Fünf Ideen, um uns vom Fliegen abzubringen

Fliegen ist klimaschädlich und – zumindest auf der Nordhalbkugel der Erde – tragische Normalität. Es gibt aber politische Vorschläge, wie man unser kollektives Flugaufkommen senken könnte. Wie sie funktionieren und was sie bringen.


strahlend blauer Himmel, weiße Wolken und Flugzeug von unten
Kein Verkehrsmittel heizt die Atmosphäre mehr auf als das Flugzeug. (Foto: Pexels/​Pixabay)

Der Traum vom klimafreundlichen Fliegen: Luftfahrtbranche, Gewerkschaften und Bundesregierung haben diese Woche auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz die Grundlagen für eine neue Luftverkehrsstrategie gelegt. Deren Kern soll es sein, das Fliegen durch neue Technologien klimafreundlich zu machen.

"Unser Ministerium will fördern statt verbieten, saubere und synthetische Kraftstoffe billiger machen", sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auf der Konferenz, die thematisch passend in einem Airport stattfand, nämlich im Flughafen Leipzig/Halle.

Die Ausrichtung entspricht den Wünschen der Branche, wie sie der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft Anfang August formuliert hatte. Demnach sehen die Lobbyisten das größte Klimaschutz-Potenzial im Wechsel auf neue Treibstoffe.

Statt herkömmlichem Kerosin will die Branche künftig auf sogenannten Power-to-Liquid-Kraftstoff setzen – also auf synthetisches Flugbenzin, das aus Wasser und Kohlendioxid unter Nutzung von Ökostrom hergestellt wird. Und die Passsagierzahlen, die sollen der Idee nach weiter steigen.

Das Problem: Bisher ist der neue Flugzeug-Sprit mangels großtechnischer Anlagen kaum verfügbar, zudem noch deutlich teurer als Kerosin. Hinzu kommt, dass der in großen Mengen benötigte Ökostrom längst noch nicht vorhanden ist. Die Bundesregierung hat schon große Probleme, den "normalen" Erneuerbaren-Ausbau auf die Reihe zu bekommen – und neben dem Fliegen soll ja auch das Heizen und das Autofahren elektrifiziert werden.

Es ist allerdings nicht so, als gäbe es keine Vorschläge, wie die Luftfahrt im Sinne des Klimaschutzes reguliert werden könnte. Wir stellen die wichtigsten Ideen vor, die auf dem Tisch liegen:

1. Öko-Abgabe auf Flugtickets

Die softe Variante: Wer in Frankreich ab dem kommenden Jahr ein Flugticket kaufen möchte, dem wird ein "CO2-Beitrag" auf den Preis aufgeschlagen. Die Einnahmen steckt der Staat in den Ausbau des Bahnsystems.

Dass die Einnahmen direkt in klimafreundliche Mobilität fließen, ist das Besondere an dem neuen Öko-Beitrag. Schon lange gibt es in Frankreich die "Chirac-Steuer" auf Flugtickets, und auch in Deutschland und anderen Ländern bestehen ähnliche Luftverkehrsabgaben. Diese Einnahmen sind aber nicht spezifisch zur Finanzierung von Klimaschutz da.

So klimaschädlich ist das Fliegen

Fliegen macht die beste Klimabilanz kaputt. Wenn wir innerhalb der planetaren Grenzen bleiben und das verbleibende CO2-Budget gleichmäßig auf alle Menschen aufteilen wollen, bleibt pro Kopf ein Ausstoß von etwa einer Tonne Kohlendioxid im Jahr. Schon mit einer Reise von Berlin nach London und zurück verursacht man etwa eine halbe Tonne. Soll es stattdessen nach Bangkok gehen, sind es mehr als fünf Tonnen.

Insgesamt trägt die Luftfahrt laut Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft mit 2,7 Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. Das ist kein Pappenstiel: Wäre die Branche ein Land, würde es damit auf Platz sechs der größten Emittenten liegen, sogar noch vor Deutschland.

Dass durch solche Abgaben weniger geflogen wird, ist kaum zu erwarten, solange die Ticket-Aufpreise gering sind. Beispiel Frankreich: Je nach Flugstrecke fallen 1,50 und 18 Euro an – davon wird sich kaum ein Reisender abschrecken lassen.

2. Kerosinsteuer

Wer Auto fährt, zahlt Mineralölsteuer auf seinen Sprit, die Bahn muss unter anderem Stromsteuer und EEG-Umlage bezahlen – Fluggesellschaften sind von solchen Abgaben fast überall auf der Welt befreit. Das rührt vom Chicagoer Abkommen von 1944 her, mit dem auch die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO gegründet wurde. Ziel war es, den Luftverkehr anzukurbeln, man erhoffte sich positive Wirkungen für Weltwirtschaft und Völkerverständigung.

Eine indirekte Subvention also, deren Abschaffung heute viele fordern – vom Umweltbundesamt über die Umweltverbände bis zu Vertretern mehrerer Parteien. Ein zu geringes Interesse am Fliegen ist schließlich nicht mehr zu befürchten, ganz im Gegenteil. Einzig die FDP lehnt eine Kerosinsteuer kategorisch ab – und die CDU verhält sich zögerlich.

Die Branche heult regelmäßig auf, wenn eine Kerosinsteuer im Gespräch ist. Sie wäre deutlich effektiver als etwa eine Abgabe auf Tickets. "Die Höhe der Zahlungen würde sich danach richten, wie viel Treibstoff verbrannt wird – also auch danach, wie viel tatsächlich emittiert wird", sagt Lucy Gilliam vom europäischen Dachverband Transport and Environment.

Am effektivsten wäre eine Kerosinsteuer wohl, wenn sie international gültig wäre. Dann könnten die Fluggesellschaften nicht einfach auf Länder ausweichen, in denen die Abgabe nicht anfällt. Gegen so eine Regelung spricht momentan das Chicagoer Abkommen. Innerhalb des eigenen Landes dürfen Staaten die Steuer aber jetzt schon einführen.

3. Verbot von Inlandsflügen

Mal schnell von Berlin nach Köln jetten? Geht es nach dem Verkehrssoziologen Andreas Knie, sollte das verboten werden – genau wie alle anderen Flüge innerhalb Deutschlands. Die Zahl der innerdeutschen Flüge ist zwar rückläufig, doch im vergangenen Jahr gab es trotzdem noch 23,5 Millionen Passagiere.

Einiges müsste allerdings geklärt werden: Dürften nur direkte Verbindungen innerhalb Deutschlands nicht mehr gebucht werden oder dürften Fluggesellschaften auch keine sogenannten Zubringerflüge mehr anbieten? Sprich: Dürfte man zum Beispiel von Berlin aus mit Umstieg in München ins Ausland fliegen?

Wenn das erlaubt bliebe, wäre es denkbar, dass Fluggäste eine Auslandsverbindung buchen, aber einfach nur den ersten – nämlich innerdeutschen – Abschnitt mitfliegen und den Rest des Tickets verfallen lassen.

4. Cap and Trade

Noch ein Vorschlag von Knie: Man könne doch Flugreisen aus Klimaschutzgründen pro Kopf deckeln. Denkbar sei zudem eine Art Marktplatz: Wer mehr benötige, müsste dann denen Flugrechte abkaufen, die ihre nicht aufbrauchen. Und die könnten durch ihr klimafreundliches Verhalten Geld verdienen.

Der Luftverkehr in der internationalen Klimapolitik

Fluggesellschaften müssen sich weltweit kaum am Klimaschutz beteiligen. Der Grund: Die Staatengemeinschaft hatte die Weltluftfahrt­organisation ICAO im Kyoto-Protokoll von 1997 damit beauftragt, den Klimaschutz in der Branche selbst zu organisieren. Fast zwei Jahrzehnte brauchte die ICAO dann, um dem Luftverkehr auch nur ein erstes Klimaziel zu geben: 2016 beschloss sie, dass die CO2-Emissionen durch Flüge ab 2020 nicht weiter ansteigen sollen. Allerdings nur auf dem Papier.

Das rasante Wachstum der Branche wirklich zu bremsen und weniger zu fliegen, ist nämlich nicht der Plan. Statt selbst Treibhausgase einzusparen, sollen die Fluggesellschaften nach den Vorstellungen der ICAO auf Offsets setzen. Bei diesen Kompensationsmodellen werden Klimaschutz-Projekte finanziert, zum Beispiel für erneuerbare Energien oder die Aufforstung von Wäldern, deren Effekt sich die Airline dann anrechnen kann.

Umstritten ist, wo man den Deckel ansetzen sollte. Knie selbst hatte als ersten Anstoß drei Flugpaare pro Kopf ins Gespräch gebracht. Jeder dürfte pro Jahr dreimal irgendwo hinfliegen – und wieder zurück. Geht man von 83 Millionen Deutschen aus, wären das fast 250 Millionen Flüge.

Deutsche Flughäfen haben im Jahr 2017 "nur" 213 Millionen Passagiere befördert. Ein solcher Deckel hätte also insgesamt noch keine einschränkende Wirkung. Er ließe sich aber auch niedriger ansetzen oder nach und nach senken.

Unabhängig davon erhofft Knie sich durch so ein Cap-and-Trade-System einen sozialen Wandel, denn Fliegen wäre gewissermaßen gebrandmarkt. Wer das Geld habe, könne sein Ticket-Kontingent zwar erweitern und weiterhin fliegen, räumt er ein. Aber: "Würden die Schönen und Reichen mit dem 'Ich fliege' angeben können?"

5. Verstaatlichung der Airlines

Es ist ein Vorschlag der Linkspartei: Die Fluggesellschaften sollen in die öffentliche Hand. "Was so dramatische gesellschaftliche Folgen haben kann, darf nicht marktwirtschaftlich und unreguliert bleiben. Fluggesellschaften gehören in staatliche Hand – genauso wie die Energieversorgung oder die Bahn", sagte Parteichef Bernd Riexinger der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Die Ursache für die "unverantwortlich billigen" Flugpreise sieht er in der Privatisierung im Flugverkehr. "Fliegen war ja mal besser reguliert und überwiegend in öffentlicher Hand. Man hat einen wilden Konkurrenzkampf auf dem Flugmarkt zugelassen – zum Nachteil der Beschäftigten und zulasten des Klimas."

Redaktioneller Hinweis: Andreas Knie ist Mitglied im Kuratorium von Klimareporter°.

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