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Gefährliche Fantasien der Klima-Manipulation

Der Weltklimarat warnt vor ungeprüften und hochriskanten Geoengineering-Technologien. Diese könnten den Klimazusammenbruch nicht aufhalten, ja sogar beschleunigen.


Himmel kurz vor Sonnenuntergang mit ungewöhnlich verzerrten, dunkelroten Wolken.
Beim Solar Radiation Management sollen zum Beispiel Aerosole in der Stratosphäre versprüht werden. (Foto: Truong Trinh/​Pixabay)

Stärker als je zuvor warnt der Weltklimarat IPCC, dass die Klimakrise schon jetzt schwere und dauerhafte Verluste und Schäden in Gesellschaften und Ökosystemen verursacht. Eine Überschreitung des globalen Temperaturlimits von 1,5 Grad Celsius würde weitere irreversible Schäden mit sich bringen.

Zu den verheerenden Auswirkungen schon bei einer Erwärmung um 1,5 Grad gehören das Aussterben von Arten, der Verlust ganzer Ökosysteme an Land und in den Ozeanen sowie immer mehr extreme Wetterereignisse wie Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und Brände. All das gefährdet Wasserressourcen, Ökosysteme und die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen.

Jenseits der 1,5-Grad-Grenze besteht zunehmend die Gefahr, dass Kipppunkte und Rückkopplungen im Klimasystem ausgelöst werden, die die Klimakrise beschleunigen.

Teile der wissenschaftlichen Gemeinschaft greifen nun vermehrt nach technologischen Lösungen aus dem Bereich des Klima-Geoengineering. Doch das sind ungetestete, hochriskante Technologien wie die großmaßstäbliche technologische CO2-Entfernung (Carbon Dioxide Removal) oder das Solar Radiation Management.

Das Interesse an solchen Hochrisikotechnologien wächst inzwischen auch bei einigen Regierungen und vor allem in klimaschädlichen Branchen wie der fossilen Industrie, bei Bergbau und Luftfahrt sowie im Silicon Valley.

Die jüngsten Erkenntnisse des IPCC zeigen jedoch, dass gerade dieses Geoengineering katastrophale Ereignisse auslösen könnte, vor allem in den Teilen der Welt, die ohnehin schon stark von der Klimakrise betroffen sind. Diese Technologien würden eine Reihe neuer, gravierender Gefahren für Menschen und Ökosysteme mit sich bringen.

CO2-Entfernung mit Risiken und Nebenwirkungen

Technologisches Carbon Dioxide Removal (CDR) in großem Maßstab – hier geht es um CO2-Abscheidung und -Speicherung in diversen Varianten oder auch um "Ozeandüngung" – gefährdet Ökosysteme, Lebensmittel- und Wassersicherheit, Existenzgrundlagen und Landrechte, besonders für indigene und lokale Gemeinschaften. Der 2018 veröffentlichte IPCC-Sonderbericht zum 1,5 Grad-Ziel warnte eindringlich vor einer starken Abhängigkeit von CDR und stellte die soziale und ökologische Verträglichkeit dieser Großtechnologien stark infrage.

Aber auch der physikalischen Wirksamkeit von CDR im Klimasystem sind Grenzen gesetzt. Laut der Arbeitsgruppe eins des IPCC würde die großmaßstäbliche CO2-Entfernung teilweise durch die Freisetzung von CO2 aus den Meeren und den Ökosystemen an Land kompensiert werden. Das ist der spiegelbildliche Effekt im Kohlenstoffkreislauf, der aktuell noch dazu führt, dass ein großer Teil unserer Emissionen von den Ozeanen und Landökosystemen aufgenommen wird.

Porträtaufnahme von Linda Schneider.
Foto: privat

Linda Schneider

arbeitet als Referentin für inter­nationale Klima­politik bei der Heinrich-Böll-Stiftung mit Schwerpunkt auf "Techno-Fixes" und andere Schein­lösungen und ist in der Klima­bewegung aktiv.

Unklarheiten und Unsicherheiten rund um die dauerhafte CO2-Speicherung untergraben zusätzlich die Wirksamkeit von CDR.

Das Risiko, dass Rückkopplungen und Kipppunkte im Klimasystem wie das Auftauen von Permafrostböden und das Kollabieren von Waldökosystemen ausgelöst werden, nimmt bei einer Erwärmung um mehr als 1,5 Grad drastisch zu. Es ist unklar, ob es dann überhaupt noch möglich wäre, von einem solchen "Overshoot" wieder zu einem 1,5-Grad-Niveau zurückzukehren.

Nicht zuletzt würden einige der dramatischen Veränderungen im globalen Klimasystem selbst durch eine Absenkung der Temperatur kaum rückgängig gemacht werden können, sondern über Jahrhunderte bis Jahrtausende weiter voranschreiten. Dazu gehört der Anstieg des Meeresspiegels, der die Existenz von kleinen Inselstaaten und niedrig gelegenen Küstengebieten sowie der vielen Millionen Menschen in diesen Gebieten bedroht.

Solares Geoengineering hat selbst das Potenzial zur Katastrophe

Um einen "Overshoot" zu verhindern, schlagen einige vor, solares Geoengineering (Solar Radiation Management, SRM) einzusetzen, beispielsweise indem riesige Mengen von Aerosolen in der Stratosphäre versprüht werden. Dabei haben Wissenschaftler und auch der Weltklimarat immer wieder vor den schwerwiegenden Risiken und potenziell katastrophalen Auswirkungen einer groß angelegten Manipulation des Klimasystems gewarnt.

Im jüngsten IPCC-Bericht heißt es in der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger, dass SRM-Ansätze "ein breites Spektrum neuer Risiken für Menschen und Ökosysteme" mit sich brächten. SRM birgt tiefgreifende Risiken wie die Störung regionaler und saisonaler Niederschlagsmuster, den Abbau der Ozonschicht, die anhaltende Versauerung der Ozeane sowie weitere bekannte und unbekannte negative Nebenwirkungen.

Da SRM den Temperaturanstieg nur unterdrücken und nichts an der eigentlichen Ursache des Problems ändern würde, würde ein plötzlicher Abbruch der Maßnahmen eine rasche Beschleunigung des Klimawandels hervorrufen – einen sogenannten "Abbruchschock". Eine Anpassung an so starke Klimaänderungen wäre für viele Arten und Ökosysteme unmöglich.

Die Opposition gegen SRM wächst auch außerhalb des IPCC weiter. Mehr als 240 führende Wissenschaftler aus aller Welt fordern ein internationales Abkommen über die Nichtnutzung von Solar-Geoengineering, das die weitere Entwicklung von SRM wirksam verhindern würde.

Auch in der Zivilgesellschaft regt sich Widerstand. Ein wichtiges Vorzeige-Experiment aus dem Bereich des solaren Geoengineerings über indigenem Territorium im schwedischen Kiruna musste nach starkem Widerstand des Saami Council abgesagt werden. Das indigene Gremium stellte klar, dass die Saami Klimamanipulation für grundsätzlich unvereinbar mit indigener Kosmologie halten.

Radikaler Realismus für 1,5 Grad

Der einzig vernünftige Schluss aus alldem ist, dass wir unbedingt ein Überschreiten des 1,5-Grad-Limits und damit einen Klimazusammenbruch verhindern müssen.

Dabei besteht kein Zweifel, dass uns die Zeit davonläuft. Die erste Arbeitsgruppe des IPCC stellte in ihrem Teilbericht vom August 2021 fest, dass die 1,5-Grad-Grenze schon in den frühen 2030er Jahren überschritten werden könnte. Dennoch ist die Orientierung an der 1,5-Grad-Grenze überlebenswichtig. Drastische und umfassende Emissionsreduktionen können die Klimakrise und ihre verheerenden Auswirkungen begrenzen.

Das bedeutet vor allem einen schnellen und vollständigen Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen: Öl, Gas und Kohle. Dabei müssen die reichen Staaten im globalen Norden vorangehen und den fossilen Ausstieg deutlich früher vornehmen als bislang geplant.

Weitere zentrale Elemente für eine klimagerechte Zukunft sind demokratische Energiesysteme, die zu 100 Prozent erneuerbar und nachhaltig sind, eine tatsächliche und gerechte Mobilitätswende, eine agrarökologische Umgestaltung unserer Lebensmittelsysteme sowie eine Verringerung des Energie- und Ressourcenverbrauchs im reichen globalen Norden. Notwendig ist eine Wiederherstellung der lebenswichtigen Ökosysteme der Welt unter Wahrung kommunaler Landrechte, insbesondere von indigenen und lokalen Gemeinschaften.

Die gefährlichen Fantasien der Klima-Manipulation aber sind das Gegenteil von Klimagerechtigkeit. Sie sollen ablenken von der Dringlichkeit, jetzt zu handeln – mit sicheren, bewährten und praktikablen Strategien. Es ist ein Ablenkungsmanöver im Interesse der fossilen Industrie, um die notwendigen drastischen Veränderungen weiter hinauszuzögern. Damit steigt das Risiko, das Klimachaos und andere globale soziale und ökologische Krisen zu verschlimmern.

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