Mit der "Methode Stresstest" gelingt die Energiewende nie

Die Debatte um verlängerte AKW-Laufzeiten zeigt, wie hilf- und fantasielos die Regierung der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt offenbar agiert. Aufgabe von Politik wäre gewesen, den Lösungsraum aktiv selbst zu definieren, statt sich hinter technischen Dokumenten zu verstecken.


Das Atomkraftwerk Isar 2 nahe dem niederbayerischen Landshut, bei Nacht aufgenommen.
Das Atomkraftwerk Isar 2 soll in den Streckbetrieb gehen. (Foto/​Ausschnitt: Uwe Kohlmaier/​Wikimedia Commons)

Seit mehr als 20 Jahren analysiere und evaluiere ich weltweit Energie- und Klimaschutzprogramme. Schaue ich auf mein eigenes Land, bin ich besorgt.

Denn: Der Streit um den Streckbetrieb dreier Atomkraftwerke zeigt, wie wir die Energiekrise nicht bewältigen werden: Indem wir politisch polarisieren, Pseudofakten willkürlich aus dafür ungeeigneten technischen Dokumenten "zitieren" und ein schlechtes Aushandlungsergebnis dann per "Machtwort" durchboxen.

Mit diesen Methoden ist das Ziel, uns durch grüne Energie von russischem Gas unabhängig zu machen und gleichzeitig unsere Wirtschaft zu dekarbonisieren, bereits im Ansatz zum Scheitern verurteilt.

Zunächst aber: Was genau ist eigentlich in den letzten Monaten passiert? Es kommt selten vor, dass auf höchster politischer Ebene wochenlang explizit über ein technokratisches Dokument so viel gestritten wird wie über den "Stresstest" der vier großen deutschen Übertragungsnetzbetreiber.

Der "Stresstest" analysierte verschiedene technische Extremszenarien daraufhin, ob Instabilitäten im Stromnetz oder Strommangellagen drohen. Ist es nicht zu begrüßen, wenn Politik auf Basis wissenschaftlicher Analysen entscheidet? Doch, natürlich.

Nur: Genau das wurde hier nicht getan, denn der "Stresstest" hat die falsche Frage von den falschen Institutionen überprüfen lassen – und die Politik hat dann noch die falschen Schlüsse gezogen.

Dieses technische Dokument, das von großen Netzbetreibern zur technischen Risikoabwägung ausgearbeitet wurde, hätte nie eine solche politische Bedeutung gewinnen dürfen. Und das aus mehreren Gründen.

Extremannahmen, keine wahrscheinlichen Szenarien

Erstens: sein Inhalt und seine Intention. Der sogenannte Stresstest trifft Extrem-Annahmen bezüglich der Stabilität der Stromversorgung. Das ist seine Aufgabe. Er untersucht Situationen am Rande der plausiblen Konstellationen von Gefährdungsmomenten. Mit dem Normalfall oder realistisch zu erwartenden Szenarien im Stromnetz beschäftigt er sich nicht.

 

Die Annahmen des stattgefundenen Stresstestes hatten zudem eine deutlich kürzere Halbwertszeit als die politische Diskussion selbst. Wesentliche Rahmenbedingungen sind schon wieder deutlich überholt.

So bewegt sich zum Beispiel der Gaspreis inzwischen wieder weit entfernt von den Annahmen im Stresstest. Dort wurde er mit 300 Euro je Megawattstunde veranschlagt. Auch haben sich die durch Niedrigwasser verursachten Transportengpässe für Steinkohle aufgelöst.

Im Übrigen macht der Stresstest keine Aussage zu dem im Verlauf der politischen Debatte dann ständig angeführten Strompreis. Vor allem trifft er keine Aussage dazu, ob der Strompreis durch die drei restlichen deutschen Atomkraftwerke irgendwie beeinflusst würde.

Okay, Fachleute können aus dem Papier ablesen, dass sich das Weiterlaufen der drei Kraftwerke in etwa 30 der fast 9.000 Stunden im Jahr auf den Preis auswirken kann. Aber der Test stellt auch fest, dass im Streckbetriebsszenario ein Drittel des in den drei AKW erzeugten Atomstroms exportiert wird.

Für die Autoren spielen Kosten keine Rolle

Zweitens: die Verfasser: Der Stresstest wurde von den vier großen Übertragungsnetzbetreibern berechnet. Deren höchste Priorität besteht darin, Stromausfälle zu vermeiden, und zwar im buchstäblichen Sinne "koste es was es wolle".

Denn was es kostet, ist den Netzbetreibern egal. Sie sind es gewohnt, die Kosten für die Systemstabilisierung auf die Netznutzer abzuwälzen und werden das auch diesmal tun. Eine Abwägung von Aufwand und Nutzen ist nicht Teil der Analyse.

Daher werden im Stresstest die Kosten, die für die Stabilisierung der Stromversorgung anfallen, auch nicht mit den möglichen Kosten verglichen, die bei alternativen Lösungen entstehen könnten, wenn beispielsweise eine kontrollierte Nachfragereduktion oder -steuerung vorgenommen würde.

Volkswirtschaftlich optimal ist so ein Verzicht auf den Vergleich nicht. Die Kosten, die entstehen, um das Netz unter allen Umständen und in jedem Moment stabil zu halten, könnten insgesamt deutlich höher sein als die eines geplanten, lokal und zeitlich eng begrenzten "Lastabwurfs" oder einer Lastverschiebung.

Die Netzbetreiber können solche Abwägungen nicht vornehmen – vor allem aber wollen sie es nicht. Denn das wäre rufschädigend für sie. Das deutsche Netz gilt als eines der stabilsten der Welt, mit einer der geringsten Ausfallquoten. Und das soll auch so bleiben. Die Kosten dafür sind – aus Sicht der Netzbetreiber – nicht relevant.

Denn die Netzbetreiber – und das wird oft vergessen – sind erst in den 1990er Jahren aus den großen Energiemonopolisten des 20. Jahrhunderts entstanden. Bis heute handeln sie eher wie Behörden als wie Unternehmen, die ständig Kosten und Nutzen abwägen müssen. Ihr Motto ist: "Wir haben keine Kunden, wir haben Stromabnehmer."

Im Netzbetrieb stellt die Stabilität den ultimativen Wert dar, und dafür lassen sich im Endeffekt auch unendlich hohe Kosten rechtfertigen.

Atomkraftwerke erhöhen kaum die Systemstabilität

Drittens: die Politik. Sie sollte eigentlich Verantwortung tragen. Einen Stresstest, ein technisches Dokument, vorzuschieben, heißt zunächst, sich vor der Verantwortung drücken.

Schlimmer: Eine politisch polarisierte Debatte auf einzelne, beliebig aus dem – an sich schon selektiven – Stresstest ausgewählte Worte und Zahlen aufzubauen und diese auch noch bewusst fehlzuinterpretieren, ist schlichtweg technisch wie moralisch falsch. Das gilt auch dann, wenn man in der Opposition oder in der Innerregierungsopposition sitzt.

Wenn die Politik schon ein solches Dokument zum Maßstab ihres Handelns erklärt, dürften trotzdem daraus nur solche Schlüsse gezogen werden, die auch tatsächlich mit den Analysen begründbar sind.

Anders aber als die politische Debatte vermuten lässt, macht der Stresstest deutlich, dass die AKW einen nur geringen Beitrag zur Systemstabilität leisten können.

Im Szenarienvergleich wird die Zeitspanne, in der der Strom in Deutschland möglicherweise nicht ausreicht, um den wegen Heizlüftern erhöhten Strombedarf zu decken, durch den AKW-Einsatz um genau eine Stunde gesenkt – von 18 auf 17 Stunden pro Jahr. Entsprechend überzogen ist die gesamte AKW-Debatte.

Wichtige Handlungsoptionen wurden ignoriert

Bedeutet dies, dass der Stresstest bedeutungslos ist für die aktuelle Debatte? Nein. Denn viertens zeigt er mit Abstand wichtigere – und technisch relevantere – Handlungsoptionen für eine aktive Energiewende auf.

Diese haben aber weit weniger politische und mediale Aufmerksamkeit bekommen wie etwa das Einsparen von Energie oder auch die drastischen Konsequenzen des schleppenden Netzausbaus für die Sicherheit der Stromversorgung.

Viel mehr Aufmerksamkeit hätten zum Beispiel die enorm hohen und steil ansteigenden sogenannten Redispatch-Kosten zum Ausgleich des Netzengpasses zwischen Nord- und Ost- sowie Süd- und Westdeutschland verdient.

Die Politik gaukelt sich und uns seit Jahren einen einheitlichen deutschen Strommarkt vor, den das Netz aber physisch gar nicht hergibt. Süddeutsche Verbraucher können zwar auf dem Papier billigen Windstrom in Norddeutschland kaufen, der kann aber aufgrund der Netzengpässe physikalisch nicht bei ihnen ankommen. Der Strom, den sie verbrauchen, wird stattdessen mit Gaskraftwerken teuer in ihrer Nachbarschaft erzeugt.

Porträtaufnahme von Christine Wörlen.
Foto: Arepo Consult

Christine Wörlen

ist Gründerin des Forschungs- und Beratungs­unternehmens Arepo, das in Deutsch­land und inter­national Energie- und Klima­schutz­pläne und -projekte evaluiert und politische Entscheidungs­träger zu Institutionen, Instrumenten und Maßnahmen berät. Zuvor leitete die promovierte Geo­ökologin bei der Deutschen Energie­agentur (Dena) den Bereich erneuerbare Energien.

Dem Blickwinkel der Netzbetreiber geschuldet spricht der Stresstest viele technisch und wirtschaftlich sinnvolle Optionen überhaupt nicht an, zum Beispiel die gezielte Lastflexibilisierung oder den Einsatz von Speichern, die das Netz deutlich entlasten würden.

Aus ganz verschiedenen Gründen sind diese Möglichkeiten nicht im Blick oder im Verantwortungsbereich oder im Interesse der Netzbetreiber.

Es ist Aufgabe der politisch Verantwortlichen, nicht der Netzbetreiber, diese Schlüsse entsprechend in die politische Debatte einzubringen und diese Optionen zu mobilisieren. Die Netzbetreiber kennen diese Optionen selbst nicht, und haben weder das Interesse noch die regulatorisch-technische Zuständigkeit, diese Optionen in ihre Analysen einzubeziehen oder aktiv zu heben.

Es ist einfach zu viel verlangt, dass diese heute privatwirtschaftlich agierenden ehemaligen Monopolisten den ganzen Lösungsraum in ihren Stresstest einbeziehen. Manche der möglichen Lösungen sind nämlich aus Sicht der Netzbetreiber schlicht nicht wünschenswert, etwa die – von der EU und vielen Experten geforderte – Aufteilung des deutschen Strommarktes in mehrere Preiszonen.

Ähnliches gilt für Möglichkeiten wie die Flexibilisierung des Strombedarfs oder das Eindämmen des sogenannten Einspeisemanagements – also des Abregelns von Wind- und Solarstromerzeugung durch die Nutzung von dezentralen Speichern.

Pseudofaktenbasiertes Austarieren ist keine Politik 

Dieser Befund ist hochproblematisch, offenbart er doch, wie hilf- und fantasielos der Regierungsapparat der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt in Hinblick auf die wichtigsten wirtschafts- und industriepolitischen Weichenstellungen der nächsten Jahrzehnte zu sein scheint.

Auch wenn es sich um technische Zusammenhänge handelt: Es ist ureigenste Aufgabe von Politik, den Lösungsraum aktiv selbst zu definieren und das Für und Wider verschiedener Ansätze gegeneinander abzuwägen. Und wenn man sich schon hinter technischen Dokumenten versteckt, hätte man diese wenigstens vollständig lesen können.

Ein eklatanter Strommangel besteht nämlich auch laut diesem Stresstest in Deutschland nicht. Auch ohne die Änderungen am Atomgesetz, die der Streckbetrieb erfordert, gibt es einen solchen Mangel nicht.

Das Machtwort des Kanzlers – scheinbar auf Basis des Stresstests gesprochen – hat schlussendlich mit den technischen Untersuchungen überhaupt nichts mehr zu tun, sondern repräsentiert ein typisch deutsches Aushandlungsergebnis.

Man trifft sich halt in einer wahrgenommenen Mitte, egal was die Technik dazu sagt oder die Wirtschaftlichkeit. Fakten sind dabei total egal.

Diese Herangehensweise hilft uns also am allerwenigsten bei einer faktenbasierten und evidenz- und effizienzorientierten Politik. Sie wird weder die Dekarbonisierung der Wirtschaft voranbringen noch unsere Abhängigkeit von russischem (oder anderem) Gas reduzieren.

Zurück bleibt ein fahler Geschmack: Die pseudofaktenbasierten Diskussionen um den Stresstest haben nur viel Energie und politisches Kapital verschwendet und werden nun auch noch reale Kosten erzeugen. Wie schade.

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