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Kein Blackout

Der Strom-Stresstest ist da: Zwei Atomkraftwerke bleiben nach dem 1. Januar in Reserve. Das ist okay, aber nun muss endlich die große Offensive zum Umbau des Energiesystems kommen. Dieses System ist nicht zukunftsfähig, von der Klimawirkung ganz zu schweigen. 


50-Hertz-Angestelle im Kontrollzentrum in Berlin-Marzahn
Transmission Control Centre in Berlin-Marzahn: Was über Jahrzehnte versäumt wurde, muss nun im Eiltempo nachgeholt werden. (Foto: 50Hertz)

"Einsatzreserve" – das ist Robert Habecks neues Zauberwort, um gleich zwei Blackouts zu verhindern: den im deutschen Stromsystem und den in der Grünen-Partei.

Zwei der drei noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke sollen nicht, wie bisher gesetzlich festgelegt, am 31. Dezember stillgelegt werden. Sie werden nach den Plänen des Ampel-Wirtschaftsministers bis Mitte April betriebsbereit gehalten, um nötigenfalls einen Beitrag zur Stabilität des Stromsystems leisten zu können.

Das ist eine gute Lösung, an und für sich, aber auch für die Grünen. Die Anti-Atomkraft-Partei vermeidet damit den Stresstest, den ein "Streckbetrieb" oder gar eine Laufzeitverlängerung um Jahre mit sich gebracht hätte. Letzteres hätte die Stabilität der Ampel-Regierung gefährdet, denn die Ökopartei wäre an den Rand der Spaltung gekommen.

Der Stresstest für das Stromnetz im kommenden Winter, den Habeck von den Netzbetreibern hat machen lassen, bedeutet inmitten der von Putins Ukrainekrieg ausgelösten Energiekrise eine gewisse Beruhigung. Hauptaussage ist nämlich: Die Gefahr, dass die Lichter hierzulande ausgehen, ist minimal. Krisenhafte Situationen im Stromsystem im kommenden Winter seien "sehr unwahrscheinlich".

Das heißt: Es gibt grundsätzlich genügend Kraftwerkskapazitäten, zudem Flexibilität durch den Verbund mit den Nachbarländern. Da die Blackout-Gefahr aber nicht ganz auszuschließen ist, bleiben die zwei AKW-Blöcke im Süden, Isar 2 und Neckarwestheim 2, in der Reserve.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, nach jetziger Lage, dass die beiden Reaktoren nach dem 1. Januar nicht wieder angeschaltet werden müssen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Energiepolitiker sich beruhigt zurücklehnen können. Ganz im Gegenteil.

In die missliche Situation ist Deutschland ja nur gekommen, weil der Ausbau der erneuerbaren Energien, der Netze, der Speicher und vor allem auch die Energieeffizienz in den letzten Jahren und Jahrzehnten sträflich vernachlässigt wurden.

Vernachlässigte Energiewende im Süden

Deutschland könnte heute bereits ein Stromsystem haben, das zu 80 Prozent auf erneuerbaren Energien basiert, wenn die Merkel-Regierungen die Umstellung nach 2010 nicht abgewürgt hätten. Dann, und wenn die Modernisierung des Strommarktdesigns mit der Abhängigkeit vom Gaspreis nicht verschleppt worden wäre, hätte Putins Gaskrise im Elektrizitätsbereich nicht solche Verwerfungen erzeugt.

Wie stark die Fehler der Vergangenheit nachwirken, zeigt sich jetzt besonders in der AKW-Verlängerungsfrage. Nötig ist die Atom-Reserve laut dem Stresstest im Süden der Republik, wo besonders Bayern mehr Windkraft und Stromtrassen aus dem Norden verhinderte, die die Versorgung verbessert hätten.

Im Norden hingegen kann das niedersächsische AKW Emsland, wie nach dem Fukushima-Supergau 2011 beschlossen, endgültig abgeschaltet werden.

Erstaunlich ist, wie leichtfertig die oppositionelle Union, aber auch die Ampelpartei FDP jene Sicherheitsbedenken über Bord werfen, die sie 2011 dazu bewogen, den Atomausstieg bis Ende 2022 zu beschließen. Das war für die beiden damaligen Regierungsparteien eine dramatische Kehrtwende, die sie ja wohl nicht nur aus Wahltaktik vollführt haben, sondern weil sie wie alle anderen Parteien den AKW-Betrieb für zu riskant hielten.

Jetzt geht es ihnen nicht nur um "Reserve" oder "Streckbetrieb", sondern gleich um mehrere Jahre Weiterlaufenlassen mit neuen Brennstäben. Dabei ist doch klar: Mit den Strommengen der drei AKW würden sich weder die Elektrizitätspreise wesentlich nach unten drücken lassen, noch könnte man damit große Mengen Erdgas einsparen. Der Stresstest ergab, dass nur deutlich unter einem Prozent weniger Gas gebraucht würden.

Der Stresstest zeigt, wie anfällig das alte System ist

Der Verdacht ist wohl nicht unbegründet, dass viele in Union und FDP gerne das alte zentralisierte Stromsystem zurück hätten: Große Kraftwerke produzieren viel Energie, der Kunde sagt: Der Strom kommt aus der Steckdose, sonst interessiert mich nichts – und gut.

Doch gerade der Stresstest zeigt ja, wie stark das fossil-nukleare System in der Krise steckt. Russisches Billig-Gas ist aus. Kohlekraftwerken am Rhein fehlt der Brennstoff, weil der Fluss, auf dem er transportiert wird, halb ausgetrocknet ist. Zwei Drittel von Frankreichs AKW stehen still, weil überaltert, anfällig für Schäden oder schlecht gewartet. Die Krise strahlt bis nach Deutschland, das Strom ins Nachbarland liefern muss.

Dieses Gesamtsystem ist nicht zukunftsfähig, von der Klimafrage ganz zu schweigen. Die lange aufgeschobene Transformation muss nun umso schneller nachgeholt werden.

Dafür gibt es zahlreiche Vorschläge, beginnend mit Eilmaßnahmen, um die Energiesicherheit in diesem Winter zu verbessern. Darunter einen Turbo beim Erneuerbaren-Ausbau, bessere Anpassung der Biogas-Verstromung, um Erdgasmangel teilweise zu kompensieren, und ein Lastmanagement mit Strom-Großverbrauchern gegen die Blackoutgefahr.

Und dann braucht es ein großes Maßnahmenpaket für Energieeffizienz, Umrüstung auf Wärmepumpen und beschleunigten Netzausbau. Dafür – statt für AKW-Laufzeitverlängerungen – lohnt sich der Einsatz, und zwar ohne Reserve.

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