die konventionelle Definition von Verkehrsleistung, also die Zahl der zurückgelegten Kilometer. Wenn jemand 30 Kilometer zur Arbeit fährt, hat er angeblich 30-mal mehr geleistet als die Kollegin, die einen Kilometer zu Fuß gegangen ist. Was für ein Quatsch!

Nicht der Aufwand ist wichtig, sondern das Ergebnis. Und wir bekommen mehr Ergebnisse mit geringerem Aufwand in dichten, gemischten Städte, in denen die Wege kurz sind. Das andere Extrem sind Städte wie Los Angeles, wo alles weit ausgedehnt ist und es gigantische Stadtautobahnen braucht, damit die Menschen zu den Einkaufszentren am Stadtrand gelangen.

Inzwischen beginnen einzelne Städte wie Berlin ja tatsächlich, ihre Städte klimafreundlicher umzubauen – allerdings ganz auf Radverkehr ausgerichtet. Sehen Sie Fahrradfahrer als Konkurrenz?

Wenn Menschen vom Auto aufs Fahrrad umsteigen, ist das gut. Aber das Fahrrad ist ein Fahrzeug. Und gehört deshalb auf die Straße. Der Gehweg sollte nur ein Gehweg sein – oder wieder werden. Heute aber parken auf dem Gehweg Autos und fahren Fahrradfahrer und nehmen den Fußgängern den letzten Raum. Dazu kommen Stühle, die vor Cafés stehen, Ladesäulen, Paketroboter, Werbeschilder. Fußgänger stehen am Ende der Nahrungskette. Das darf nicht sein.

FUSS e.V.

Der Fußgängerschutzverein FUSS e.V. vertritt als bundesweiter Fachverband die Interessen von Fußgängern. Zu-Fuß-Gehen soll sicherer, gesünder, angenehmer und attraktiver werden und den Umweltverbund in Stadt und Land stärken. Der Verband wurde 1985 gegründet.

Ihre Folgerung?

Die Prioritäten müssen sich ändern, auf dem Gehweg wie beim Kreuzen der Fahrbahn. Da braucht es mehr Zebrastreifen, andere Ampelschaltungen und Querungshilfen, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Ortschaften. Und wer eine Straße überquert, muss die Möglichkeit haben, die Fahrbahnen zu überblicken – oft ist das wegen geparkter Autos gar nicht möglich.

Wir brauchen Priorität für Fußgänger. Damit es nicht mehr 462 getötete und etwa 30.000 verletzte Fußgänger gibt wie im vorigen Jahr. Es wird die Todesstrafe verhängt, nur weil jemand verträumt ist oder zu klein.

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